Rosenheim – Am heutigen Mittwoch wird der Weltkrebstag begangen. Er ist noch gar nicht so alt, im Jahr 2000 wurde er anlässlich des Weltgipfels gegen Krebs in Paris ins Leben gerufen und findet seit 2006 alljährlich statt. Ziel ist es, das Bewusstsein für diese fiese Krankheit zu stärken. Doch wie kann dies bei einer Krankheit gelingen, die so viel Leid und oft den Tod bringt?
„Viele Menschen können nicht damit umgehen, egal ob selbst betroffen, verwandt oder befreundet, die Krankheit ist mit zahlreichen Stigmata versehen“, sagt Claudia Drake, Vorsitzende der Frauenselbsthilfegruppe Krebs (FSH), Gruppe Rosenheim im Landesverband Bayern und Baden-Württemberg. Die Gruppe existiert bereits seit fast 30 Jahren und damit länger als der Weltkrebstag. „Wir von der FSH wissen aus eigenem Erleben, was es heißt, an Krebs zu erkranken.“ Claudia Drake, Edi Rack und Brigitte Kirsch sind Teil des Teams der FSH Rosenheim. Alle drei hatten Brustkrebs, wissen, wie es sich anfühlt, beim Arzt zu sitzen und diese drei Worte zu hören: „Sie haben Krebs.“
Der schwere Umgang
mit der Diagnose
Zuerst einmal glaube man es nicht, sagt Brigitte Kirsch, die selbst einen Knoten in der Brust festgestellt hat – so ganz nebenbei. Sie war damals 51 Jahre alt. Sofort wurde die Untersuchungs- und Behandlungsmaschinerie in Gang gesetzt: Bestrahlung, Operation, Rehabilitation. „Man funktioniert einfach.“ Edi Rack hat es gleich zweimal erwischt, im Jahr 2010 und 2020.
Auch bei ihr folgten Chemotherapie, Operation, Bestrahlung – das ganze Programm. „Bei der zweiten Diagnose war ich einfach fertig und habe 2021 Kontakt mit der Selbsthilfegruppe aufgenommen“, sagt sie. Man sei quasi unter Gleichgesinnten, so Claudia Drake, und verstehe immer, wie es der anderen gehe. „Und“, sagt Brigitte Kirsch, „es hat mir auch geholfen, dass da Frauen waren, die vor 20 Jahren oder mehr Krebs hatten und offensichtlich geheilt waren.“
„Gerade hier in Oberbayern haben die Menschen irgendwie ein Problem, über das Thema zu reden“, meint Claudia Drake. Ja, das gebe sie zu, es sei auch nicht ganz einfach.
Die Leute geben gute Ratschläge, haben Mitleid – Dinge, die man in einer solchen Situation nicht gebrauchen könne. Viele Betroffene behielten ihre Krankheit deshalb erst einmal für sich, weil sie sich dem Gerede nicht aussetzen wollten. Und, da sind sich die drei einig, es sei schwer, es selbst zu begreifen und darüber zu reden oft noch schwerer. Natürlich habe man es den Ehemännern und Kindern gesagt.
Bei den Enkelkindern scheint es jedoch unmöglich, da die Frage aufkommt: „Warum hat die Oma auf einmal eine Glatze?“ „Ich habe schon erlebt, dass Bekannte die Straßenseite gewechselt haben, damit sie nicht mit einem sprechen müssen“, erzählt Brigitte Kirsch, „als ob man ansteckend wäre.“
In der Selbsthilfegruppe haben alle dieselben Probleme. „Aber“, sagt Claudia Drake, „wir reden nicht nur über Krankheit und Probleme, wir haben auch Spaß miteinander, stützen uns gegenseitig und geben Informationen weiter. Eine Art Schicksalsgemeinschaft, aus der Freundschaften entstehen, auch über die Krankheitsdauer hinaus.“
Eine solche Krankheit sei auch mit jeder Menge Bürokratie verbunden. Angefangen von Klinikaufenthalten bis zum Reha-Antrag, der von Haus aus erst einmal abgelehnt werde. Die jüngeren Betroffenen könnten sich da mit dem Internet helfen, aber, so Edi Rack, das könne einen ganz schnell verrückt machen.
Die Frauenselbsthilfegruppe Krebs bietet zwei unterschiedliche Treffen an: einen Nachmittags-Treff mit Kaffee und Kuchen sowie ein Abend-Treffen „Reden und Bewegen“. „Insgesamt gehören um die 20 Frauen zur Gruppe, die jüngste ist derzeit 40 Jahre alt, die älteste 90 Jahre.“ Die gemeinsame Zeit sei oft mit Aktionen verbunden, wie Basteln, Spielen oder Musiktherapie.
Auch würden in Kooperation mit dem Romed-Klinikum Vorträge zu speziellen Themen organisiert: Partnerschaft, Sexualität mit Krebs, Sport, Freizeitgestaltung – Lebensthemen, wie bei gesunden Menschen.
Und natürlich spiele auch das Aussehen eine große Rolle: Perücke oder nicht? „Ich habe mir schon eine zugelegt“, sagt Edi Rack, „die habe ich aber nur aushäusig getragen, weil sie einfach ein Fremdkörper ist.“ „Und man schwitzt darunter“, ergänzt ihre Kollegin Claudia Drake.
„Eine Krebsdiagnose ist kein Todesurteil“, verkünden die drei. Das Wichtigste sei erst einmal, weiterzuleben und sich nicht auf die Krankheit zu reduzieren. Sport und Humor könnten dabei helfen.
„Bei den Chemotherapien geht es oft hoch her“, erzählt Claudia Drake, „da gibt’s vorher als Antipasti das Cortison.“ Natürlich habe die Chemotherapie Nebenwirkungen wie Appetitlosigkeit und Übelkeit, und es gehe einem danach einfach ein paar Tage richtig schlecht.
Doch die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten helfe einem über viel hinweg – und natürlich die Unterstützung der Familie, der Freunde, des Partners, auch wenn diese total überfordert sein können.
„Wenige Wochen nach der Bestrahlung habe ich mit meinem Mann eine Motorradtour nach Kroatien gemacht“, berichtet Brigitte Kirsch. Da würden hinter dem Rücken auch unangemessene Kommentare abgegeben wie: „Der kann es doch gar nicht so schlecht gehen.“ Als ob das eine Rolle spiele. „Die Tour hat unglaublich gutgetan.“
Die Frauenselbsthilfe Krebs hilft mit Tipps und Ratschlägen. Einer davon lautet, das zu machen, was einem guttut. „Tatsächlich räumt man in einer solchen Situation auch in seinem Freundeskreis auf.“
Der Wunsch von Claudia Drake, Edi Rack und Brigitte Kirsch ist, dass die Gesellschaft lernt, offener mit dem Thema umzugehen und die Betroffenen das Leben nicht aufgeben. Und ganz wichtig: „Geht zu den Vorsorgeuntersuchungen, es ist selten zu spät.“
Die Welt mit viel
Hoffnung sehen
„Wenn man so etwas hinter sich hat, sieht man die Welt mit anderen Augen, auch mit viel Hoffnung.“ Ein äußeres Zeichen dafür ist ein fluffiger, hellgrüner Schal, den sich die drei Frauen um den Hals geschlungen haben. Sie üben dieses Amt als Ehrenamt aus, mit viel Herz und Verstand.
Im Jahr 2027 wird die Rosenheimer Gruppe ihr 30-jähriges Bestehen feiern. 30 Jahre der Hoffnung, des Muts und der Zuversicht in einer Gemeinschaft der besonderen Art.
„Gemeinsam einzigartig“ (United by Unique) lautet das Motto des diesjährigen Weltkrebstages. Jede Erkrankung ist individuell, und dennoch muss niemand diesen Weg allein gehen. Darum wird beim nächsten Treffen am 10. Februar im Pfarrheim Christkönig Fasching gefeiert. Perücken willkommen! Erlaubt ist, was gefällt.
Weitere Informationen gibt es unter www.frauenselbsthilfe.de.