Die große Freiheit

von Redaktion

Markus Acher über das Prinzip Offenheit beim neuen Album von The Notwist

Neugier und Offenheit waren schon immer charakteristisch für die Musik der Band The Notwist, die sich vor mehr als 30 Jahren in Weilheim gegründet hat und als eine der maßgeblichen Indie-Gruppen Deutschlands gilt. Doch auf dem neuen Album „Vertigo Days“, das am Freitag erscheint, pflegt The Notwist das Prinzip Offenheit konsequenter denn je. Man habe „das gängige Konzept einer Band infrage stellen, aber auch die Idee von nationalen Identitäten aufweichen“ wollen, sagt Sänger und Gitarrist Markus Acher. Deshalb gab man anderen Stimmen und Sprachen Raum, holte Gastmusiker wie die japanische Sängerin Saya von Tenniscoats, US-Jazzerin Angel Bat Dawid oder die argentinische Sängerin und Produzentin Juana Molina mit ins Boot. Über die Gegenwart und Zukunft von The Notwist spricht Markus Acher in unserem Interview.

Auf dem Cover steht zwar The Notwist – aber ein klassisches Band-Album ist „Vertigo Days“ eigentlich nicht, oder?

Doch, aber auf eine besondere Art. Wir wollten mal die Leute hörbar machen, die auf indirekte Art eh immer dabei sind – weil wir ihre Musik lieben oder sonst mit ihnen in Kontakt sind. Die vielen Einflüsse, die Projekte und Kollaborationen, die wir sonst so machen, spielen ja immer mit. Und wir dachten, nach so langer Zeit ist es gut, mal aus unserem abgezirkelten Band-Bereich rauszugehen und einige dieser Musiker wirklich vorkommen zu lassen. Aber das Ergebnis ist natürlich immer noch Notwist. Die Frage war für uns auch: Wie weit können wir weggehen vom typischen Notwist-Sound – und trotzdem sind es noch wir?

Wie lässt sich dieses vielstimmige Album live umsetzen – ohne die Gäste?

Da haben wir bis jetzt noch gar nicht drüber nachgedacht. Wenn wir eine Platte machen, ist es uns auch erst mal egal, wie das live wird. Da müssen wir dann mal schauen, ob wir live die Parts unserer Gäste selber übernehmen können. Vielleicht können wir das ein oder andere Stück auch gar nicht live spielen. Es sind ja genug andere Werke auf dem Album, insofern ist das nicht so wichtig.

Sie sind mittlerweile alle um die 50 und seit über 30 Jahren musikalisch im Geschäft. Was macht man als Popmusiker mit 50 anders als mit 30? Oder besser: Was machen Sie und Ihre Kollegen heute anders?

Wir denken noch weniger darüber nach, wie andere das finden könnten, was wir da tun. Irgendwie haben wir so eine Freiheit, dass wir uns sagen: Wir machen einfach das, worauf wir Lust haben. Respekt vor den selbst ernannten Experten im Musikbusiness haben wir eigentlich gar nicht mehr, das ist komplett weg. Und wenn das vielleicht finanzielle Folgen für uns hat, ist das okay. Es ist unsere Entscheidung.

Gab es auch mal ernsthafte Krisen bei The Notwist?

Nee, nicht so grundsätzlich. Micha und ich sind ja Brüder, wir halten da eh viel aus. Aber echte Krisen gab es nicht. Das Gute war: In dem Moment, als jemand ausgestiegen ist, waren immer schon Leute da, die Lust hatten, richtig einzusteigen. Als Mecki Messerschmidt vor Jahren als Schlagzeuger aufhörte, hatten wir vorher schon Andi Haberl kennengelernt. Und als Martin Gretschmann aufhören musste, weil es einfach zu viel für ihn wurde und er sich entscheiden musste, da war es so, dass Cico Beck ihn zuvor schon teilweise ersetzt hatte – und dann bereit war, ganz einzusteigen. Alles, was zu Krisen hätte führen können, ging eigentlich bestmöglich aus.

Ist es für Sie vorstellbar, auch mit 70 noch in dieser Band zu spielen?

Ja klar. Das ist das, was man in dieser Corona-Zeit, in der so vieles plötzlich nicht mehr möglich war, ja tatsächlich gemerkt hat: Man macht das nicht, weil es ein Beruf ist, sondern weil es für einen selber einfach wichtig ist, das zu tun, weil einem sonst was abgeht. Es ist ein Ventil, ein Ausdruck für einen selber. Deshalb werden wir das immer vorantreiben.

Wie hat die Pandemie Ihr Leben und Arbeiten verändert?

Wie bei allen anderen auch, die in einem kreativen Beruf zu tun haben: Wir können nicht mehr so arbeiten wir vorher, es ist auch finanziell schwierig. Und zugleich haben wir geschaut, was wir noch erreichen können – und was wir anders projektieren können. Deshalb haben wir zum Beispiel mit der Hochzeitskapelle in Hinterhöfen gespielt oder auf einem Wagen, der durch München gezogen wurde. Das war total toll und sehr inspirierend –wie auch viele andere neue Initiativen von Leuten, die einfach was entwickeln, weil sie was machen wollen. Die negativen Seiten der Corona-Krise brauche ich nicht aufzuzählen, die weiß eh jeder. Positiv war zu sehen, dass man aus Routinen, aus eingefahrenen Mustern ausbrechen kann.

Inwieweit können Sie momentan überhaupt für die kommenden Monate planen?

Man kann nicht planen, aber wir planen trotzdem. Das ist seit März schon so: Man plant irgendwas, dann wird es verschoben, dann plant man um, und es wird wieder verschoben… Am Anfang wurden wir depressiv, aber inzwischen ist es gar nicht mehr so. Wir überlegen zum Beispiel, wie wir kommendes Frühjahr kleine Konzerte angehen können. Und wenn es nicht so funktioniert, wie gedacht, ist es auch nicht so schlimm. Irgendwelche Sachen klappen immer.

Das Gespräch führte Magnus Reitinger.

The Notwist:

„Vertigo Days“ (Morr Music).

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