Orgel mit Kuhglockenspiel ist weltweit ein Unikat

von Redaktion

Eine Orgel zu finanzieren, ist schon eine Mammutaufgabe. Im kleinen Schleching im Kreis Traunstein haben sie nicht nur das gestemmt – sondern gleich ein Instrument erschaffen, das es auf der Welt so noch nicht gab. Die Orgel hat ein eigenes Kuhglocken-Register, 25 Glocken in zwei Oktaven. Auslöser für die kuriose Idee: ein Gerichtsstreit.

Schleching – Man muss nicht an Wunder glauben, um bei dieser Geschichte Gänsehaut zu bekommen. Sie spielt in Schleching, ganz im Süden Oberbayerns. Dort haben sie sich eine neue Orgel für die Dorfkirche bauen lassen, eine Weltsensation, dazu gleich mehr. Jedenfalls war am zweiten Adventssonntag ein Konzert, 40 Jahre Chor, alle waren gespannt auf das neue Instrument. Die Kirche war voll mit Leuten, auch Cees de Wit war gekommen.

Ein Holländer, 91 Jahre alt, der schon lange in Schleching wohnt, Jahrzehnte im Chor gesungen und sehr viel Geld für die neue Orgel gespendet hat. „Das Konzert möchte ich noch erleben“, hatte de Wit oft gesagt. So kam‘s. Im Rollstuhl lauschte er der Musik, am Abend ging er ins Bett. Und am nächsten Morgen wachte er nicht mehr auf.

Zauberhaftes
Kirchlein

Pfarrer Martin Straßer steht auf der Empore in der Kirche St. Remigius, als er von de Wit erzählt. Er streicht über die nagelneue Orgel, das Eichenholz ist noch ganz hell. Dann sagt er: „Auf seiner Beerdigung wird sie auch spielen.“ Und das ganze Dorf wird kommen.

Es ist ein ganz besonderes Instrument, das seit Kurzem in dem zauberhaften Kirchlein über den Köpfen der Gläubigen thront. Aus vielen Gründen, aber vor allem hat sie gezeigt, was die Schlechinger schaffen können. Mehr als zehn Jahre ist es her, dass die damalige Pfarrsekretärin den Anstoß für eine neue Orgel gab. Die alte, ein billiges Teil aus der Nachkriegszeit, war hinüber. Bleifraß, einzelne Register fielen aus. „Das hat keinen Spaß gemacht“, sagt Bernhard Wittmann, 71, der schon als Bub darauf gespielt hat.

Wittmann, ein Zahnarzt aus Ingolstadt, kommt seit den 60er-Jahren regelmäßig nach Schleching. Sein Vater hat hier damals eine Ferienwohnung gebaut, und wenn die Familie im Urlaub war, durfte der kleine Bernhard bei der Pfarrsekretärin den Kirchenschlüssel holen – und Orgel spielen. Er kennt die Schlechinger gut, deshalb half er ihnen auch, die neue Orgel zu planen. In Ingolstadt hat er so ein Projekt schon mal begleitet. In Schleching aber, da ist ihm ein Geniestreich gelungen.

Als sie sich die ersten Male mit dem Orgelkreis trafen, der Pfarrer, Wittmann, de Wit, die Pfarrsekretärin und weitere Schlechinger, war der sogenannte Kuhglocken-Streit aus Holzkirchen gerade in den Schlagzeilen. Zuagroaste verklagten eine Bauersfamilie, weil ihnen das Geläut auf der Weide nebenan auf die Nerven ging.

Und Wittmann kam auf die Idee, mit der neuen Orgel in Schleching ein Zeichen zu setzen. Nämlich mit eingebautem Kuhglocken-Geläut. „Nicht, um denen eins auszuwischen“, sagt Wittmann und grinst ein bisschen. Aber weil Landwirtschaft hier genauso wichtig ist wie die Kirche und ein gutes Miteinander. „Ein Zeichen für unsere Tradition.“

Zu keinem Ort passt diese Idee wohl besser als zu Schleching. 1700 Einwohner, vom Alpenverein ausgezeichnet als Bergsteigerdorf, weil hier alles so ist, wie es in einem oberbayerischen Dorf sein soll. Ruhig, aber nicht langweilig. Nachhaltig. Echt. Im Tal die Tiroler Ache, rundherum der Geigelstein, die Kampenwand. Keine großen Hotels, keine dicken Autos mit Münchner Kennzeichen. Nicht einmal der kleine Edeka hier hat eine Leuchtreklame, auf der Fassade steht schlicht: Dorfladen.

Jetzt war das aber gar nicht so einfach mit den Kuhglocken. Bernhard Wittmann, der an einem Montagvormittag an der neuen Orgel sitzt, erinnert sich: „Mir war ein wenig mulmig.“ Was, wenn das am Ende nicht gut klingt? Glockenspiele gibt es manchmal in Orgeln, manche Register können sogar Vogelgezwitscher. Aber Kuhgeläut?

„Das soll ja nicht bimmeln wie auf der Weide, ich wollte ja schon in Tönen spielen.“ Er startet die Recherche. In einem landwirtschaftlichen Großhandel im Allgäu probiert er Schellen und Glocken aus. Er telefoniert mit Glockenbauern und alle sagen: So kleine Glocken kann man nicht gießen.

Doch dann stößt Wittmann auf einen Handwerksbetrieb in Thüringen. Der alte Meister, weit über 80, hat das mal gelernt, Stahlblech am Amboss auf Tonhöhen zu klopfen. Das kommt nicht von ungefähr: Früher gab es im Dorf einen einzigen Hirten, dem alle Bauern ihre Tiere anvertrauten. Und jeder Stall hatte eine andere Schelle – damit die Tiere auseinanderzuhalten waren. Wittmann fährt hin, erteilt den Auftrag, 25 Glocken in zwei Oktaven. Tatsächlich: Als er die vor zwei Jahren abholt, und der Orgelbauer am elektrischen Stimmgerät den Test macht, sitzt jeder Ton.

Zu dem Zeitpunkt hatten die Schlechinger die Orgel schon bestellt, und zwar bei Alois Linder aus dem nahen Nußdorf am Inn. Die Vorgabe: Die Orgel muss unbedingt Kuhglocken enthalten – und, Spezialauftrag Teil 2, Alphörner. Weil die in Schleching nämlich eine lange Tradition haben. Es gibt hier mehrere Alphorngruppen, vor nicht allzu langer Zeit wurden die gigantischen Instrumente sogar im Dorf hergestellt, aus Baumstämmen, die in den heimischen Wäldern wachsen.

Orgelbauer Linder war erst einmal skeptisch. Aber: „Bevor noch weitere Vorschläge (möglicherweise Gipfelkreuz oder Lawinenpiepser) kommen konnten, stimmten wir schnell zu“, schreibt Linder mit einem Augenzwinkern in der Festschrift zu Ehren der neuen Orgel.

Für das Alphorn war die Lösung relativ leicht zu finden, für die Kuhglocken konstruierten sie eine Hammermechanik, die mit Luftimpulsen funktioniert. Elektrik gibt‘s bei einer Kirchenorgel nur fürs Licht.

Im September 2025 bauten sie die Orgel ein. Sie ist weltweit einzigartig. „Das ist wie eine Geburt“, sagt Pfarrer Straßer. „Ein neues Leben ist entstanden.“ Er genießt es, wenn jetzt im Gottesdienst die Orgel erklingt. „Durch das Gewölbe ist das wirklich wunderschön. Und wenn die Alphörner erklingen, dann strahlt das so eine Ruhe aus“, schwärmt er. „Da kannst du atmen.“ Der Pfarrer ist auch ein bisschen ein Glückspilz: Dass eine Kirche heute, in Zeiten klammer Kassen, eine nagelneue Orgel bekommt, ist selten. Und dann gleich so eine.

Die nötigen 270.000 Euro haben die Schlechinger über die Jahre selbst organisiert. Zahnarzt Wittmann spielte Benefizkonzerte mit seinen Kindern, auf Christkindlmärkten sammelte der Orgelkreis Spenden, der eine gab 30 Euro dazu, der andere mehr – und Cornelius „Cees“ de Wit, der Holländer, mit fast 30.000 Euro am meisten.

Dafür, und weil er den Orgelkreis so unermüdlich antrieb, haben sie ihn verewigt. Ein Register trägt seinen Namen, „Tibia Cornelis“ steht auf dem weißen Griff.

So klingt Kirche
nur in Schleching

Bernhard Wittmann blättert jetzt im Notenbuch. „Ich habe sicher schon auf 50 Orgeln gespielt“, sagt er. „Die ist wirklich etwas Besonderes.“

In der leeren Kirche stimmt er das Lied „Hosianna in der Höhe“ an, samt Kuhglocken und Alphorn. So klingt Kirche. Aber nur in Schleching, Landkreis Traunstein, Oberbayern.

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