Neubeuern – Kampfjet-Pilotin, Reserve-Astronautin und Rettungshubschrauber-Pilotin – und trotzdem total auf dem Boden geblieben. Dass Nicola Winter (41) jahrelang tonnenschwere 140.000-PS-Eurofighter durch die Lüfte gesteuert hat, würde man angesichts ihrer Bescheidenheit nicht vermuten. Und das, obwohl sie bei ihrem Vortrag beim Wirtschaftsforum am Internats-Gymnasium Schloss Neubeuern nicht nur einmal betont hat, dass Kampfjet-Piloten in der Regel ein ziemlich großes Ego haben.
Nicola Winter: „Ich
habe Höhenangst“
Auf die Frage, was sie denn eigentlich nicht könne, antwortete sie gelassen: „Alles andere.“ Also alles, was nicht mit ihren bisherigen Jobs zu tun hat. Und dann folgte ein überraschendes Geständnis: „Die Menschen meinen immer, ich sei ein Adrenalinjunkie“, sagte sie und lachte, „ganz im Gegenteil! Ich habe Höhenangst.“ Schließlich folgte eine Aufzählung der Dinge, in denen sie wirklich schlecht ist: Singen, Schauspiel – und in den Bundesjugendspielen zu Schulzeiten. Da habe es für sie immer nur die Teilnehmerurkunde gegeben. „Ich bin zwar mega sportlich, aber ich habe nun mal nur 70 Zentimeter lange Beine“, erzählte sie. Und so sei sie sowohl beim Weit- als auch beim Hochsprung immer wieder kläglich gescheitert.
Scheitern, das war – wie bei den meisten Menschen – auch im Leben der „Überfliegerin“ immer wieder ein Thema. So wurde sie beispielsweise bei der Lufthansa nicht angenommen. Der Grund: Mit ihren 1,60 Meter Körpergröße war sie für die Airline zu klein. Heute ist sie froh darüber. „Was wäre das für ein langweiliger Job“, sagte sie in Neubeuern mit einem Schmunzeln. „Eigentlich muss man da ja eh immer nur streiken.“ Und so führte ihr Weg zur Bundeswehr, über die Grundausbildung bis hin zur ausgebildeten Kampfjet-Pilotin in „das schönste Büro Deutschlands“.
Dabei lernte sie auch schnell, dass man kein Tom Cruise sein muss, um wie im Film „Top Gun“ die 110-Millionen-Euro-Maschinen steuern zu können. „Das sind auch keine Übermenschen“, stellte sie in ihrer Ausbildung schnell fest. Dies treffe auch auf die Astronauten zu, die sie inzwischen kennenlernen durfte. Denn Kampfjet war Winter nicht genug. Höher, schneller, weiter lautete die Devise. Und höher, schneller und weiter als ins Weltall ginge wohl kaum. Also studierte sie „so nebenbei“ noch Luft- und Raumfahrttechnik und begann 2017 durch die damalige Initiative „Die Astronautin“ eine Ausbildung in Moskau, um die erste Deutsche Astronautin zu werden. Nach etwa fünf Monaten zog sie ihre Kandidatur allerdings zurück.
Doch damit war noch nicht Schluss mit dem Traum vom All. 2021 bewarb sich Winter bei der European Space Agency (ESA) für das Astronautenauswahlverfahren und schaffte es bei über 22.500 Bewerbern unter die 17 Finalisten und letztendlich in die ESA-Astronauten-Reserve.
Was für den „Normalo“ zunächst wie ein riesiger Meilenstein in der Karriere klingt, war für Winter ein herber Rückschlag. Da Deutschland der größte Beitragszahler der ESA sei, seien sie und ihre Mitbewerberin sich sicher gewesen, dass Deutschland einen Astronautenposten bekäme. Doch es kam anders – und beide Frauen wurden nur in die Reserve geschickt. Die Wahrscheinlichkeit wirklich zum Einsatz zu kommen, hält sich also in Grenzen.
„Da hab ich ehrlicherweise schon dumm geschaut“, gibt sie zu. „Das war hart.“ Zwei Wochen lang sei sie dann „ziemlich unausstehlich“ gewesen, so Winter. Lange habe sie überlegt, ob sie mit der Raumfahrt weitermachen wolle. Habe viel mit sich gehadert und irgendwann metaphorisch selbst eine runtergehauen und sich gefragt „Was habe ich eigentlich für Probleme?“. Schließlich sei sie gut genug für den Job. „Das ist ein Problem, welches viele Menschen gerne hätten.“ Dennoch: „Meine Rolle ist ein bisschen so wie die, des dritten Torwart bei der WM. Man kann den Job gut machen, aber es gibt gerade keine freie Stelle.“
Artemis II: „Wäre gern
dabei gewesen“
Inzwischen fliegt Winter in ihrem Vollzeitjob Rettungshubschrauber für den ADAC. Selbstverständlich verfolgt sie dennoch, was gerade im Weltall geschieht. So auch kürzlich die Mission der Artemis 2, die sie mit zwiegespaltenen Gefühlen verfolgte.
„Dass das fehlerfrei geklappt hat, ist wirklich schön“, erzählte sie in Neubeuern. „Auf der anderen Seite denkt man sich natürlich: ‚Da wär ich jetzt schon gerne dabei.‘“
Doch woran liegt es, dass man in Deutschland nicht stärker in die Raumfahrt investiert? Politik und Wählerwille sind es laut Winter. „Raumfahrt ist ein Thema, welches sich nicht so leicht verkaufen lässt.“ Viele Dinge würden hierzulande nicht funktionieren. Von der Bahn bis zur flächendeckenden Kinderbetreuung. „Ich verstehe, dass viele sagen, man solle sich erstmal darauf konzentrieren, bevor wir in den Weltraum fliegen.“ Dennoch wünscht sie sich mehr Investitionen in diesem Bereich. „Wir wollen da oben Ressourcen finden, wir wollen Geld verdienen. Das ist, als würde ein neuer Kontinent besiedelt werden.“