Den Lebensmut nicht verloren

von Redaktion

Es begann mit einer Verfärbung am Zeh, es endete mit einer Amputation. Hilde Racher aus Grabenstätt hat sich zurück ins Leben gekämpft und will nun anderen Betroffenen mit einer Selbsthilfegruppe helfen.

Grabenstätt – Für Hilde Racher (69) aus Grabenstätt ist seit dem 3. Januar nichts mehr so, wie es war. In einer Notoperation musste ihr das linke Bein unterhalb der Hüfte amputiert werden. Die behandelnden Ärzte hatten keine andere Wahl, denn hätte man darauf verzichtet, wäre der Fuß abgestorben und Racher würde heute nicht mehr leben. Einige Wochen vor Weihnachten begann alles recht unscheinbar mit einer leichten dunklen Verfärbung an zwei Zehen.

Nach Komplikationen
wieder auf OP-Tisch

Bei einem folgenden Orthopädentermin stellte sich heraus, dass die Innenseite eines Zehs offen war. Obwohl sie eine großflächig offene Wunde hatte, bescheinigte ihr die Gefäßchirurgie im Klinikum Traunstein, dass es ohne eine Notfalleinweisung vor Mitte Februar leider keinen Termin gebe. Da ihr Orthopäde ihr eine solche aber ohne Begründung verweigerte, nahm Racher ihr Schicksal selbst in die Hand und suchte im Internet nach einer passenden Klinik.

Fündig wurde sie im Landkreis Rosenheim. Nur wenige Tage später erhielt Racher in einer Klinik in Vogtareuth, die über ein angebundenes Fachzentrum für Gefäßchirurgie verfügt, eine künstliche Bypass-Operation, um die Durchblutung des Beins wiederherzustellen. Zunächst schien die Operation ihren Zweck erfüllt zu haben. Eine Woche später stand Racher bereits vor der Entlassung, als es plötzlich zu Komplikationen kam. Die Durchblutung war erneut unterbrochen und die Grabenstätterin landete gleich am nächsten Tag wieder auf dem Operationstisch. Obwohl ihr Bein auch nach diesem Eingriff unterversorgt blieb, entließ man die damals 67-Jährige, der es körperlich nach eigener Aussage noch relativ gut ging, einen Tag vor Weihnachten aus der Klinik, damit sie die Feiertage im Kreise ihrer Familie verbringen konnte. Bis über den Jahreswechsel blieb Rachers Gesundheitszustand zum Glück stabil und sie und ihre Familie waren guter Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden würde. Doch dann kam der 2. Januar. „In der Früh ist es mir schon richtig schlecht gegangen, ich fühlte mich total krank, habe aber nicht gewusst warum“, erinnert sie sich. Kurz darauf sah sie, dass ihr linker Fuß ganz blau angelaufen war – ein eindeutiges Zeichen, dass er bald absterben würde. Die Ärzte in Vogtareuth erkannten sofort den Ernst der Lage und bereiteten umgehend die Amputation vor. Racher blieb kaum Zeit zum Überlegen und trotzdem musste sie sich schnell entscheiden: Entweder Bein ab oder sterben. Als lebensbejahender, immer positiv denkender Familienmensch entschied sie sich für Ersteres.

Die schwere Operation verlief gut, auch die Wunde heilte optimal, doch seelisch und psychisch hinterließ das Ganze Spuren. Rachers Leben stand plötzlich Kopf. Sie war immer sehr aktiv und engagiert gewesen. Auch im Rentenalter fuhr sie im Ort Essen auf Rädern aus, lenkte Schulbusse der Malteser und fuhr auch ihren nicht mehr so mobilen Ehemann Peter mit dem Auto zu dessen Terminen. Würde sie diese Tätigkeiten jemals wieder ausüben können oder für immer im Rollstuhl sitzen und zur Untätigkeit verdammt sein? Sie hatte allenfalls hin und wieder ein Kribbeln in den Zehen gespürt und ihr Bein war manchmal eingeschlafen. Ob dies bereits Vorboten waren, ist eine Frage, auf die sie bis heute keine Antwort erhalten hat.

In der nur dreiwöchigen Reha ging es vordergründig darum, das Gleichgewicht mit dem Rollator und dann auch mit Krücken zu halten und ein Gefühl für die Prothese zu bekommen. Auch die erste Zeit zu Hause war geprägt von Unsicherheit und Ängsten. Hinzu kam, dass sämtliche kontaktierten Physiotherapeuten ihr mangels Erfahrung mit oberschenkelamputierten Patienten nicht weiterhelfen konnten und ihr absagten. Sie war schon ziemlich verzweifelt, als ihre Tochter auf das Zentrikum Traunstein aufmerksam wurde.

Es war ein Glücksfall, denn dort fühlte sich Racher von Beginn an gut aufgehoben und ihr Lebensmut und ihr Selbstbewusstsein kamen schnell zurück, auch wenn ihr die deutsche Bürokratie das Leben zusätzlich erschwerte. Für eine Amputation erhält man nämlich nur einen Grad der Behinderung von 70. Ein Grad der Behinderung von 80 wäre aber notwendig, um im Schwerbehindertenausweis das Merkzeichen „aG“ für außergewöhnliche Gehbehinderung zu erhalten. Mit sozialrechtlicher Unterstützung des VdK hat sie dieses nun doch noch erhalten.

Trotz körperlicher Einschränkung möchte Racher wieder möglichst aktiv und selbstständig am Leben teilhaben, was ihr auch immer besser gelingt. So sitzt sie bereits wieder am Steuer ihres Autos mit Automatikgetriebe, ist zudem als Busbegleiterin bei den Maltesern im Einsatz und fungiert seit Herbst als Frauenbeauftragte des VdK Grabenstätt. „Ich muss sie schon bewundern, wie sie das alles macht“, meint auch ihr Ehemann Peter Racher.

Ringen um neue
Selbsthilfegruppe

Sehr gerne würde sie nun auch Menschen in ähnlichen Situationen und mit vergleichbaren Handicaps beistehen und helfen. Ganz konkret schwebt ihr eine Selbsthilfegruppe für Amputierte vor, deren Mitglieder sich regelmäßig beispielsweise in Traunstein treffen könnten, um Erfahrungen auszutauschen und sich gegenseitig emotionale Unterstützung zu geben. Auf einen Aufruf über die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Traunstein, die Trägerin des Selbsthilfezentrums, habe sich leider nur ein Betroffener gemeldet, bedauert Racher. Eine Selbsthilfegruppe komme aber erst ab drei Personen zustande. Aufgeben und sich zurückziehen ist für sie nach all dem, was sie bereits geschafft hat, aber keine Option, und so kämpft sie weiterhin um „ihre“ Selbsthilfegruppe, die hoffentlich schon bald entsteht und mit Leben gefüllt wird. Interessenten können sich bei Hilde Racher persönlich unter Telefon 08661/1526 oder auch bei der Awo in Traunstein melden.

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