Schechen/Tansania – Das Schicksal der kleinen Katarina (8) hat Claudia Stadler sehr bewegt. Daher war für die Frau aus dem Landkreis Rosenheim klar, dass sie dem Mädchen aus Tansania helfen möchte. Inzwischen hat Stadler ihr ein „Naggl“ gebracht. Das in der Region entworfene Gehgerät hat Katarina wieder auf die Füße geholfen.
Auf einer Reise durch Tansania machte Stadler mit ihrer Familie an der Foresight Lodge halt. Von der Ferienunterkunft aus werden mehrere soziale Projekte gesteuert, an denen sich auch Stadler beteiligt. „Ich habe eine Schule mit aufgebaut“, erklärt die 50-Jährige. Neben anderen Spenden brachte sie 14 Laptops nach Tansania.
Einzige Perspektive:
Ein Plastikstuhl
Als sie durch den befreundeten Tansanier Raphael Challangi erfuhr, dass die Tochter einer Mitarbeiterin der Lodge dringend Hilfe braucht, wurde Stadler hellhörig. Der Hilferuf führte sie zu einer einfachen Lehmhütte, in der Katarina (8) mit ihrer Familie lebt. „Das Mädchen habe ich im Alter von fünf Jahren kennengelernt, nun ist sie acht“, so Stadler.
Das Mädchen ist schwerbehindert und in der Bewegung stark eingeschränkt. Sie habe sich bisher nur am Boden dahingeschleppt und weder aufrecht sitzen, geschweige denn aufstehen oder gehen können. „Katarinas einzige Perspektive war ein Plastikstuhl“, erinnert sich Stadler. Berührt vom Schicksal des Kindes, kehrte sie zurück nach Deutschland.
Für sie stand fest: Sie möchte helfen. Wie es der Zufall wollte, entstand gerade im Landkreis Rosenheim ein Gehgerät für Kinder wie Katarina. Ärzte sowie Holz- und Metalltechniker hatten sich in Schechen zusammengeschlossen, um eine alltagstaugliche Gehhilfe zu entwickeln.
Initiiert wurde das Projekt von Dr. Simon Kappl, Schreiner Sebastian Griesser, Metalltechniker Klaus Wittko und Ergotherapeutin Theresa Hauser. Simon Kappl ist Facharzt für Orthopädie, Unfallchirurgie und Kinderorthopädie und war einige Jahre an der Schön Klinik Vogtareuth tätig. Er sagt: „Wir müssen die betroffenen Kinder aus der Fehlstellung abholen.“ Gemeinsam mit dem Team entwickelte er in fast zehn Jahren Arbeit den „Naggl“ – kurz für Neuro-Anatomic-Gluteal-Gait-Learner.
„Der ‚Naggl‘ unterstützt Kinder mit ausgeprägten Bewegungseinschränkungen, aus einer horizontalen in eine vertikale Position zu kommen“, erklärt Kappl. So mache man Betroffene beweglicher. Das kann seiner Meinung nach sowohl die Lebensqualität der Kinder als auch der pflegenden Angehörigen verbessern.
„Mobile Kinder wollen Dinge entdecken“, erklärt Kappl. Auch den Angehörigen fällt dadurch vieles leichter. „Ein zweijähriges Kind kann man natürlich noch recht einfach heben und bewegen. Aber wenn das Kind dann irgendwann 16 ist, wird es schon zur Herausforderung“, betont der Mediziner.
Dass Kinder in ihrer Bewegung so stark eingeschränkt sind, liegt ihm zufolge meist an neurologischen Erkrankungen. Darunter fallen etwa frühkindliche Schlaganfälle oder eine verminderte Versorgung mit Sauerstoff. „Zusammenfassen kann man die Ursachen unter dem Begriff Zerebralparese“, erklärt Kappl. Diese Gruppe an Erkrankungen verursacht vor allem Bewegungsstörungen und Spastiken. So auch bei Katarina aus Tansania. „Alles, was wir wissen, deutet darauf hin, dass sie Probleme mit der Sauerstoffversorgung des Gehirns vor oder während der Geburt hatte“, sagt Kappl. Der Orthopäde hat anhand von Claudia Stadlers Informationen eine Diagnose aus der Ferne gestellt. „Die ist nicht hundertprozentig, aber ich bin mir ziemlich sicher“, sagt er. Nach langer Überlegung einigte man sich darauf, dass ein „Naggl“ Katarina helfen könnte.
Schreiner Sebastian Griesser bot seine Unterstützung an. „Als Sebastian von Katarina erfahren hat, wollte er sofort helfen“, betont Claudia Stadler. Also baute der Holztechniker einen einfachen „Naggl“, den man gut transportieren und montieren kann. „Wir haben den ‚Naggl‘ dann noch einmal in seine Einzelteile zerlegt“, erinnert sich Griesser. So lernte Stadler, wie sie ihn in Afrika zusammenschrauben muss. „Das Allerschönste ist, dass er in Tansania leicht repariert werden kann“, betont sie.
Mit dem „Naggl“ im Gepäck machte sich Claudia Stadler mit ihrer Tochter im Oktober 2024 wieder auf den Weg nach Tansania. Allerdings stellte sich die Einreise als schwierig heraus. „Wir hatten wirklich Probleme“, erzählt sie. Neben den Bauteilen des Gehgeräts brachte sie auch Werkzeug aus Deutschland mit.
„Das hat den tansanischen Zoll ziemlich in Aufregung versetzt und uns ins Schwitzen gebracht“, erinnert sich die 50-Jährige. Der Anblick sei aber wirklich sehr merkwürdig gewesen. Erst als eine Ordensschwester, die Stadler und ihre Tochter vom Flughafen abholte, einschritt, durften sie passieren – sehr zur Erleichterung der beiden Reisenden.
Wenige Tage später konnte Katarina die Gehhilfe zum ersten Mal ausprobieren. „Sie war total begeistert vom ‚Naggl‘“, erinnert sich Stadler. Das Mädchen habe sofort gewusst, wie es das Gerät nutzen kann. „Katarina war so stolz, dass sie aufrecht sitzen und sich vorwärtsbewegen kann“, sagt Stadler. Dann jagte ein Erfolg den nächsten. „Das Kind hat sich von Tag zu Tag besser fortbewegen können, wurde immer aktiver“, erzählt sie. Am letzten Tag von Stadlers Reise konnte Katarina alleine aufstehen. „Das war wirklich ein ganz bewegender Moment“, erinnert sich die 50-Jährige.
Allerdings sei das Ziel des Projektes auch gewesen, möglichst vielen Kindern die Benutzung des „Naggls“ zu ermöglichen. „Deshalb wird das Gerät in kurzer Zeit in ein nahegelegenes Kinderkrankenhaus umziehen“, so Stadler. Dort bekomme auch Katarina Physiotherapie und könne die Gehhilfe weiterhin nutzen.
Zukunft für Menschen
mit Behinderung
Ohne diese Hilfe hätte Katarina keine Chance auf Besserung gehabt, da ist sich Stadler sicher. „Menschen mit Behinderung haben in Tansania keine wirkliche Überlebenschance“, sagt Stadler und erzählt, dass viele direkt nach der Geburt ausgesetzt werden und so wilden Tieren zum Opfer fallen. Sie als Mutter kann diesen Gedanken zwar schwer ertragen, sagt aber: „Bei den Lebensbedingungen in Tansania haben die Menschen oft keine andere Möglichkeit.“ Sie kämpfen mit Hungersnot und Armut, medizinische Versorgung gebe es kaum. Deshalb brauche es diese Hilfe von außen.
Stadler betont dennoch: „Ohne die Freundschaft zum Team der Foresight Lodge hätte ich nichts machen können.“ Bei Projekten in solchen Ländern bestehe oft die Gefahr, dass man sich zwar stark engagiere, sich das aber dann verlaufe. „Wenn niemand vor Ort ist, passiert das schnell.“ Bei Katarina hat es aber geklappt. Und vielleicht hilft der „Naggl“ aus Schechen bald auch anderen tansanischen Kindern auf die Beine.