Vielleicht ist Volker Lechtenbrink nie der ganz große deutsche Star geworden, der er hätte sein können – weil er zu viele Dinge gleich gut konnte. Schon als 14-Jähriger fällt er neben Fritz Wepper im bahnbrechenden Antikriegsfilm „Die Brücke“ (1959) auf und absolviert danach eine Schauspielausbildung. Mit seiner kräftigen, unverwechselbaren Stimme macht er sich einen Namen am Theater, tritt in Filmen und im Fernsehen auf, oft als Bösewicht. Der knarzenden Stimme wegen und wegen der eindrucksvollen intensiven Augen, die bei Bedarf einen leicht irren Blick aussenden konnten.
Aber Lechtenbrink inszenierte eben auch gern (und erfolgreich), hatte Freude daran, Intendant an Bühnen zu sein und Theaterstücke neu zu übersetzen, jene von Molière zum Beispiel. Gleichzeitig komponierte und textete er gemeinsam mit Knut Kiesewetter Lieder. Ursprünglich für andere Künstler, aber seine deutschen Fassungen der Country-Songs von Kris Kristofferson, Waylon Jennings und Willie Nelson waren den Kollegen oft zu düster, also sang er sie dann selber – und landete prompt in den Hitparaden. Erst danach fanden vor allem seine Texte Abnehmer, unter anderem für das Lied „Rücksicht“, mit dem Hoffmann & Hoffmann 1983 Deutschland beim Eurovisionswettbewerb vertraten und damit immerhin den fünften Platz erreichten.
Schlager seien das nie gewesen, betonte Lechtenbrink gerne, sondern erzählte Geschichten, in denen es um Trunksucht, häusliche Gewalt, gescheiterte Existenzen gehe. Beeinflusst hat ihn in der Hinsicht besonders Kristofferson, der US-Sänger und Schauspieler, dem er in Filmen oft die Stimme lieh. Und selbstverständlich inspirierte ihn sein eigenes Leben, mit dem er angelegentlich am Abgrund entlangschlitterte: Lechtenbrink machte nie ein Geheimnis daraus, dass er einen Hang zum Exzessiven hatte. Beim Feiern, Trinken, Rauchen und „anderen unvernünftigen Dingen“ trieb er es oft bunt.
Seine Tochter attestierte ihrem Vater einmal das Potenzial für eine Karriere als Obdachloser. Er sei halt keiner, der um sieben Uhr abends im Bett liege, verteidigte sich Lechtenbrink. Überflüssig zu erwähnen, dass er fünf Mal verheiratet war. Sein manischer Hang zum Sport mag geholfen haben, das in Balance zu bringen. Er hatte ja tatsächlich immer alles im Griff, trotz mancher Eskapaden. Stolz erzählte er, dass er keine einzige Vorstellung oder auch nur eine Probe verpasst habe. Wenn man ihn dann darauf ansprach, dass er sich angesichts seines Lebenswandels im Alter gut gehalten habe, korrigierte das Lechtenbrink mit einem nachsichtigen Lächeln: „Wegen dieses Lebenswandels habe ich mich gut gehalten.“
Er war privat oft ein wilder Hund, aber auch Profi und Pragmatiker. Als ihm ein Heißgetränkhersteller einen sehr lukrativen Werbevertrag bot, textete er seinen Hit „Ich mag“ für das Produkt um; später trat er ohne Bauchschmerzen in Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen und dergleichen auf.
Über 60 Jahre hat Lechtenbrink mehr oder minder ununterbrochen gedreht, 80 Produktionen sind verzeichnet. Unzählige Theateraufführungen und Konzertauftritte kamen dazu und zwischendrin die Plattenaufnahmen. Die Lebenslust, Ex-Frauen und die Ausbildung der Kinder mussten finanziert werden. Außerdem arbeitete Lechtenbrink einfach gerne. Wie er so viel Arbeit, so viel Genuss und unterschiedliche Interessen in ein einziges Leben packen konnte, bleibt sein Geheimnis. Nun ist Volker Lechtenbrink nach schwerer Krankheit mit 77 Jahren gestorben. „Ich habe ein gerades Leben gelebt und viel Spaß gehabt“, hat er gesagt. Mehr geht nicht.
Allein an 80 Filmen war Lechtenbrink beteiligt