Rosenheim – „Beim Kathrein“ zu arbeiten, kam über viele Jahre fast einem Beamtenstatus gleich: Der Arbeitsplatz galt als sicher, viele Mitarbeiter waren über Jahrzehnte im Unternehmen beschäftigt. In den vergangenen Jahren änderte sich das, die Firma geriet zunehmend in Schieflage und musste Hunderte Stellen abbauen. Auch mithilfe eines Sanierungsexperten war Kathrein als eigenständiges Familienunternehmen nicht zu retten. Am 1. Oktober 2019 übernahm der schwedische Telekommunikationskonzern Ericsson mit dem Antennen- und Filtergeschäft das Herzstück von Kathrein – und das ausgerechnet im Jubiläumsjahr.
Erfolgreich mit Rundfunkantennen
Begonnen hatte alles im Jahr 1919 in einer Kellerwerkstatt. Ingenieur Anton Kathrein erkennt zunächst das Potenzial des Mediums Hörfunk, in den 50er-Jahren setzt er höchst erfolgreich auf das Fernsehen. 1969, also 50 Jahre nach der Gründung, arbeiten rund 1000 Beschäftigte für Kathrein. Im Juni 1972 stirbt der Firmengründer im Alter von 84 Jahren und sein damals gerade erst 21 Jahre alter Sohn, Anton Kathrein junior, tritt die Nachfolge an.
Anders als sein Vater ist der Betriebswirtschaftler kein Mann der Technik, sondern der Finanzen. Im Lauf der Jahre darf er sich diverse Titel auf die Visitenkarte drucken lassen und wird, verkürzt, als Professor Dr. Kathrein bekannt. Sein Tag scheint 48 Stunden zu haben: Er gilt als unermüdlicher Macher, ist ständig unterwegs und bestens vernetzt. Jede Kleinigkeit im Betrieb ist ihm wichtig, alle Fäden laufen bei ihm zusammen. Ein Patriarch alter Schule, der das Unternehmen zu einem Global Player ausbaut. Ab den 80er-Jahren verdient Kathrein großartig mit Satellitenempfangstechnik, von den 90er-Jahren an sorgt Mobilfunktechnologie für hohe Wachstumsraten.
Im November 2012 stirbt Prof. Dr. Anton Kathrein im Alter von 61 Jahren. Unvermittelt und ohne Vorbereitung auf die Aufgabe als oberste Führungskraft rückt sein Sohn Anton Kathrein in den Blickpunkt. Er arbeitet erst seit wenigen Wochen als Ingenieur in der Firma, als er mit 28 Jahren die Last der Verantwortung für ein Unternehmen mit über 7000 Mitarbeitern weltweit auf seine Schultern nimmt. Chef sollte und wollte er schon mal werden, aber beileibe nicht so früh.
Unübersichtliche und
veraltete Strukturen
Die Hoffnung auf eine stabile Fortführung des Imperiums in dritter Generation zerschlägt sich für den Enkel des Firmengründers schon bald – zu unübersichtlich und verkrustet sind die Strukturen und Prozesse des Unternehmens im harten internationalen Wettbewerb, die sich als nicht konkurrenzfähig erweisen. Im riesigen und dicht bevölkerten Teich des globalen Mobilfunkmarkts ist Kathrein inzwischen ein kleiner Fisch, noch dazu ein schwer angeschlagener. Vor allem der chinesische Staatskonzern Huawei gräbt den Rosenheimern das Wasser ab.
Die Abwehrschlacht ist vergebens und letzen Endes bleibt nur die Erkenntnis, dass Kathrein es nicht alleine schaffen kann. Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Kunden und Technologiepartner Ericsson wird der schwedische Konzern mit seinem Einstieg zum rettenden Ufer für das Unternehmen, das die Region über viele Jahre geprägt hat. Rund 4000 Arbeitsplätze bleiben in der Ericsson Antenna Technology Germany GmbH erhalten, viele davon in Rosenheim.