Das große Stricken

von Redaktion

Nadeln wie wild ist wieder im Trend – Ein Besuch im Kino, in der Werkstatt oder der Suppenküche

Rosenheim/Landkreis – Früher lernte man das Stricken und Häkeln in der Grundschule, meistens war es ein Schal, den dann die Mamas oder Omas zu Hause fertig strickten. Die Handarbeitslehrerin merkte sofort, wenn da eine Könnerin ihre Hand angelegt hatte, sagte aber meistens nichts. Stricken lernen gehört heutzutage nicht mehr zur „Grundausbildung“ in der Schule, der Fokus wird eher aufs Handwerk gelegt.

Aber wer meint, Stricken sei vom Aussterben bedroht, irrt sich. Gibt man „Stricken“ bei Google ein, erhält man über 90 Millionen Einträge, vom Anfängertutorial auf Youtube bis hin zu komplizierten Zopf- oder Norwegermustern, Anleitungen vom Stirnband bis zum Hundemantel.

Und Strickerinnen sind nicht nur Frauen 60+, wie im wöchentlichen VHS-Stricktreff „Stricken für Wollsüchtige“ in der Werkstatt von Angela Mayer-Spannagel, sondern auch junge Mädchen und Frauen und neuerdings Männer. Doch Stricken war Anfang des 16. Jahrhunderts eigentlich reine Männersache und auch in Ländern wie Island ist es durchaus üblich, dass Männer ihre typischen warmen Rundpassen-Pullover selbst stricken.

Fäden, die
nicht reißen

Stricken kann man immer und überall: zu Hause beim abendlichen Fernsehschauen, im Zug, in Wartezimmern, am Badesee, als Beifahrer im Auto, in Strickcafés und neuerdings im Kino. Ein Hype, der in vielen Großstädten gerade Furore macht und mittlerweile im Landkreis Rosenheim angekommen ist. Strickbegeisterte tun sich gerne zusammen, man bewundert die Strickkunst der anderen, holt sich Tipps und Anregungen und strickt und ratscht einfach vor sich hin. So auch in „Mikes Kino“ in Prien, wo vor Kurzem das erste Strickkino stattfand. Martina Engel, Mikes Frau, ist selbst eine leidenschaftliche Strickerin und war von der Idee sofort begeistert. Die hatte Sissy Dolganow von „Strikkeart“ in Achenmühle, einem Wollgeschäft mit Café. Das Geschäft im urigen Blockhaus hat die gelernte Mode-Designerin und Schneiderin von ihrer Mutter übernommen und ist seit ihrer Kindheit mit dem Thema vertraut. Mit ihren Stricknachmittagen, Abendevents und Suppensamstagen bietet sie ihren Kundinnen und Kunden einen „Happy Place“. „Du kommst allein, bist es aber nicht“, sagt sie über die Strickgemeinschaften an den vier Tischen in ihrem Laden. Diese Intention verfolge sie auch mit dem ersten Strickkino in Prien. „Man geht vielleicht nicht gern allein ins Kino, hier trifft man auf alle Fälle Seelenverwandte, die das Stricken für sich entdeckt haben, nebenbei gibt es einen guten Film.“ Gezeigt wird der französische Film „Die großen und die leisen Töne“ mit dem Untertitel „Es gibt Fäden, die nicht reißen“. In der Geschichte geht es um zwei Brüder, die in ihrer Kindheit auseinandergerissen wurden, aber über eine Krankheit zusammenfinden. Sie leben in völlig unterschiedlichen Welten, haben jedoch beide eine große musikalische Begabung, die sie unterschiedlich ausleben. So passt der Film zur Strickleidenschaft, es ist egal, woher man kommt, wie alt man ist, ob man eine Profi-Strickerin oder eine Anfängerin ist. Oder ob man ein Mann ist, einer hat sich tatsächlich verirrt in die Frauenrunde: Toni Hillinger, Florist aus Prien. „Ich stricke seit meinem zwölften Lebensjahr und was die anderen sagen, war mir immer schon wurscht.“ Meistens strickt er für sich, doch da er eh gern in dieses Kino gehe, habe er die Gelegenheit wahrgenommen, obwohl er den Film schon gesehen habe. Wie seine Strick-Kolleginnen hat er sich ein einfaches Strickstück, eine Mütze, mitgebracht. Auch wenn das Licht an ist, reicht es doch nicht für komplizierte Strickmuster. Seine Schwester Martina aus Ainring, die neben ihm sitzt, strickt Socken. „Ich war oft auf Reha, da gibt es so viele Wartezeiten, die kann man gut mit Stricken ausfüllen. Man denkt nicht nur an seine Wehwehchen“.

Eine Suppe passt
ganz gut

Die Suppensamstags-Strickerinnen in Achenmühle sehen es sogar als Therapie. Für sie das Stricken die ideale Methode, um wieder etwas mehr Gelassenheit und Ruhe in das eigene Leben zu bringen. Eine wissenschaftliche Studie der Universität von Cardiff betont den Effekt, dass Stricken glücklich macht. Stricken wirkt sich allerdings nicht nur positiv auf unseren Gemütszustand aus, sondern es ist auch ein ausgezeichnetes Training für unser Gehirn und trainiert die Geschicklichkeit unserer Hände und Finger. Wenn man ein Strickzeug in der Hand habe, hören die Gedanken auf zu kreisen, man konzentriert sich auf das Stricken.

Durch ein Strickwerk hat man etwas greifbares Selbstgemachtes, was zu einer inneren Zufriedenheit führt, hinterlässt ein positives Gefühl und vermittelt somit einen Anreiz für weitere Aufgaben. Das beflügelt unsere Seele und tut gut! So beschreibt es auch Sissy Dolganow. „Das Stricken in Gemeinschaft ist eine Art Me-Time, Zeit für sich, aber doch in Gemeinschaft.“ So sehen es auch Mutter und Tochter Martina und Sophia Knabl aus Halfing. „Ich wollte einen bestimmten Pullover, dann hat meine Mama nur gemeint, dann strick in dir!“ Gesagt, getan, kam sie mit Youtube-Videos von null auf hundert, wie sie selbst sagt. In der Schule gelernt habe sie das Stricken nicht. Neben den beiden sitzt Nadine Lilie aus Rosenheim, sie wirken wie gute Freundinnen, kennen sich aber nicht. So ist es auch am Nebentisch, ein bunt zusammengewürfelter Haufen von Frauen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, aber diese eine Leidenschaft teilen: das Stricken.

Wollknäuel
werden gewickelt

Die „Wollsüchtigen“ bei Angela Mayer-Spannagel stricken nicht nur, sie frühstücken auch jeden Donnerstag ausgiebig miteinander. Heute wird noch dazu ein Geburtstag gefeiert, das Geburtstagskind Angela Michaelis spendiert Brot, Aufstriche und Kuchen. Doch Anna Feicht braucht Platz für die Woll-Wickelmaschine. Es herrscht ein lustiges Durcheinander, Strickzeug und Wollknäuel liegen auf dem langen Tisch, es wird gefrühstückt und gestrickt, man bewundert die Strickkunst und die Wolle der anderen, genießt den Kuchen und ist sich einig: Stricken in Gemeinschaft ist super. Seit vielen Jahren kommen die Frauen schon hier her, es haben sich Freundschaften gebildet und für Herbst ist sogar eine Strickreise geplant.

Besondere
Magie

Die jüngste Strickerin im Kino ist Finja Raab, die 14-Jährige ist mit ihrer Tante Daniela und Mutter Barbara hergekommen. Das Hobby ist wie bei Martina und ihrer Tochter Sophia Familiensache und wurde quasi von Generation zu Generation weitergegeben. Gerade stricke sie an einer kleinen Tasche, passend zu ihrem kleinen Stricktuch, das sie um den Hals trägt. Es müssen schließlich nicht immer Pullover oder Socken sein. Auch Ina Bachem strickt eigentlich immer und überall und spricht von der „Magie des Strickens“, der man sich, wenn man einmal vom Woll-Virus infiziert ist, nicht mehr entziehen kann. Alle Kino-Besucherinnen und Toni Hillinger sind sich einig: „Strickkino ist super, wir kommen wieder!“ Ja, es gibt anscheinend wirklich Fäden, die nicht reißen…

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