Nachdenken über die Glückseligkeit

von Redaktion

Philosophieren zum Jahreswechsel Die 90-jährige Steil-Oma und ihr besonderes Geheimnis

Inntal – Silvester wünscht man sich gegenseitig vor allem eines: Glück! Man beschenkt sich mit Glücksbringern in Form von Marzipan-Schweinen, Schokoladen-Marienkäfern, Hufeisen oder einem kleinen Töpfchen mit Glücksklee, in den vielleicht noch ein Kaminkehrer hineingesteckt ist. Ach, wenn wir nur wüssten, was das neue Jahr bringt, wie wir es beeinflussen könnten, wann und wo wir das Glück finden.

Wenn man über Glück spricht, geht es oft nur um kurze Momente, Erlebnisse, die uns glücklich gemacht haben. Eine tolle Reise, die Geburt eines Kindes, der Hochzeitstag, ein neues Auto, ein Lottogewinn, beruflicher oder sportlicher Erfolg: Da ist das Glück selbstverständlich, da werden wir förmlich überschwemmt mit einer Mischung aus chemischen Botenstoffen, Serotonin, Dopamin, Endorphin, ein Cocktail, der uns dieses wohlige Gefühl des Glücks vermittelt.

Aber es ist meistens nicht von langer Dauer, Körper und Geist verlangen nach neuen Kicks, nach neuen Momenten des Glücks, die dann auch wieder nicht dauerhaft anhalten.

Wie in vielen Orten gehen auch in Neubeuern Musiker am Silvestertag zum Neujahrs-Anblasen von Haus zu Haus. Nach einem kurzen Marsch wünschen sie: Glückseliges neues Jahr. Maria Kurz aus Niederaudorf, auch genannt Steil-Oma, ist dieses Jahr 90 Jahre alt geworden.

„Steil“ ist der Hausname, ein Name, den man trägt, wie eine zweite Haut, der aussagt, wo man hingehört.

Sie sitzt in der Küche auf einer Bank neben dem Herd, auf dem Kopf trägt sie eine selbst gestrickte Haube. Sie hat nicht viel gesehen von der Welt, nicht einmal einen Führerschein hatten sie und ihr Mann Schorsch, der 2019 verstorben ist. Ein Auto hätten sie sich eh nicht leisten können. „Es war alles da, was wir zum Leben brauchten, ein Laden, eine Bäckerei und die Landwirtschaft. Und Radlfahren konnten wir auch.“ 18 Kühe hatten sie insgesamt, die gaben Milch, und ab und zu wurde ein Kalb gemästet und verkauft. „Es hätte auch alles anders kommen können, andersrum, schlechter halt, aber es ist immer alles gut geworden“, meint die 90-jährige, „ich bin zufrieden.“

Keinen einzigen Urlaub habe sie gemacht und auch wenn ihr Mann Schorsch mit der Musikkapelle Niederaudorf unterwegs war und auswärts übernachten musste, wäre er am liebsten gleich wieder heimgefahren.

„Auch mit uns zwei hat alles gepasst, wir haben halt immer zusammengehalten, waren der gleichen Meinung. Ein jeder kommt dahin, wo er hingehört,“ lacht sie, es habe auch andere Verehrer gegeben.

Vielleicht hat sie so etwas wie Glückseligkeit erreicht, was die Neubeurer und andere Musikanten an Silvester jedes Jahr wünschen.

Die in Wien lebende Philosophin Prof. Dr. Elisabeth von Samsonow hat es als Kind und Jugendliche in ihrem Elternhaus in der Schmiede am Marktplatz selbst oft am Silvestertag erfahren. Wir haben alle auf die Musikkapelle gewartet, in der Schmiede gab es immer Würstl und Brezen, die der Bäcker Bauer gestiftet hat. Das Feuer brannte und zum Schluss hat mein Papa die Amboss-Polka gespielt und es hieß noch einmal: Glückseliges neues Jahr.“

Auch ihr Vater, der Schmied-Schorsch, habe kurz vor seinem Tod ähnlich gesprochen wie die Steil-Oma aus Niederaudorf. „Es gibt wohl kaum einen zufriedeneren und glücklicheren Menschen als mich auf dieser Welt.“

Maria Kurz sitzt oft auf der Hausbank vor ihrem Jahrhunderte alten Anwesen in Holzbauweise mitten in Niederaudorf mit Blick auf die Kirche und strickt Socken. Mit 23 Jahren, 1958, habe sie ihren Mann, den Steil-Schorsch geheiratet und sei von der Schwiegermutter gut aufgenommen worden. So habe sie es auch mit ihrer Schwiegertochter Susi gehalten, die viel zu früh gehen musste.

Auch das habe sie nicht in ihren Grundfesten erschüttert. Streit habe es nie gegeben, das sei auch nicht ihre Art. Geld sei zwar immer knapp gewesen, aber irgendwie sei es dann doch immer umgegangen. Zu ihren eigenen vier Kindern haben sie noch einen Buben aus der Verwandtschaft, den Albert „aufgezogen“.

Ob sie denn einen Rat habe für die Jungen, die immer so dem Glück hinterherhecheln, von einem Kick zum nächsten? „Seid‘s zufrieden mit dem, was habt‘s, schaut‘s Euch um in der Welt, wo es so viel Not und Krieg und Elend gibt. Uns geht’s doch gut. Und füreinander da sein, nicht streiten.“ In Neubeuern und anderswo gehen gerade die Musikkapellen von Haus zu Haus, wo sie meistens mit offenen Armen empfangen werden, vielleicht mit Brotzeit, einer heißen Suppe, Kaffee, Glühwein oder Bier und wünschen „Glückseliges neues Jahr“.

Bernd Eutermoser, Leiter der Musikkapelle Neubeuern, ist seit seinem 14. Lebensjahr dabei und sagt das Sprücherl. Für ihn bedeutet Glückseligkeit ein neues Jahr, das man vollkommen sorgenfrei und zufrieden, erfüllt mit vielen Glücksmomenten erleben kann.

Das Glück, so Elisabeth von Samsonow, ist flüchtig, Fortuna setzt die Menschen auf den Thron und stürzt sie wieder. Daher heißt sie „die zweifache Fortuna“, die gute und die schlechte, also Glück und Un-Glück. Deswegen, so meinen die Philosophen, muss man sich wappnen und die guten Momente in sich zu verankern wissen, wie einen Proviant für die weniger guten Momente. Man muss sich umflattert wissen von den „guten Geistern“, die einen nie verlassen dürfen.

Diesen Zustand, in dem das Glück und eigene Glücksschmiedekunst zusammenkommen, nannten die Griechen, die ein alphabetisiertes Hirten-, Bauern und Seefahrervolk waren – also fast so etwas wie die Bayern – Glückseligkeit, griechisch Eudaimonia.

Das ist vielleicht das Geheimnis von Maria Kurz, gewappnet mit Glücks-Proviant für die weniger guten Momente und umflattert von guten Geistern. Was ihr denn Silvester bedeute, der Übergang in ein neues Jahr? „Einfach weitermachen, solange es geht.“

Auch wenn 2025 für sie kein leichtes Jahr war, blickt sie mit einer inneren Zufriedenheit, Dankbarkeit und ja, Glückseligkeit, ins neue Jahr 2026. So wie sie es immer getan hat.

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