Raubling – Wenn Herbert John (69) aus Raubling von seinem – wie er es nennt – ersten Leben erzählt, kommen ihm auch schon mal die Tränen. Das erste Leben war eine Art Bilderbuch-Geschichte. Er wollte „Erfolg, Wohlstand und Ansehen“ haben, so der 69-Jährige. Seine Eltern waren als Vertriebene aus dem Sudetenland nach dem Krieg in Raubling gelandet. Er habe also einen – wie man heute sagt – Migrationshintergrund.
Nacheinander kamen sechs Söhne, Herbert John, einer von ihnen, wuchs in eher bescheidenen Verhältnissen auf. Von Jugend an politisch engagiert, trat er bereits mit 16 Jahren in die SPD ein. Nach der Schule studierte der begabte und wissensbegierige junge Mann Betriebswirtschaft in Rosenheim und setzte, um seinen Traumberuf Rechtsanwalt zu erlangen, noch ein Jura-Studium oben drauf. „Viel finanzielle Unterstützung von meinen Eltern konnte ich nicht bekommen“, so John. „Ich verdiente mir mein Studium mit Ferienjobs.“
Mit 35 Gründung
einer Anwaltskanzlei
Mit 35 Jahren gründete er seine Anwaltskanzlei in Raubling. „Schließlich musste ich Geld verdienen, ich hatte bereits Familie, meine wunderbare Frau Barbara und drei Kinder.“ Barbara kam 1981 in sein Leben. Sie war Erzieherin und unterrichtete an der Förderschule. Es war Liebe auf den ersten Blick. Schon nach drei Jahren heirateten sie und waren glücklich mit ihren drei Töchtern Christine, Verena und Jennifer. Alles lief fast perfekt. Der Traum war in Erfüllung gegangen.
1990 wollte er auch noch Erster Bürgermeister werden und hätte dafür sogar den Anwaltsberuf sausen lassen. Doch das sollte nicht sein, die Raublinger entschieden sich für den Gegenkandidaten Günther Bayer. Herbert John wurde 1996 Zweiter Bürgermeister hinter Josef Neiderhell. „Auch wenn wir aus verschiedenen Lagern kamen, haben wir bestens harmoniert,“ so John. Er war auf der Zielgerade, die Kanzlei lief gut, er konnte sich leisten, was man sich als Anwalt halt so leistet: schöne Autos, schicke Anzüge. Politisch engagiert, beruflich erfolgreich, privat glücklich, von so einem Leben habe er als Jugendlicher geträumt. Er konnte Barbara und seine Töchter verwöhnen und arbeitete hart für das sogenannte Glück.
„Aber meistens saß ich auch am Wochenende in der Kanzlei, ich habe jeden Fall angenommen, der mir angetragen wurde.“ „Fast jeden“, ergänzt er lachend. Einmal sollte er gegen einen Gockel vom Nachbarn klagen, der zu laut krähte, doch das habe er abgelehnt.
Ja, so könnte es immer weitergehen. „Ich habe sehr viel gearbeitet und das Amt des Zweiten Bürgermeisters war mir eine echte Herzensangelegenheit, auch wenn der Druck immer weiter zunahm.“ Ausdrücke wie „Work-Life-Balance“ waren ihm fremd. Es gab keinen Urlaub, keine Freizeit, trotzdem liebte er als Familienmensch seine Kinder über alles. Vielleicht habe er die Alarmzeichen nicht wahrgenommen oder nicht wahrhaben wollen. „Ich war ja erst 49 und hatte, wie ich meinte, unendliche Energie.“ In einer kurzen Pause besuchte er seine Frau Barbara an ihrem damaligen Arbeitsplatz im Kindergarten, um zusammen Kaffee zu trinken. Da kam der große Schlag, ein Schlaganfall mit einer schweren Gehirnblutung. „Nach zwei Monaten im Koma konnte man sagen, Herbert hat physisch überlebt,“ so Barbara John, die nun erst einmal nicht wusste, wie es weitergehen sollte. Acht Monate verbrachte Herbert John in Kliniken, Barbara versuchte in der Zwischenzeit, daheim alles irgendwie zu schaffen. „Man kommt in eine Art Funktionsmodus,“ meint die 70-Jährige. Drei Kinder im Schulalter, eine Anwaltskanzlei ohne Einkommen, ein Leben, das irgendwie nicht fertig gelebt war. Und die Frage: Warum passiert das ausgerechnet mir, was ist der Sinn dahinter?
Aus dem erfolgreichen Anwalt wurde ein halbseitig gelähmter Mann im Rollstuhl, der nach dem Sinn des Lebens suchte. Heute nach 20 Jahren sagt Herbert John: „Ich bin umgeleitet worden.“
Er sei sich selbst jetzt sympathischer als früher, in seinem Anwaltsleben, wo er vielleicht für den Ärger anderer Menschen verantwortlich war. „Auch unser Umfeld hat sich verändert,“ ergänzt Barbara John, die ihr Leben komplett umgestellt hat. „Viele Menschen können mit einer so radikalen physischen und psychischen Veränderung eines Freundes nicht umgehen und bleiben einfach weg.“ Dafür seien andere dazu gekommen. „Gott und die Kirche haben in meinem ersten Leben keine Rolle gespielt,“ so der evangelische John. Doch zu seinem 50. Geburtstag haben Herbert und Barbara im Zuge eines Dankgottesdienstes für das Leben kirchlich geheiratet. Danke für so ein Leben? „Ja,“ sagt Herbert John, „ich bin der festen Überzeugung, dass ich etwas anderes aus meinem Leben machen sollte, vielleicht war der Anwalt im Anzug nicht das, was für mich vorgesehen war.“
Trotzdem blieb die Suche nach dem Sinn des Lebens, nach einer Aufgabe, die diese Lücke füllen sollte. „Ich habe angefangen zu malen, weil mir Freunde einen Malkurs zum 50. Geburtstag geschenkt haben und ich war immer schon ein Naturliebhaber.“ Seine Kindheit habe er mehr oder weniger im Wald verbracht, den habe er jetzt daheim im Wohnzimmer in Form von tropischen, ungewöhnlichen Pflanzen. Seit vielen Jahren ist er nicht nur bekennender Christ, sondern auch Dortmund-Fan und trägt stolz das gelb-schwarze Trikot des BVB. Seine fünf Enkel machen ihm große Freude und wenn es irgendwie geht, begleitet er sie zusammen mit Barbara zu Sportereignissen und Ähnlichem.
Doch die Lücke blieb, bis er auf eine Gemeinschaft stieß, die sich zuerst zum Ziel gemacht hatte, behinderte Kinder während der Ferienschließungszeiten in deren speziellen Einrichtungen zu betreuen. „Ich brannte förmlich für diese Idee,“ das musste man unbedingt fördern, da gab es Platzbedarf.
„Zuerst hat dafür der Bürgermeister die Schule zur Verfügung gestellt, doch das war keine Dauerlösung.“ Die Ferienbetreuung wurde und wird weiterhin von einem befreundeten Dienstleister, der gemeinnützigen TnT GmbH, bis heute durchgeführt. Jetzt im Haus Marini in Brannenburg. 2016 wurde der Verein „Hilfe für behinderte Kinder und Jugendliche im Inntal e.V.“, kurz „Inntalhilfe“, gegründet und mein juristisches Wissen kam dabei wieder zum Einsatz,“, so John. Dies ist inzwischen ein Verein, der schwerkranke und behinderte Minderjährige auf vielfältige Weise, je nach Bedarf, meist finanziell unterstützt.
„Ich bin ein Kindernarr und mein Herz lodert für diese Sache, ich kann es nicht ausstehen, wenn ein Kind leidet, besonders wenn es am Geld liegt,“ sagt John. „Ich fühle mich privilegiert, dass ich helfen kann.“ Früher habe er vieles, wie jeder andere auch, zu seinem persönlichen Vorteil gemacht, heute sei er der, der jemand anders einen Vorteil verschaffen könne.
Verein hat
250 Mitglieder
„In der Zeitung lese ich oft von schweren Schicksalen von Kindern. Da bricht mir fast das Herz, weil ich vielleicht mit meinem Verein Unterstützung bieten könnte.“ Man müsse sich einfach bei ihm melden und könne über alles reden, so Herbert John. 250 Mitglieder habe sein Verein nun schon, aber, so John lachend, „es derfatn ruhig a bissl mehr sein.“
Seine Frau Barbara sieht es als seinen Weg, ein erfülltes Leben zu leben und unterstützt ihn, wo sie kann. Und die beiden wirken eigentlich recht zufrieden und glücklich in diesem zweiten Leben des Rechtsanwalts Herbert John, der eine schwere Krise als Anlass genommen hat, ein zweites Leben zu beginnen und es zu lieben.