Die Eisköniginnen von Brannenburg

von Redaktion

Für viele ist es unvorstellbar, für drei Freundinnen aus Brannenburg ist es ein festes Ritual: das Eisbaden im Neubeurer See. Sie verraten, warum der Kälteschock für sie wie ein Kurzurlaub ist und was der Trend mit ihrer Freundschaft macht.

Brannenburg/Neubeuern – Eisbaden ist ein wachsender Gesundheitstrend, bei dem mit dem Eintauchen in kaltes Wasser ein Kälteschock erzeugt wird, der bei vielen Menschen Glücksgefühle hervorrufen kann. Drei Freundinnen aus Brannenburg zeigen, wie es zu einem festen Freundschaftsritual geworden ist.

Die Community wächst stetig, und vielleicht stellt sich der ein oder andere die Frage: Soll ich, und wenn ja, wie? Die drei Brannenburgerinnen Judith, Chrissi und Antje haben diese Frage bereits für sich beantwortet. Sie treffen sich regelmäßig am Neubeurer See zum Eisbaden. „Wir machen das bereits den dritten Winter in Folge.“ Antje beschreibt es so: „Drei Minuten im eiskalten Wasser sind wie eine Woche Urlaub.“

Von Felix Neureuther
bis Sophia Thiel

Unter anderem gibt es eine Liste der berühmten Eisbader. Dazu zählen Felix Neureuther, Manuel Neuer und an erster Stelle die in Rosenheim aufgewachsene Fitness-Influencerin Sophia Thiel. Sie erklärt in einem YouTube-Video, wie es geht und was wichtig ist: „Du musst Bock darauf haben.“ Für sie sei es eine Art Meditation, da es ihr grundsätzlich schwerfalle, ihre Mitte zu finden. Als passionierte Eisbaderin hat sie es zu einem Eisköniginnen-Status gebracht, nicht umsonst steht sie ganz oben auf der Liste.

Und so sieht es auch aus, wenn sie ankommen, am Sonntag, 16 Uhr. Die Sonne blitzt noch ein wenig durch die Wolken, auf dem See eine Eisschicht, Temperaturen deutlich im Minusbereich. Begleitet werden sie von Kindern, Mann und Magyar Vizsla-Hündin Wilma, die sich jedoch lieber ins Auto zurückzieht.

Die Kinder packen nicht die Sandschaufel aus, sondern einen Eispickel und tragen anstelle von Badehosen dicke Schneeanzüge. Papa Benedikt, der vom Eintauchen in eiskaltes Wasser noch nicht überzeugt ist, beaufsichtigt sie, während sie versuchen, ein Loch ins Eis zu hauen. Dieses ist jedoch nicht für die drei Frauen gedacht, die sich nun auf das Eisbad vorbereiten. Auch bei klirrender Kälte gibt es eine gut geeignete Stelle zum Abtauchen. Dabei tauchen sie nicht ganz unter; Kopf und Hände bleiben draußen. Das Wasser hat eine Temperatur von zwei oder drei Grad.

„Ich habe zwar ein Eisfass daheim, aber das ist zugefroren. Außerdem ist es auch Familienzeit, wenn wir gemeinsam zum See aufbrechen“, lacht Judith Eckl. Sie ist neben ihrem Lehrerberuf Fitness-Trainerin und hat sich wie ihre berühmte Kollegin Sophia Thiel ausgiebig mit dem Thema Eisbaden beschäftigt. Natürlich müsse man jedes Mal den inneren Schweinehund überwinden. Wie groß denn der sei auf einer Skala von null bis zehn? „So drei“, sagen die drei.

Jetzt ist erst einmal Ausziehen angesagt, den Badeanzug haben sie schon an. Antje unter ihrem speziellen Eisbademantel mit den lustigen Entchen. Auf dem Kopf tragen alle eine dicke Mütze, an die Füße kommen Neopren-Schuhe, auch Handschuhe sind sinnvoll. „Die richtige Vorbereitung und Ausrüstung ist wie bei allen Sportarten das A und O.“

Jetzt muss es schnell gehen: Die drei Frauen traben Richtung Wasser und sind sofort drin. Es wird nicht lange abgefrischt oder sich ans Wasser gewöhnt, wie es manchmal zu Beginn der Badesaison im Frühling oder Sommer der Fall ist, wenn man erst den großen Zeh ins Wasser streckt und es sich vielleicht doch noch anders überlegt. „Wir schwimmen das ganze Jahr über.“

Mit den Armen über dem Kopf stehen die drei Freundinnen nun drei Minuten im Wasser. „Beim Stehen bildet die Haut einen Schutzfilm, man sollte sich so wenig wie möglich bewegen“, sagt Fitness-Trainerin Judith, der aber wie den beiden anderen das Lachen noch nicht vergangen ist. Sie trägt eine Fitnessuhr; drei Minuten können ganz schön lang oder extrem kurz sein. Sie konzentrieren sich auf die Atmung und auf das, was nun in ihrem Körper passiert. Die Kinder picken derweil munter an ihrem Eisloch weiter.

So schnell, wie sie ins Wasser gegangen sind, sind sie auch nach drei Minuten wieder draußen. Warme Schuhe – Lammfellschuhe, wie sie von Australiern nach dem Surfen getragen werden, um die Füße aufzuwärmen –, Handtücher und trockene Kleidung stehen bereit. Krebsrot ist die Haut nach der Zeit im eiskalten Wasser. „Gut durchblutet“, nennen es die Eisbader. Ja, das kann man sich vorstellen, denn Eisbaden ist kein Wellnessritual, sondern Extremsport, nicht nur für die Haut.

Sie sind sich einig: „Unser Energielevel ist angehoben, so kommen wir gut durch die Woche.“ „Daheim gönnen wir uns dann schon eine warme Dusche oder die Badewanne.“ Zwei- bis dreimal pro Woche treffen sich die drei am See, aber „am Sonntag ist es am schönsten, weil es zum Abschluss des Wochenendes Familienzeit ist.“ Alle waren noch einmal draußen, auch wenn es vielleicht insgesamt nur eine halbe Stunde war. „Es ist auch immer ein guter Grund, sich zu treffen und ja, es stärkt nicht nur unser Immunsystem, sondern auch die Freundschaft.“

Das Eisbaden hat tiefe religiöse Wurzeln. An Epiphanie, dem orthodoxen Dreikönigstag am 19. Januar, gehen vielerorts Menschenmassen ins eiskalte Wasser, um sich von Sünden zu reinigen. Bei den orthodoxen Christen steht das Fest für die Taufe von Jesus im Jordan. Auch wenn sich Judith, Chrissi und Antje nicht von Sünden reinigen müssen, hat das Ritual des Eisbadens nur positive Effekte. Glücksgefühle, Stolz und Stärke sind einige davon. Oder ein „Aha-Erlebnis“, das mit dem Fest Epiphanie verbunden wird. „Wenn man das schafft, bringt einen nichts mehr um“, sagen die drei Freundinnen.

Sie schenken sich heißen Ingwer-Tee aus der mitgebrachten Thermoskanne ein. Wie es ihnen jetzt gehe? „Fantastisch!“ Auf einer Skala von null bis zehn? „Weit darüber hinaus.“ Sie werden den ganzen Winter weitermachen. Sie werden sich auch bei minus zehn Grad und vielleicht lauter Musik gegenseitig motivieren. „Es ist schlimm, in das kalte Wasser zu gehen, das braucht man sich gar nicht schönzureden, aber der positive Effekt überwiegt alles.“

Garantiert
gute Träume

Langsam setzt die Dämmerung ein. Benedikt packt die Kinder ins Auto. Hündin Wilma wedelt mit dem Schwanz und bellt vor Freude, als alle wiederkommen. Alle werden gut und tief und fest schlafen und garantiert schöne Träume haben. Oder wie Sophia Thiel es beschreibt: „Eisbaden ist ein ultimativer Frischekick für den Kopf“, auch wenn er nicht mit untertaucht. Es reinigt Körper, Geist und Seele, und man braucht dazu nur eines: Überwindung. Die drei Eisköniginnen Judith, Chrissi und Antje zeigen, wie es geht.

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