Aschau – Für Modedesignerin Hedi Bouley ist Mode essenziell. Aber seit knapp zehn Jahren hat sie eine neue Berufung: das Verwerten von Stoffen und Garnen, die die Textilindustrie nicht verwenden kann.
Diese sogenannten „Laschen“ sind Muster, gefüllt mit Stoff- und Strickmustern. „Allein in Deutschland wandern jedes Jahr über eine Viertelmillion solcher Laschen mit diesem luxuriösen Abfall aus Seide, Cashmere oder Leinen in den Müll“, sagt Bouley. Das kann nicht angehen, dachte sich die gebürtige Ravensburgerin. Und gründete flugs ihr eigenes Label: LPJ. Das steht einerseits für Lisa, Paul und Joseph, meine Kinder, aber auch für love, peace. Beides passt, denn die eigene Kollektion ist ihr eine „Herzenssache“.
LPJ: Das ist Upcycling und Recycling, da wird neu interpretiert und designt – aber alles im Sinne von Nachhaltigkeit. Und eben auch regional, denn entworfen und gefertigt wird in Aschau. Hedi Bouleys Wohnhaus in Aschau ist zugleich auch Werkstatt und Atelier. Ein großer Webstuhl ziert den Eingang zum Atelier. In einem wandhohen Schrank lagern Stoffmuster und Garne, und im Keller – ebenfalls fein säuberlich nach Regenbogenfarben sortiert – warten die Laschen auf Weiterverarbeitung.
Ihr Team ist immer mittendrin. Bouley sagt, dass ihre kreativen Einfälle über das Material kommen. „Bei uns entsteht alles im Haus.“ Das Design, das Zusammenstellen der Materialien, das Punchen (eine besondere Art des Stickens), das Nähen, das Weben, das Kaltfilzen (so kann man weder vorn noch hinten eine Naht erkennen). Aus den Laschen entstehen großformatige Interior-Objekte mit hohem Designanspruch. Ihre Teppiche, Decken und die Monsterkissen in vier verschiedenen Größen zieren die Zimmer im Gästehaus Berge in Aschau, dem Achental in Grassau und dem neuen Chiemgauhof Lakeside Retreat in Übersee. Im Landhaus Averbeck (Lüneburger Heide), im Hood House in Hamburg und im Chaletdorf Priesteregg in Leogang haben die LPJ-Kreationen ebenfalls ein neues Zuhause gefunden. Bouleys Kreationen werden in namhaften Design-Magazinen beworben, sie stellt aus und verkauft im Internet, in Concept Stores (wie kürzlich bei Shoe Company in Rosenheim), in Einrichtungshäusern in München (Böhmler im Tal oder Ludwig Beck am Rathaus) in Hamburg und Berlin, sie war auch schon auf der Möbelmesse Maison & Objet in Paris und demnächst geht es zur Mailand Design Week. Dank der Zusammenarbeit mit Matteo Thun, dem italienischen Stararchitekten. Auf der Messe in Paris kam sie in Kontakt mit dem indischen Fotografen Kanhai Gandhi. Aus der kreativen Zusammenarbeit entstand das Label BG BouleyGandhi: Seine Fotografien plus ihre Upcycling-Möglichkeiten ergeben Wall-Art-Objekte. Großformatig, tiefgründig und nachhaltig. Eine weitere Neukreation sind Raumteiler. Klingt banal, aber wer einmal die wie Untersetzer anmutenden und von Hand aneinandergenähten Streifen gesehen hat, will unbedingt auch so etwas haben. „Dafür haben wir lange getüftelt,“ bekennt Bouley. Upcycling-Design entsteht eben nicht einfach so, das ist Handwerk, das ist Kunst, und: „Man braucht viel Geduld und einen langen Atem.“
Da ist Bouley ganz offen. Überhaupt gibt sie sich sehr nahbar. Ihr Aussehen – schlichter dunkler Bubikopf, weiter, schwarzer Cashmere-Pullover, schmal geschnittene Hose, Turnschuhe – zeugt von Geschmack, lässt aber keine Rückschlüsse auf ihre Arbeit als Modedesignerin zu. Und doch kann sie auf eine lange Karriere zurückblicken: von Strenesse über Aufträge unter anderem für die Marken Windsor, Rene Lezard bis hin zu Marco O’Polo. Klar, diese Kontakte haben bei der Weiterentwicklung der eigenen Decken-und Teppichkollektion geholfen, bekannte Modeunternehmen wie Frauenschuh, Oska oder Bogner liefern ausrangierte Laschen nach Aschau.
Es war aber auch viel Klinkenputzen und Präsenz-Zeigen bei Messen dabei. Dabei ist ihre Botschaft doch so einfach: gegen die WegwerfMentalität der Konsumgesellschaft, für eine nachhaltigere Ausrichtung der Textilindustrie und für ein schönes Zuhause. Mit upgecycelten Materialien. Eben Nachhaltigkeit – Made in Aschau.