Erl – Von wegen dummer Esel: Der Passionsesel Leo aus Erl liebt seine Rolle als Superstar an der Seite von Jesus. Im Märchen „Die Bremer Stadtmusikanten“ macht sich ein ausrangierter Esel auf, um dem sicheren Tod zu entgehen. „Der Esel merkte, dass kein guter Wind wehte…“ und haut ab. Unterwegs trifft er einen alten Hund, eine Katze und einen Hahn, der in den Kochtopf wandern sollte. Mit ihrem Aufbruch, ihrem Zusammenhalt und Mut schaffen sie das fast Unmögliche. Sie überlisten die Bösen, schaffen sich ein Heim und somit ein neues Leben. In vielen anderen Geschichten gilt der Esel gemeinhin als dummes Tier und stellt sich jemand besonders ungeschickt an, wird er schnell als „dummer Esel“ bezeichnet.
Doch das ursprünglich aus Wüsten und Steppen stammende Tier ist alles andere als dumm. Das weiß auch Silvia Schwaiger vom Riedlhof in Erl. Bei ihr wohnt der berühmteste Esel aus dem Inntal, der österreichische Grauesel Leo, der im vergangenen Jahr bereits zum dritten Mal als Passionsesel aufgetreten ist. Der Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag ist ohne Esel undenkbar; er ist quasi eine Art Leittier im Leben von Jesus. Schon als Ungeborener wurde er mit Maria auf ihrer Reise nach Bethlehem getragen, auch wenn es in der Bibel nirgends explizit erwähnt wird.
Später wärmte er mit seinem Atem das Baby Jesus in der Krippe. Regisseur Martin Leutgeb setzt ganz bewusst auf die Kraft dieses Symbols: „Beide entscheidenden Wege Jesu beginnen auf einem Esel. Das ist ein starkes Bild, das Entschlossenheit symbolisiert.“ Der Esel ist Symboltier der Armen, anspruchslos und zäh, aber auch sehr intelligent und lernfähig. „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat“, lautet das zehnte Gebot in einer vollständigen Fassung. Esel gelten als die ältesten Haustiere der Menschheit und prägten jahrtausendelang Handel, Landwirtschaft und Transport in frühen Hochkulturen. Ohne Esel wären wir nicht da, wo wir heute sind. Esel lieben Gesellschaft und können zu Menschen eine tiefe Beziehung aufbauen. Sie werden auch zu therapeutischen Zwecken eingesetzt, da sie ein feines Gespür für ihr Gegenüber haben und nur bei Vertrauen kooperieren. „Unser Sohn Thomas wollte unbedingt den Passionsesel haben, es gab keinen in Erl“, so Silvia Schwaiger, die mittlerweile die erste Bezugsperson für Leo ist. „Er gehört zur Familie und ist mir ans Herz gewachsen.“ Meistens ist er mit den Kälbern zusammen, aber er hat auch einen eigenen kleinen Stall hinter dem Hof.
Für den Auftritt als Passionsesel beim Einzug in Jerusalem wird Leo gestriegelt und geputzt. Dann ziehen Silvia Schwaiger und ihr Enkel Sebastian vom Ortsteil Unterweidau in Erl hinauf zum Passionsspielhaus. „Der freut sich jedes Mal“, berichtet Silvia Schwaiger, wahrscheinlich, weil er weiß, dass es dort oben immer seine Lieblingsspeise gibt: Gelbe Rüben.
Leo konnte sich im vergangenen Jahr noch sehr genau an die Wege des Passionsspiels von vor sieben Jahren erinnern. „Es war nicht einfach, ihn von seinem alten Weg abzubringen.“ Man kann es als Sturheit bezeichnen, aber auch als eine Art Verlässlichkeit, die uns Menschen manchmal abhandengekommen ist. „Einmal wollte er gar nicht mehr heim.“ Vielleicht haben Esel ein inneres Navigationssystem wie viele Tiere; einmal eingeprägte Pfade werden nicht mehr verlassen. Und weil Leo wie der Esel aus den Bremer Stadtmusikanten in die Jahre gekommen ist, auch wenn 20 für einen Esel kein Alter ist, wurde es mit dem Reiten vor zwei Jahren nichts. Keine Lust! „Er hat sich so komisch hingestellt, die Beine auseinandergespreizt, da war nichts zu machen“, lacht Silvia Schwaiger. Trotzdem hat er den Einzug an der Seite der beiden Jesus-Darsteller Christoph Esterl und Stefan Pfisterer jedes Mal genossen. „Ein echter Rampenesel.“
Wer am Palmsonntag am längsten schläft, ist den ganzen Tag der „Palmesel“ und damit das Gespött der ganzen Familie. Dies ist einer von vielen Karwochenbräuchen, die mit dem Palmsonntag beginnen. Lange Zeit fanden in Bayern Prozessionen statt, bei denen hölzerne Palmesel mit einer Jesus-Figur auf dem Rücken mitgeführt wurden. Eine kleine Palmprozession zur Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem gibt es vielerorts noch. Hauptsächlich ziehen die Kinder mit ihren großen Palmbuschen in die Kirche ein. Manchmal hängen kleine Brezen daran, die extra gebackenen Palmbrezen, die danach beim Wirt zusammen mit den Würsteln verspeist werden. Dies ist vielleicht ein letztes großes Fest vor der stillen Karwoche, das früher durchaus ausarten konnte.
Dass der Palmsonntag in Jerusalem ein Fest war, konnte man bei den Passionsspielen in Erl sehen: eine bunte Menschenmenge, die Jesus als den Erlöser und Messias feiert, mit Palmzweigen wedelt und Kleider ausbreitet. Doch da wusste ja noch niemand, dass er wenige Tage später am Kreuz sterben würde.
Bis zur nächsten Passion im Jahr 2031 sind es noch fünf Jahre. Wenn alles gut geht, wird Esel Leo wieder dabei sein.