Beistand für ein Gefühl, das nie endet

von Redaktion

Interview Leiterin Bettina Wimmer von Lacrima erklärt, wie Kinder trauern und warum der Schutzinstinkt oft falsch ist

Wasserburg/Traunreut – Mama oder Papa stirbt und plötzlich steht ein Elternteil mit den Kindern alleine da. Das ist der wohl schlimmste Albtraum für jede Familie. In Wasserburg und Traunreut wird nun eine Trauergruppe eröffnet, die in genau solchen Fällen helfen soll.

Die Johanniter-Gruppe „Lacrima“, abgeleitet vom lateinischen Wort für „Träne“, möchte Familien und Kindern in diesen schwierigen Zeiten begleiten. Bettina Wimmer, wird die Wasserburger Gruppe in Zukunft hauptamtlich leiten. Ursprünglich gelernte Glaserin, ist sie über Umwege zu den Johannitern gekommen und arbeitet dort inzwischen als Pädagogische Leitung.

Die wichtigste Erkenntnis für sie: „Man sollte immer offen und ehrlich mit Kindern sein.“

Frau Wimmer, bei einem Trauerfall ist der Instinkt oft, die Kinder zu schützen. Was sagen Sie dazu? Ist das richtig?

Das ist schlicht nicht möglich. Mama oder Papa oder eine andere nahe Bezugsperson kommen nun einmal nicht wieder. Erwachsene neigen dazu, den Kindern eine „Käseglocke“ überzustülpen, um sie vor dem schlimmen Ereignis zu schützen, und zeigen oft ihre eigene Trauer nicht vor dem Kind.

Kinder lernen aber am Modell, das heißt, sie nehmen sich ein Beispiel daran, wie ihr Umfeld mit Trauer umgeht. Kinder können Trauer sehr gut aushalten, wenn sie entsprechend unterstützt werden.

Ich rate, die Kinder von Anfang an in die Prozesse mit einzubeziehen. Sie müssen nicht bei allen Terminen beim Bestatter mit dabei sein, aber es hilft sehr, ihnen zu erklären, was wann passiert.

Aber wenn jemand in der Familie stirbt, wie sage ich das dem Kind?

Eine Handreichung gibt es da nicht. Es kommt auch immer auf die Situation an. Wenn es sich um einen Krankheitsfall handelt, sollte man die Kinder bestenfalls schon im Vorfeld darauf vorbereiten. Zum Beispiel, wenn eine Krebsdiagnose im Raum steht. Dann rate ich, viele Fotos in der gemeinsamen Zeit zu machen. Das sind schließlich die letzten Erinnerungen. Wichtig ist aber immer, offen und ehrlich zu sein. Wenn es sich um einen plötzlichen Todesfall handelt, würde ich das entsprechend genauso sagen: Papa hatte einen Unfall und ist dabei verstorben. Und wenn ich es selbst nicht kann, dann jemanden finden, der es für mich übernimmt oder der mich dabei unterstützt und stärkt.

Gilt das auch bei Suizid?

Ja, das hat etwas mit Vertrauen zu tun. Wenn sich ein Angehöriger suizidiert, möchten viele Hinterbliebene den richtigen Zeitpunkt abwarten, um den Kindern die Todesursache zu sagen. Doch der wird nicht kommen. Aber zwangsläufig werden es die Kinder erfahren, und wenn sie es über Nachbarn oder Schulkameraden mitbekommen, und dann kann es ganz schnell passieren, dass das Vertrauen in die eigene Familie zerstört wird.

Und nach dem Tod? Wie können sich Kinder vom Verstorbenen verabschieden?

Ich empfehle immer, dass die Kinder sich auch bei dem Verstorbenen verabschieden, zum Beispiel am offenen Sarg. Meistens gehen sie da ganz unbedarft ran.

Für viele, auch Erwachsene übrigens, ist es wichtig, den Tod wortwörtlich zu begreifen. Erst wenn sie spüren: Die Haut ist kalt, da ist kein Leben mehr, kann für viele der Trauerprozess richtig starten.

In meiner Erfahrung fehlt bei vielen etwas, die diese Möglichkeit nicht hatten. Wichtig ist aber, dass Kinder bei der Verabschiedung jemanden an der Seite haben, der stark genug ist, das zu begleiten. Das ist in einigen Fällen vielleicht nicht der nächste Angehörige, der selbst mit der Trauer beschäftigt ist, sondern die Tante oder der Onkel. Viele Bestatter bieten eine Begleitung inzwischen auch selbst an. Wichtig ist allerdings: Wenn ein Kind nicht möchte, dann darf man es auch nicht dazu zwingen. Ihm sollte klar sein, es ist die letzte Möglichkeit, sich zu verabschieden, aber wenn er sich dagegen entschieden hat, dann ist das so.

Kinder entwickeln sich. Wann geht man davon aus, dass Sie verstehen, was Tod ist?

Wir gehen davon aus, dass im Vorschul- bis Schulalter das Todesverständnis allmählich einsetzt. Deshalb nehmen wir bei Lacrima Kinder erst ab circa sechs Jahren auf. Manchmal können die Kinder auch jünger sein. Wenn wir etwa einen Trauerfall mit einem Fünfjährigen haben, dann schauen wir und probieren, ob das Angebot bei Lacrima zu diesem Zeitpunkt für das Kind das richtige ist.

Wie läuft die Trauerbegleitung bei „Lacrima“ denn ab?

Bei uns kommen die Kinder mit den hinterbliebenen Erwachsenen an. Die Erwachsenen werden in einem separaten Raum in ihrer eigenen Trauer begleitet, die Kinder dürfen sich erst einmal 20 Minuten austoben und spielen. Um anzukommen, um die Emotionen loszuwerden.

Danach geht es zur Kerzenrunde, die auch bei den Erwachsenen gemacht wird. Jedes Kind darf eine Kerze für den Verstorbenen anzünden und wenn es möchte, etwas dazu sagen. Danach haben wir zum Beispiel eine Kreativrunde oder eine Impulsrunde oder anderes. Zum Beispiel: Wir reden heute über das Thema Wut.

Wut?

Ja. Natürlich gibt es viele positive Dinge, die wir mit Verstorbenen verbinden. Aber wir können auch negative Erinnerungen haben. Oft ist bei dem Tod eines Menschen deshalb auch viel Wut dabei. Zum Beispiel, wenn dem Kind ein Urlaub versprochen wurde, der aber nicht mehr gemacht werden kann, weil Papa oder Mama nicht mehr da ist.

Was wissen wir über Trauer bei Kindern generell?

Wir sprechen davon, dass Kinder trauern, als würden sie in Pfützen springen. Das heißt, es kann passieren, dass sie ganz plötzlich sehr traurig werden und dann drehen sie sich um und lachen. Kinder lassen im Allgemeinen nur so viel Trauer zu, wie sie selbst ertragen können. Man sollte außerdem nicht überrascht sein, wenn Kinder ganz direkte Fragen stellen, wie, ob der beerdigte Verstorbene jetzt von Würmern zerfressen wird. Das ist normal und diese Fragen sollten auch immer offen und ehrlich beantwortet werden.

Und wenn man es nicht weiß, kann man auch einfach sagen: Ich weiß es nicht, wenn es dir wichtig ist, können wir das später recherchieren. Übrigens ist es aber auch in Ordnung, zum Kind zu sagen: Das ist mir zu viel, ich kann darüber noch nicht sprechen. Man sollte Kindern auch die eigene Trauer zeigen und nicht zum Weinen in den Keller gehen. Denn nur so können die Kinder lernen, mit ihrer Trauer zu leben. Außerdem bekommen Kinder ja auch mit, wenn es einem selbst schlecht geht.

Tod und Trauer gelten aber im Allgemeinen als Tabuthema. Viele wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen?

Das ist richtig. Die Trauerkultur in Deutschland ist kaum vorhanden. Vor allem nicht in der Öffentlichkeit. Mir begegnen immer wieder Familien, die davon berichten, dass Bekannte bei Begegnungen in der Öffentlichkeit plötzlich um die Ecke biegen und so tun, als hätten sie die Betroffenen nicht gesehen.

Was sollte man stattdessen tun?

Ganz normal wie immer mit den Personen sprechen. Wenn man davor einfach nur gegrüßt hat, reicht das vielleicht schon aus. Wenn man davor miteinander geratscht hat, dann das tun. Man kann auch einfach sagen: Schön, dass wir uns mal wiedersehen. Oder man kann auch sehr spezifische Fragen stellen: Nicht: „Wie geht es dir?“, sondern: „Wie geht es dir heute?“

Und wie lange dauert Trauer? Wie lange bleiben die Familien zum Beispiel bei „Lacrima“?

Bei uns gibt es kein festes Datum. Durchschnittlich werden die Familien etwa drei Jahre begleitet. Tatsache ist aber: Trauer endet nie. Man lernt nur, damit anders umzugehen.

Gerade Kinder, die früh ihre Eltern oder jemand anderen Nahestehenden verloren haben, nehmen sich selbst oft als Exoten wahr. Am Anfang ist es oft eine Wucht, die einen überfährt. Mit der Zeit wird diese Wucht weniger und man schafft es besser, sie ins Leben zu integrieren.

Doch es wird immer Momente geben, wo sie wieder hochkommt und anders spürbar wird. Das fängt bei der Verabschiedung aus dem Kindergarten an, wo jedes andere Kind Mama und Papa an seiner Seite hat, und hört bei der eigenen Hochzeit noch längst nicht auf.

Sophia Huber

Details zur neuen Trauergruppe

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