Verdienstkreuz für Ukraine-Helferin Iris Trübswetter

von Redaktion

Seit Jahrzehnten setzt sich Iris Trübswetter für Völkerverständigung und Frieden zwischen Osteuropa und Deutschland ein. Seit Kriegsbeginn lieferte sie Hilfsgüter in die Westukraine und wurde dafür nun mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Rosenheim – „Ich bin mittlerweile Geschichte von diesem Ort“, sagt Iris Trübswetter. Kein Satz der Eitelkeit, eher eine nüchterne Feststellung. Im westukrainischen Peretschyn kennt man die 84-Jährige mit den kurzen grauen Haaren. Sie ist eine, die immer wiederkommt. Eine, die hilft, wo sie Not sieht.

Geboren 1942 in Garmisch-Partenkirchen, studierte Trübswetter nach dem Abitur Soziologie und Kulturanthropologie. Zusammen mit ihrem Mann reiste die junge Frau Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre wochenlang durch den Nahen Osten, Persien, den Hindukusch. Sie sahen wunderschöne Städte, hatten tolle Begegnungen. „Und das bomben sie jetzt alles wieder zusammen – furchtbar“, sagt Iris Trübswetter.

Sie prägte das Rosen-
heimer Stadtbild

Nach ihrer ersten Asienreise ließen sich die beiden 1966 in Rosenheim nieder, bekamen ihren Sohn Patrick. Trübswetter interessiert sich für Kunst und Kultur, übernahm 1981 als erste Frau den Vorsitz des Kunstvereins Rosenheim. In dieser Rolle trug sie auch zum heutigen Stadtbild Rosenheims bei: Sie setzte sich für den Erhalt des Lokschuppens und des Hofbräukomplexes ein.

Ende der 80er-Jahre reiste sie erstmals nach Moskau. Keine einfache Erfahrung, denn bis dahin sprach sie kein Russisch. Und die Russen kein Englisch mit ihr. Verständigung? Fehlanzeige. „Ich bin allein in Moskau herumgeirrt, nicht einmal die Schilder der U-Bahn konnte ich lesen.“ Dennoch befeuerten Reisen wie diese ihr Interesse an den Menschen, Kulturen und Ländern im Ostblock.

Sie lernte Russisch, besuchte Veranstaltungen der Bayerischen Ostgesellschaft (BOG), eines Vereins, der sich seit 1973 für Verständigung zwischen Deutschland und der Sowjetunion einsetzt.

1996 reiste sie mit der BOG erstmals nach Kiew. Es ist die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion, eine Phase des Aufbruchs. Auch für Vereine wie die BOG. „Wozu sind die noch gut, wenn alles offen ist?“ Das waren Fragen, die damals im Raum standen.

2014 führte ihr Weg nach Peretschyn, eine ukrainische Kleinstadt unweit der slowakischen Grenze. Was die 84-Jährige dort sah, erschütterte sie. Kaum funktionierende Sozialstrukturen, zerfallende Dächer, hungernde Kinder. Aber eben auch Hoffnungsschimmer. Gemeinsam mit Partnern vor Ort organisierte die BOG jeden Sommer eine Kindererholung. Drei Wochen unbeschwerte Zeit für Mädchen und Jungen aus den ärmsten Familien, für Verwahrloste und Waisenkinder. Genug war das für Iris Trübswetter nicht. Sie wollte weitermachen.

Und so schrieb sie sich über die Jahre in die Geschichtsbücher der Kleinstadt ein. Als Vorsitzende des Vereins sammelte Iris Trübswetter Geld und Sachspenden in Deutschland, ihre Partnerin Olga Barsak organisierte die Verteilung vor Ort. Monat für Monat erhalten die ärmsten Familien Lebensmittel, Schulmaterialien, Schuhe für ihre Kinder. Im Nachbarort Kamjanytsia entstand mit Unterstützung aus Deutschland eine Schultoilette mit ökologischer Kläranlage. „Die hatten vorher nur Löcher im Boden“, erinnert sich Iris Trübswetter.

Dass hinter all dem mehr als nur Organisation steckt, betont Volker Schindler. Er ist Trübswetters Nachfolger als Vorsitzender der BOG. „Iris Trübswetter übernahm die sozialen Unterstützungsaufgaben mit bewundernswerter Energie, verband sich mit den Schicksalen von benachteiligten Kindern und setzte alles in Bewegung, um ihnen zu helfen. Doch der Weg ist nicht frei von Rückschlägen. Wechsel im ukrainischen Rathaus verzögerten Projekte, sie erlebte Machtmissbrauch, Vetternwirtschaft, Korruption. Aufgeben war keine Option. Heuer soll eine lang geplante Kläranlage endlich gebaut werden. Genau diese Beharrlichkeit und klare Sicht schätzen ihre Vereinsfreunde der BOG. Iris Trübswetter setze sich mit enormer Kraft und Ausdauer für konkrete humanitäre Hilfe ein. „Sie sieht aber auch die Dauerproblematik von Korruption und Vetternwirtschaft in der Ukraine und prangert diese an“, so Schwarz, stellvertretender Vorsitzender der Ostgesellschaft.

Am 24. Februar 2022 informierte Iris Trübswetter die Ukrainer in Peretschyn über den Kriegsbeginn. Diese wissen noch gar nichts von dem Angriff der russischen Streitkräfte. „Das hat mich in den Rang eines Propheten gehievt – furchtbar“, erzählt sie und schüttelt den Kopf. Den Sohn einer Bekannten rettete die Rosenheimerin an diesem Tag vor dem Wehrdienst. Dank der Information konnte er rechtzeitig flüchten und war „gerade über der Grenze und in dem Moment klingelt die Polizei bei seiner Familie, um ihn einzuziehen“. Eine kurze Nachricht von Trübswetter, die das Schicksal einer Familie ändert.

Als sie mit ihrem Sohn vor Ort ist, zeigte sich die Realität des Krieges. Polizisten hielten die beiden auf, wollten wissen, warum er nicht an der Front ist. Mutter und Sohn mussten erklären, dass er Deutscher ist. „Dass er nicht infrage kommt als Kanonenfutter“, wie es die 84-Jährige ausdrückt.

Mit dem Krieg veränderte sich auch die Hilfe. Tausende Binnenflüchtlinge kamen nach Peretschyn und mussten in den ersten Tagen versorgt werden. Sie benötigten Lebensmittel, Kleidung und Schlafplätze, erzählt Iris Trübswetter. Anfangs fuhren die Helfer der BOG mehrmals im Monat in die Region, später mehrmals im Jahr. Auch wenn sich das Land bereits im fünften Kriegsjahr befindet, ist „die Situation wirklich katastrophal“, urteilt die 84-Jährige.

Viele Male in
Peretschyn gewesen

Viele Male ist sie mittlerweile in Peretschyn gewesen – in Friedenszeiten und im Krieg. Fast jeder kennt dort die Frau aus Deutschland, deren Gesicht Ruhe und Zufriedenheit ausstrahlt. 2025 gab sie den Vereinsvorsitz der Bayerischen Ostgesellschaft ab. Im April 2026 überreichte ihr, auf Vorschlag der BOG und des Bundesverbands deutscher West-Ostgesellschaften, Sozialministerin Ulrike Scharf das Bundesverdienstkreuz am Bande. Eine Auszeichnung, die ihre Arbeit würdigt, der Empfängerin aber nicht wirklich wichtig ist.

„Durch ihre Art, sich selbst mit ihrer Person zurückzunehmen und sich immer in den Dienst der Sache zu stellen, stand sie nie im Rampenlicht – und darf dieses nun endlich einmal ein wenig genießen“, sagte Alexander Schwarz über die Auszeichnung. Für Iris Trübswetter zählen konkrete Hilfe, gelebte Solidarität, jahrzehntelanges Engagement. Trotzdem bleibt am Ende eine ernüchternde Bilanz: „Und was passiert?“ Sie hält kurz inne. „Krieg, Krieg, Krieg.“

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