Traunstein – Punkt 12 Uhr starte ich Richtung Traunsteiner Karl-Theodor-Platz. Die Sonne verbreitet Frühlingslaune – gut für meine Mission: Jemanden auf dem ersten offiziellen „Ratschbankerl“ in der Au treffen, der sich mit mir unterhalten will.
Ich habe mir vorgenommen, auf der Bank nahe der Salinenkirche mindestens eine Stunde zu verbringen, um zu sehen, ob das Konzept aufgeht: Wer hier sitzt, signalisiert Gesprächsbereitschaft.
Die Stunde
vergeht wie im Flug
Die Ernüchterung folgt sofort: Die Bank ist klatschnass. Da sich so wohl kaum jemand dazugesellen wird, sprinte ich kurz zum Drogeriemarkt um die Ecke, um Tücher zu besorgen. Als ich zurückkehre, traue ich meinen Augen kaum: Trotz der Nässe sitzt dort eine ältere Dame und isst in aller Seelenruhe eine Banane. Meine Euphorie steigt. Ist sie zum Ratschen da?
„Nein, eigentlich wollte ich hier nur was essen, aber Ratschen geht natürlich auch“, erwidert die Unbekannte ehrlich, aber charmant. Während ich die Bank trocken wische, erfahre ich, dass die Dame Erika Becker heißt und extra aus Prien für einen Ausflug nach Traunstein angereist ist. Dass sie ausgerechnet auf dem markierten Ratschbankerl gelandet ist, war reiner Zufall. Aufs Foto möchte die Prienerin nicht, aber dafür teilt sie mit mir viele spannende Geschichten.
Was folgt, ist ein Gespräch, wie man es heute viel zu selten erlebt. Wir unterhalten uns über unsere Berufe, die Familie und vergangene Reisen. Die Sympathie ist sofort da, die Stunde vergeht wie im Flug.
Erika ist von der Idee sichtlich angetan: „Gerade für so Leute wie mich ist das toll. Ich lebe allein, da kommt es schon mal vor, dass ich tagelang mit niemandem spreche“, erzählt sie offen. Die Kinder leben weit entfernt, und sie ist bereits in Rente. Das Ratschbankerl, das wäre auch für Prien eine gute Idee, findet sie.
Eine Woche später treffe ich mich am selben Ort mit den Initiatorinnen: Stadträtin Andrea Maier und Ingrid Buschold, die Vorsitzende des Seniorenbeirats, die ihren bezaubernden Hund Hänsel dabei hat. Die Atmosphäre ist sofort vertraut, wir kommen – ganz im Sinne der Bank – sofort ins Ratschen.
Die Idee kam Andrea Maier durch einen Zufall: „Ich habe eine Dokumentation auf Arte gesehen, da ging es um das Thema Einsamkeit und ein Begegnungsbankerl in einer anderen Gemeinde.“ Gemeinsam mit dem Seniorenbeirat, der das Thema Einsamkeit im Alter für das Jahr 2025 ganz oben auf die Agenda gesetzt hatte, wurde das Projekt in Traunstein realisiert.
Ingrid Buschold betont, dass es dabei nicht um eine „Kontaktbörse“ geht. Es gehe vielmehr darum, eine niedrige Hemmschwelle zu schaffen. „Man kann sich hinsetzen und einfach signalisieren: Ich würde jetzt gerne ratschen.“
Das Angebot richtet sich dabei explizit nicht nur an Senioren, auch wenn diese oft besonders unter fehlenden sozialen Netzwerken leiden.
Das Ratschbankerl in der Au soll nur der Anfang sein: „Es sollen jetzt im Frühling sieben Bänke im Stadtgebiet entstehen“, erklärt Andrea Maier.
Die Standorte sind bereits sorgfältig ausgewählt, teils in Zusammenarbeit mit der Stadtgärtnerei und Herrn Niederbuchner, die, wie viele weitere Menschen, dazu beigetragen haben, das Projekt zu verwirklichen.
Ein Stein im Wasser,
der Kreise zieht
Ingrid Buschold vergleicht das Projekt mit einem Stein, den man ins Wasser wirft: „Er zieht Kreise.“ Die Hoffnung ist groß, dass die Signalwirkung über die Stadtgrenzen hinausreicht. Das einfache „Ratschen“ soll wieder zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Miteinanders werden – egal, ob man jung ist oder alt, ob man geplant dort sitzt oder nur zufällig seine Banane isst.
Mein Selbsttest war dank Erika ein voller Erfolg und ich freue mich schon auf die nächsten Gespräche auf dem Ratschbankerl. Probiert es einfach aus. Ingrid Buschold gibt noch den Rat: Selbst zusammen zu schweigen auf dem Ratschbankerl macht mehr Spaß als allein – ist sie sicher.