Nußdorf – Fast habe es sie „vom Stui g’haut“, sagte Susanne Grandauer, und auf dem Dorfanger konnte man verstehen, was Nußdorfs Erste Bürgermeisterin meinte. Zwischen Wiese, Schneiderwirt und Ortsmitte standen Stühle, die ihren ursprünglichen Zweck nur noch ahnen ließen: bemalt, beklebt, umgebaut, mit Erinnerungen versehen oder mit Witz verfremdet. Zum 20-jährigen Bestehen von kunst+werk Nußdorf hat der Verein keine Rückschau im Saal organisiert, sondern das Dorf selbst möbliert – mit Kunst, die man nicht erst suchen muss.
Ein Projekt ohne
Schwellenangst
Die Ausstellung „Vui Stui“ verwandelt Nußdorf für einige Wochen in einen offenen Kunstraum. Wer über den Dorfanger geht oder durchs Ortszentrum spaziert, begegnet den Arbeiten beiläufig und doch nicht zufällig. Manche Objekte wirken heiter, andere handwerklich sorgfältig, wieder andere erzählen von Gruppen, Vereinen oder Institutionen, die sich mit ihrer eigenen Handschrift beteiligt haben.
Eine hellblaue „Wolke 7“ wird zum luftigen Ruheplatz, ein grünes Stuhl-Duo lädt „zum Hocka, Frogn, ziang und redn“ und „do san ma dahoam“ ein. Gerade weil der Stuhl ein so vertrauter Gegenstand ist, funktioniert das Projekt ohne Schwellenangst. Man muss kein Kunstkenner sein, um kurz stehen zu bleiben.
Die Idee ist einfach und deshalb tragfähig: Nicht nur einzelne Künstler liefern Arbeiten, sondern möglichst viele aus dem Ort. Bürger, Vereine, Firmen, Gruppen, Institutionen und die Schule waren eingeladen, einen Stuhl in ein Kunstobjekt zu verwandeln. So entstand weniger eine Ausstellung im klassischen Sinn als ein Gemeinschaftsbild aus vielen Einzelstücken. Besonders anschaulich wurde das, als Renate Pröbstl bei der Eröffnung von der Grundschule erzählte. Fast wie eine Prozession seien die Kinder mit 20 selbst bemalten Stühlen angekommen, begleitet von Schulleitung und Lehrkräften. Ein kleines Bild, das viel über diese Aktion sagt: Kunst wird hier nicht nur gezeigt, sondern gemeinsam gemacht.
Bei bestem Wetter mit Sonnenschein war die Eröffnung gut besucht, als Renate Pröbstl, Gründerin von kunst+werk Nußdorf, in ihrer Rede daran erinnerte, warum sich der Kreis vor 20 Jahren zusammengefunden hat. Kreatives Schaffen sei etwas Wertvolles. Aus einer lockeren Vereinigung von Kunstschaffenden entstand ein Netzwerk, das seitdem gemalt, getöpfert, geschnitzt, ausgestellt, gelesen und musiziert hat. Die Ergebnisse waren in der Galerie, in der Turnhalle, im Freien und in Kirchen zu sehen. Viele aus Nußdorf und Umgebung kamen, um Ausstellungen zu besuchen, sich Gedanken zu machen oder selbst zum Pinsel zu greifen. Der Verein wurde damit schnell ein fester Teil des kulturellen Lebens im Dorf. Dass dieses Jubiläum nun im Freien begangen wird, passt zu dieser Geschichte. kunst+werk hat Kunst in Nußdorf nie als abgeschlossenen Bereich verstanden. Die Jahresausstellungen griffen häufig aktuelle Themen auf und bezogen immer wieder Gruppen aus dem Ort ein, darunter Senioren, Geflüchtete oder Jugendliche. Auch die Reihe „Bilder-Klänge-Worte“, die Pröbstl über viele Jahre als Initiatorin und Organisatorin prägte, stand für diese Verbindung von Kunst, Musik, Sprache und Begegnung. „Vui Stui“ führt diesen Ansatz fort: Die Ausstellung bleibt nicht in einem Saal, sondern steht dort, wo die Menschen ohnehin vorbeikommen. Auch Nußdorfs Erste Bürgermeisterin Susanne Grandauer griff in ihrer Ansprache die Symbolik des Stuhls auf. Fast jeder habe einen Lieblingsstuhl oder einen Platz, an dem er Ruhe finde, sagte sie. Ein Stuhl müsse kein Designerstück sein; Hauptsache, er sei gemütlich und biete Platz. Zugleich erinnere die Sprache daran, dass Stühle nicht nur bequem sind: Man könne zwischen ihnen sitzen oder jemandem den Stuhl vor die Tür setzen. In Nußdorf aber stehen die Stühle nun für das Gegenteil. Sie zeigen eine Gemeinde, in der jeder seinen Platz haben kann und in dem gemeinsamen Tun mehr ergibt als die Summe einzelner Beiträge.
Zu einer Vernissage wie dieser gehören nicht nur Reden, sondern auch die sozialen Verbindungen, die eine solche Aktion erst möglich machen. Pröbstl dankte der Gemeinde für die langjährige Unterstützung, der Bürgermeisterin für das offene Ohr, den beteiligten Vereinen, der Sparkasse, dem Schneiderwirt und allen, die Zeit, Geld, Material oder Ideen beigesteuert hatten. Entscheidend ist weniger die Liste als das Prinzip dahinter. Kulturarbeit in einem Dorf entsteht selten aus einem einzigen großen Wurf. Sie wächst aus geöffneten Räumen, bezahlten Plakaten, Technik, Musik, Genehmigungen, helfenden Händen und der Bereitschaft, sich zuständig zu fühlen. Dass dieser Zusammenhalt nicht schwer wirken muss, zeigte die Veranstaltung selbst. Die kunst+werk-Gruppe trat augenzwinkernd als kleine Theatergruppe auf. Christian Staber, sonst als Eiskünstler bekannt, ließ die Besucher in einer Live-Aktion an seiner Arbeit teilhaben. Die Musikkapelle Nußdorf spielte unter der Leitung von Sepp Maurer, der Schneiderwirt sorgte für Essen; ein Fass Bier war gestiftet. Einen festen Eintritt verlangte kunst+werk nicht; wer wollte, konnte einen freiwilligen Beitrag geben. Auch das passt zum Charakter der Ausstellung: offen, zugänglich, nicht auf große Geste angelegt.
Zum Mitmachen gehört bei „Vui Stui“ auch der Blick der Besucher. Wer beim Rundgang einen Lieblingsstuhl entdeckt, kann ein Foto einschicken. Bei der Abholung der Stühle soll dann bekannt gegeben werden, welcher „Lieblingsstui“ ausgezeichnet wird. So bleibt die Ausstellung in Bewegung. Sie beginnt nicht mit der Eröffnung und endet nicht beim ersten Rundgang, sondern lebt davon, dass Menschen vergleichen, auswählen, wiederkommen, miteinander reden.
Vielleicht ist das die eigentliche Leistung von kunst+werk nach 20 Jahren: Der Verein hat dazu beigetragen, dass Kultur in Nußdorf nicht als Ausnahme wirkt, sondern zum Dorfleben dazugehört. Kunst wird hier nicht auf ein Podest gestellt, aber auch nicht zur bloßen Dekoration verkleinert. Sie darf schön sein, komisch, handwerklich, persönlich, gemeinschaftlich. Sie darf auf dem Dorfanger stehen und Aufmerksamkeit verlangen, ohne laut zu werden.
Statt Festschrift
ein besonderer Halt
Bis Mitte Juni bleibt Zeit, die Stühle im Ortszentrum zu entdecken. Viel Erklärung braucht es dafür nicht. Ein Gang über den Dorfanger genügt, ein Blick auf die verwandelten Alltagsgegenstände, vielleicht ein kurzer Halt vor einem besonders eigensinnigen Exemplar. Dann versteht man, warum ein Jubiläum nicht immer eine Festschrift braucht. Manchmal reicht es, wenn ein Dorf Platz nimmt.