Neubeuern/Landkreis – 1622 gilt als Gründungsjahr der Schiffleut-Bruderschaft Neubeuern. Da wütet der Dreißigjährige Krieg in Europa, ein Krieg um Religions- und Territorialansprüche, der auch im Inntal Spuren hinterlässt. Das Schloss gibt es in seiner heutigen Form noch nicht, wohl aber den Burgfried, den Schlossturm, weithin sichtbar vom Inn, der sich damals in viele Verästelungen und Arme zerteilt. Die einzige Möglichkeit diesen wilden Fluss zu befahren, ist der bereits im 14. Jahrhundert beschriebene Pferdeschiffszug, ein unglaubliches Unterfangen mit hunderten von Beteiligten, das viel Unternehmungsgeist erfordert. Wahrscheinlich ist das Ablegen eines solchen Schiffszugs durchaus mit dem Ablegen eines großen Schiffes von einem Meereshafen zu vergleichen.
Nahui, in
Gottsnam
Da werden Waren angeliefert, die Küchenutensilien und Werkzeuge werden verladen, jede Menge Fuhrwerke kommen und fahren wieder weg, überall Pferde, Kutschen, Fässer und Truhen, ein richtiges Gewusel: Bis alles und jeder seinen Platz hat und abgelegt werden kann und es endlich heißt „Nahui, in Gottsnam“, dauert es wochenlang. Am Flussufer stehen die Zurückgebliebenen, freudig, dass alles gut gegangen ist, aber auch in Sorge darum, ob die, die auf dem Schiffszug sind, auch wieder gesund zurückkehren würden. Die Mütter, Frauen und Kinder winken ihren Söhnen, Männern und Vätern nach, vielleicht mit einem weißen Tuch, das ein oder andere Mädchen verdrückt die Tränen, weil sie nicht weiß, was ihrem Schatz alles widerfahren wird. Irgendwann kehren sie um, gehen zu ihren Häusern und Feldern und schauen, dass alles irgendwie weiterläuft.
Juliane Tiefenmooser hat, wie man sagen würde, in eine Neubeurer Schiffleut-Familie eingeheiratet, aufgewachsen ist sie in Halfing, wo es weit und breit keinen Inn gibt. „Für mich war der Beitritt zur Schiffleut-Bruderschaft selbstverständlich, schließlich war die ganze Familie meines Mannes und auch meine Schwiegermutter dabei.“ Der Waldorfschul-Lehrerin gefällt der Gedanke an die Verantwortung füreinander, die wichtig für ihre Schulgemeinschaft ist. „Vorbild und Nachahmung ist eines der wesentlichen Kriterien.“ Tiefenmooser ist eine Quereinsteigerin, die gelernte Kauffrau hat über ihre vier Kinder Zugang zu diesem Erziehungs- und Lernkonzept bekommen und sich über einen speziellen Bildungsweg zur Klassenlehrerin ausgebildet. „Bei der Waldorfschule gibt es viel Eltern-Engagement, vom Bazar bis zur Mittagsbetreuung, da macht man einfach mit.“ So war es auch mit der Schiffleut-Bruderschaft, wo die „Zugezogene“ zunächst als Schriftführerin fungierte und nun seit einigen Jahren erst Zweiter und nun Erster Vorstand ist. Was ihr das Amt bedeute? „Der Gedanke einer Bruderschaft ist ja das füreinander sorgen und einstehen,“ diesen Geist über die Geschichte des Vereins hinaus zu vermitteln, sei ihr wichtig. „Die Bruderschaft sollte ferner allen Schiffleuten und deren Ehefrauen in- und außerhalb Beuerns eine gewisse Bindung religiöser und sozialer Art geben,“ schreibt Dr. Josef Bernrieder in der „Chronik des Marktes Neubeuern.“ Und „es wurden von Anfang an auch die Ehefrauen der Schiffleute aufgenommen.“ 1689 stand an der Spitze der Bruderschaft Hanns Christoph Hupfauf, ihm zur Seite die Bruderschaftsmutter Maria Ursula Hupfauf. Dass Frauen in der Schiffleut-Bruderschaft eine Rolle gespielt haben, ist also belegt und bestärkt Juliane Tiefenmooser als eine Art „Bruderschaftsmutter“ in ihrem Amt.
Die typischen Trachten, die heute mit den Schiffleuten in Verbindung gebracht werden, entstanden wohl auf ähnliche Weise wie die Trachten der Frauen der Insel Föhr. Hier findet man den Ursprung in der Zeit, als die Vorfahren Seefahrer und Walfänger waren und die kostbaren Stoffe, die Spitzen und die Seide und den kostbaren Silberfiligran-Schmuck von ihren Reisen in ferne Länder mitbrachten. Als die Männer in den Sommermonaten zur See fuhren, haben sich die Frauen der Inseldörfer zusammengefunden, um sich aus den mitgebrachten Stoffen eine Tracht zu nähen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Schifffahrt im Inntal zu Ende ging, brachten auch die Innschiffmänner bunte oder geblümte Tüchlein und vielleicht auch Stoffe von ihren Fahrten mit. Daraus könnten die ersten Schiffleut-Trachten für die Frauen entstanden sein, die heute so prunkvoll daherkommen. Die Männer trugen – wie heute – schwarze Hosen aus Leder, eine Weste und eine Strickjacke, später eine braune Joppe. Wenn sie dann nach monatelanger Fahrt heimkamen, legten sie großen Wert auf standesgemäße Kleidung, vor allem an Sonn- und Feiertagen. Das ist vielleicht das, was man heutzutage mit den Schiffleuten in Verbindung bringt, die typische Kleidung. Auch Juliane Tiefenmooser hat ihrem Ehemann Christian in dieser Tracht das Jawort gegeben.
Vielleicht gibt es ja in Neubeuern, Nußdorf oder auch anderen Schiffleut-Hochburgen wie Rosenheim oder Wasserburg eine Art Schiffleut-Gen, etwas das weitergegeben wird. Allesamt waren sie, wie es bei Bernrieder heißt „unruhigen Blutes“, zäh und arbeitswillig, aber auch „gutmütig, treuherzig, hilfsbereit und fromm“. Tugenden, die, wie Juliane Tiefenmooser findet, heute noch gültig sind, auch wenn sie im Wortlaut etwas altmodisch klingen. Die Schiffleute mussten Unvorstellbares leisten, es ist in vielen Beschreibungen zu lesen und auf Bildern dargestellt. Fahrten bei Wind und Wetter, übernachten im Freien zwischen „Felberstauden und Irlen“, heimgesucht von Krankheiten und Verletzungen, vielleicht auch Heimweh. Unfälle waren an der Tagesordnung und groß war die Angst bei Schiffleuten und Reitern, für die Schifffahrt unbrauchbar oder im schlimmsten Fall als „Wassermänner“ in den Totenbuchregistern verzeichnet zu werden. Da blieb oft nur das Beten, und das taten sie oft und erfuhren Hilfe durch die Mutter Gottes, wie es in den sogenannten Mirakelberichten heißt. Für die Seelsorger war es sicherlich nicht immer leicht, die widerspenstigen Schiffleute, die wegen ihres ewigen Fluchens und Trinkens verschrien waren, seelsorglich zu erfassen, darum bemühte sich bereits 1613 Pfarrer Nikolaus Moser um die Vereinigung der Schiffleute aufreligiöser Basis.
Man muss sich vorstellen, wie sie nach wochen- oder gar monatelanger Fahrt wieder zuhause ankommen: Mit dreckigem Gewand, langen Haaren und unrasiert, gesundheitlich angeschlagen, traurig über den Verlust eines Freundes, krank vor Sehnsucht nach ihren Liebsten. Auch wenn immer berichtet wird, sie seien auf geradem Wege ins Wirtshaus gegangen, ist es doch auch wahrscheinlich, dass sie sich erst einmal ausgeruht haben in den Armen ihrer Frauen, dass sie einfach froh waren, wieder daheim zu sein. Daheim, wo die Frauen alles organisiert haben, Kinder, Tiere und Hof.
Frauen
waren resilient
„Mochte nur die Frau mit den Kindern inzwischen das Gütl recht und schlecht bewirtschaften.“ Die Frauen der Schiffleute mussten das sein, was man heute resilient nennt, sie mussten wie ihre Männer widerstandsfähig und belastbar sein. Die Schiffleut-Bruderschaft in Neubeuern zählt heute, 404 Jahre nach ihrer Gründung, 360 Mitglieder, darunter 80 Frauen. Ein Euro pro Jahr ist der mindeste Mitgliedsbeitrag. Man wolle den sozialen Charakter der Bruderschaft beibehalten, so Kassier Georg Wachinger, könne aber gerne mehr geben, was auch üblich sei. Juliane Tiefenmooser hat nicht lange gezögert, als man sie darum bat, den Vorstand der Bruderschaft zu übernehmen.
Für sie steht der Gedanke des Miteinanders an oberster Stelle. Eine Frau, die zupackt, kreativ mit den Anforderungen des Lebens umgeht und immer einen Weg findet, wenn es schwierig wird. Eine typische Schiffleut-Frau halt, widerstandsfähig und belastbar, aber auch hilfsbereit und gutherzig.