Elternsein einfach neu denken

von Redaktion

Rosenheim/München – „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“, besagt ein afrikanisches Sprichwort. Es unterstreicht, dass eine gesunde kindliche Entwicklung die Unterstützung einer gesamten Gemeinschaft erfordert. Kinder lernen von verschiedenen Generationen, und das „Dorf“ bietet im übertragenen Sinne Sicherheit und Entlastung für die Eltern, beispielsweise in Form von Großeltern. Diese sind jedoch oft weit entfernt, noch im Berufsleben oder haben schlichtweg keine Zeit.

„Double Income,
no Kids“

Die Vorstellung, dass ein Elternteil mehrere Jahre aus dem Berufsleben aussteigt, ist angesichts hoher Lebenshaltungskosten, Miete und Altersversorgung für viele Familien undenkbar. Die Lebensform „Double Income, no Kids“ (DINK) ist auf dem Vormarsch und zeichnet sich durch finanzielle Freiheit, Flexibilität und ein höheres Haushaltseinkommen aus. In Frankreich plant die Regierung unter Präsident Emmanuel Macron sogar, im Jahr 2026 eine Aufklärungskampagne zu starten, um junge Erwachsene dazu anzuregen, über ihren Kinderwunsch und ihre Fruchtbarkeit nachzudenken.

Max Plonus aus Neubeuern und seine Lebensgefährtin Amelie Werner aus Fürstenfeldbruck, beide 35 Jahre alt und wohnhaft in München, haben sich bereits für ein Kind entschieden. Im September bekamen sie ihr erstes Kind. Amelie bekleidet eine leitende Position bei einem amerikanischen Softwareunternehmen, während Max als Programm-Manager in einem deutschen Softwareunternehmen tätig ist. „Wir teilen unsere Elternzeit auf, weil wir gleichwertige Karrieren haben, gerne arbeiten und Arbeit für uns mehr ist, als nur Geld zu verdienen“, erklärt Max Plonus. Der wichtigste Aspekt für beide sei jedoch, Zeit für ihre Tochter zu haben und eine gesunde sowie stabile Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen.

„Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben einen Anspruch auf Elternzeit, wenn sie mit ihrem Kind in einem Haushalt leben“, heißt es in Artikel eins des Bundeselterngeld- und Elternzeitgesetzes.

Doch viele junge Eltern sind zunächst überfordert mit den vielfältigen Möglichkeiten. Auch wenn man sich bewusst für eine Elternzeit entscheidet, wie Max und Amelie, stellt sich die Frage, wie der Wiedereinstieg in das Berufsleben gelingt.

„Wir bekommen von unseren Arbeitgebern viel Unterstützung in Form von Flexibilität und Gestaltungsfreiheit der Elternzeit“, berichten Max Plonus und Amelie Werner. Insgesamt nehmen die beiden 14 Monate Elternzeit, die sie sich aufteilen.

Dabei stellen sie fest, dass ihr Modell für viele ein sehr progressives Vorgehen darstellt: Es überrasche viele, dass Max so lange in Elternzeit gehe und Amelie nur so kurz.

Eine erste Anlaufstelle für Fragen des Wiedereinstiegs sind die Beauftragten für Chancengleichheit der Agentur für Arbeit, Melanie Rössler und Monika Grün. Dort erhalten Eltern Anregungen und Informationen für eine gelungene Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Sobald der Gedanke an den Wiedereinstieg ins Berufsleben im Kopf ist, sollte man zu uns kommen. Oft hören wir, hätte ich das nur früher gewusst“, so Rössler und Grün. Es sei ein sehr weitläufiges Feld. „Die Frauen gehen voller Elan zurück in den Beruf und da ist es wichtig, dass nicht alles an ihnen hängen bleibt.“ Auch wenn sich vieles bewegt habe, komme es oft zur Überbelastung der jungen Mütter. „Auf einmal müssen sie alles stemmen, Beruf, Kind, Haushalt, die gesamte Familienorganisation. Da gebe es schon noch Nachholbedarf.“ Dass alles so weiterlaufen solle wie bisher, führe auch zu einer gedanklichen Überbelastung der Frau, und wenn diese überbelastet sei, wackle das gesamte Konstrukt, so Monika Grün und Melanie Rössler. „Wir versuchen, für das Thema zu sensibilisieren und nach Lösungen innerhalb der Familie zu suchen.“ Die Herausforderungen, insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sind deutlich gestiegen. Frauen kehren nach der Geburt früher in den Beruf zurück und sind dann mit komplexen Fragen konfrontiert, wie zum Beispiel: „Wo bringe ich das Kind unter?“, „Wie kann ich meine Arbeitszeit gestalten?“ oder „Welche Aufteilung der Kinderbetreuung mit meinem Partner ist möglich?“

Auch hier haben Max und Amelie bereits einen Plan: „Zuerst müssen wir einen bezahlbaren und geeigneten Kita-Platz finden und die Eingewöhnungsphase muss klappen.“ Doch auch dann stellten sich noch viele Fragen. Müssten sie gegebenenfalls Wochenstunden reduzieren, wie lassen sich Kind und Beruf vereinbaren?

Und ganz wichtig: „Wie wird es uns dabei gehen, wenn wir unser Kind ganztags in die Betreuung geben?“ Amelie und Max, die die Elternzeit komplett paritätisch unter sich aufteilen, sind eine große Ausnahme, aber auch ein gutes Beispiel dafür, dass es gelingen kann. „Gerade der erste gemeinsame Monat hat mir gezeigt, wie schön es ist, als Vater beim Baby zu sein, es hat mir auch Sicherheit gegeben.“ Geteilte Freude sei doppelte Freude, es mache Spaß, als Paar sowohl die vielen schönen Seiten des Elternseins zu teilen als auch die Herausforderungen gemeinsam anzugehen. „Man lernt Teamplay auf einem ganz neuen Level.“

Das Beratungsangebot umfasst jedoch viel mehr Themen. „Zu uns kann jeder kommen, von der Konfliktberatung bis zur Erstausstattung im Bedarfsfall“, sagen Ursula Marchfelder und Anke Kayser von der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen im Landratsamt Rosenheim. Dazu gehören auch schwierige Themen wie Pränataldiagnostik, vertrauliche Geburt oder unerfüllter Kinderwunsch.

Neben der persönlichen Beratung bietet die Beratungsstelle im Landratsamt mit der „Familienwerkstatt Rosenheim“ auch eine kostenfreie Veranstaltungsreihe an, bei der Eltern sich zu verschiedenen Themen informieren und weiterbilden können – sozusagen das Dorf in der Stadt. Dazu werden externe Referenten eingeladen, die sich mit dem Thema auskennen. Ein großes Problem ist immer das Schlafen.

Junge Eltern kennen es: durchwachte Nächte, stundenlanges Herumtragen. „Babys schlafen anders…“ heißt der nächste Vortrag in der Familienwerkstatt am Donnerstag, 12. März. Eine Hebamme wird wertvolle Tipps geben, wie junge Eltern das Schlafproblem in den Griff bekommen können.

Das „Dorf“, das man für ein Kind braucht, präsentiert sich heutzutage in anderer Form, aber es ist da. In Form von Beratungs- und Hilfsangeboten sowie Kindertagesstätten. Aber auch Omas und Opas lassen sich meistens gerne in die Betreuung einbinden. Amelie und Max haben eine Lösung gefunden, wie sie das Elternsein und ihren Beruf unter einen Hut bekommen, weil sie sich gut vorbereitet und alle Möglichkeiten im Sinne der Chancengleichheit in Betracht gezogen haben.

Familie werden,
ein Paar bleiben

Ein weiterer Titel der Vortragsreihe in der Familienwerkstatt lautet beispielsweise: „Familie werden – Paar bleiben. Wir zwei sind jetzt zu dritt.“ Auch wenn er erst im November stattfindet, ist es ein Thema, über das man sich Gedanken machen sollte. „Geht es den Eltern gut, geht es auch dem Kind gut.“

Die Veranstaltungen der Familienwerkstatt finden im Staatlichen Gesundheitsamt Rosenheim, Prinzregentenstraße 19, statt und beginnen jeweils um 19 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht nötig.

Weitere Informationen gibt es unter www. schwanger-in-rosenheim.de.

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