Der verblüffend Wandelbare

von Redaktion

AUSSTELLUNG Das Museum Penzberg zeigt „Gerhard Fietz – Formen innerer Freiheit“

VON SIMONE DATTENBERGER

Er war der Stille und der Furiose: Gerhard Fietz (1910-1997). Seinem Schaffen, dem jetzt das Museum Penzberg – Sammlung Campendonk eine Schau vom Früh- bis zum Spätwerk, vom Expressionismus bis zur Material- und Farbfeldmalerei widmet, sieht man sofort die malerische Spielfreude an: Raum für Raum. Wie der mythologische Proteus verwandelt Fietz sich vor unseren verblüfften Augen. Die Ausstellung „Gerhard Fietz – Formen innerer Freiheit“ ist vielleicht deswegen ja auch für alle Betrachtenden befreiend. Jeder und jede darf mit den eigenen Sinnen, Gefühlen und Hirnwindungen erleben, dass Vielfalt erlaubt ist, dass man vogelwilde Gegensätze zulassen kann, dass das Zarte, Ruhige, Gedämpfte womöglich gar kein Gegensatz zum Festen, Lauten, Bunten ist. Dass unser ständiges Entweder-oder-Denken eigentlich Blödsinn ist.

Durch die Stiftung Lensch hat das Museum Penzberg seit 2014 einen beachtlichen Bestand an Fietz-Werken; und nun zur geplanten Exposition öffnete die Familie außerdem ihre Schatzkisten. Kuratorin Freia Oliv (übrigens Mitarbeiterin unserer Zeitung) konnte also aus Gemälden, Grafiken, Foto- grafien, Skizzenbüchern (sogar aus der Kriegszeit in Russland), bemalten Steinen, Keramikschalen und Maskenbrettern auswählen. Da sie den gebürtigen Breslauer und von 1939 bis 1951 Wahlbayern Fietz im Kontext von Lehrern und Kollegen präsentieren wollte, gibt es zusätzlich Arbeiten von Karl Schmidt-Rottluff, Oskar Schlemmer und Heinrich Nauen zu entdecken – sogar im Vorzeige-Campendonk-Saal.

Gerade mit ihm verbindet Fietz nach der Schoah- und Kriegskatastrophe, die die Menschheit geschändet hat, die alte Hoffnung der Klassischen Moderne. Sie musste in eine Trotzdem-Hoffnung der Nachkriegskunst überführt werden. Die Gruppe Zen 49, zu der Gerhard Fietz gehörte, versuchte es mit Entschlackung. Allzu viel Askese war aber Fietzens Sache nicht.

Die Sinnlichkeit des Expressionismus, bisweilen ein gewisses Pathos behielt er bei – immer stark abstrahierend. Er folgte darin der Strategie von Wassily Kandinsky: Auflösung, Reduzierung in Farbwolken und Geometrisierung, deren Elemente jedoch spielerisch tändeln. Paul Klee, Juan Miró oder Hans Arp standen gewissermaßen an seiner Seite.

Am deutlichsten grenzt sich Fietz von seinen Kollegen ab im Blick auf die Menschen. Tauchen sie bei den anderen gar nicht oder nur als figürliches Prinzip auf, muss Fietz sie einfach persönlich nehmen. Das trifft nicht nur auf die intensiven Selbstporträts zu. Am bewegendsten ist das bei den Fotos und Arbeiten auf Papier, die Russen zeigen: Feinde gibt es schlichtweg keine; es gibt nur die ernste Frau mit Kopftuch oder ein altes Bauernpaar, dick eingemummelt im Winter – Menschen eben.

Bis 27. Februar 2022,

Di.-So. 10-17 Uhr; 08856/81 34 80; Begleitbuch (Briefe und Gemälde), Wienand Verlag: 29,80 Euro.

Artikel 7 von 7