Mühldorf– Es ist kalt, der Wind bläst scharf, immer wieder geht Schneegraupel über der Gedenkstätte nieder. Die Besucher im ehemaligen Waldlager des KZs Mühldorf frösteln. Es ist Mitte Mai. „Wie wird das erst im Winter gewesen sein, in schlechter Kleidung?“, fragt einer der Besucher, „wie schrecklich“. Damals, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges mussten an dieser Stelle an jedem Tag 2.000 Menschen antreten. Zum Zählappell. Oft stundenlang. Nur mit dünner Häftlingskleidung und maroden Schuhen bekleidet. Viele starben dort oder in den umliegenden Erdhütten oder auf der Riesenbaustelle für Kriegsflugzeuge ein paar Hundert Meter weiter.
Die Besucher an diesem Tag Mitte Mai sind mit Schirmen, festen Schuhen und Regenjacken besser ausgestattet als die Häftlinge vor über 80 Jahren. 120 Gäste sind es etwa, so viel, wie noch nie an einem Tag. Sie kommen aus Garmisch, Starnberg oder Rosenheim, Eichstätt oder Ingolstadt, Schönberg. Sie gehören dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge an, dessen Bezirksverband Oberbayern sich beim Kreuzerwirt in Mettenheim zur Versammlung trifft und zuvor die KZ-Gedenkstätten im Mühldorfer Hart besucht. Erinnerung im Einsatz für den Frieden.
Dort legen Vorsitzende Maria Els und Geschäftsführer Benedikt Klima einen Kranz nieder. Els, bis 2022 Regierungspräsidentin des Bezirks Oberbayern, bezieht alle Opfer von Krieg und Gewalt, Hass und Terror in das Gedenken ein. Im Mühldorfer Hart vor allem die, die in der Region unter der Nazi-Gewalt litten und starben. Für Els ist das Gedenken Teil der weitergehenden Aufgabe des Volksbunds: „Unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung, des Einsatzes für Frieden in der ganzen Welt.“
Grundlage für diese Hoffnung, dieses Engagement ist die Erinnerung an die Geschichte. Drei Führer des Mühldorfer „Vereins für das Erinnern“ leiten die Gäste durch die Gedenkstätte. Dr. Hans Dworzak ist einer von ihnen. Der ehemalige Chefarzt im Mühldorfer Krankenhaus wählt drastische Worte: „Die Häftlinge hatten immer Hunger.“ Es waren die jüngsten, die stärksten und gesündesten jungen Männer, die die Selektion in Auschwitz und Dachau überstanden hatten und nach Mühldorf gebracht worden waren. Trotzdem waren ihre Überlebenschancen gering: Hunger, Kälte, Krankheit, Ungeziefer, die Prügel der SS-Männer, der haltlose Hass der Wächter. „Es gab kein Interesse, dass die Arbeiter mit dem Leben davonkamen“, sagt Dworzak, „das war jedem klar.“
In der Region, im Landkreis Mühldorf, hat sich die Erkenntnis dank der Arbeit für die Gedenkstätte inzwischen verbreitet. Wie grausam diese Verbrechen vor der eigenen Haustür waren, ist aber schon wenig außerhalb des Landkreises kaum mehr bekannt. Das gesteht Rosenheims Landrat Otto Lederer unumwunden ein. Obwohl der Kampf für die Gedenkstätte bis in die obersten Regionen der Staatsregierung ging und auch Lederers Amtskollegen aus Mühldorf beschäftigte, sagt der langjährige Rosenheimer Landrat und Kreisvorsitzende des Volksbunds: „Ich hatte davon noch nichts gehört.“
Im Gespräch mit Mühldorfs stellvertretender Landrätin Ilse Preisinger-Sontag unter dem Bunkerbogen der riesigen Flugzeugfabrik wird deutlich, wie stark beeindruckt Lederer von der Anlage im Mühldorfer Hart ist. „Ich wollte mir selbst ein Bild machen“, sagt er. „Es ist so wichtig, dass wir die Erinnerung wachhalten.“
Gut zweieinhalb Stunden halten sich die Besucher im Mühldorfer Hart auf. Viele sind sichtlich beeindruckt, obwohl sich die Mitglieder des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge ständig mit Tod und Leid und der Erinnerung daran befassen. Der Besuch örtlicher Gedenkstätten gehört laut Geschäftsführer Benedikt Klima zur Arbeit des Bezirksverbands. Dank des Mühldorfer „Vereins für das Erinnern“ sei die sehr große Besucherzahl gut begleitet worden.
Dass die Gäste nicht niedergedrückt nach Hause gehen, auch das liegt am „Verein für das Erinnern“. Vorsitzender Franz Langstein erzählt im Waldlager natürlich die Geschichte von Baby Hannah, jenem Mädchen, das dort in den letzten Kriegstagen zur Welt kam und dank der überraschenden Güte einer Lagerleiterin überlebt hat und heute, als über 80-Jährige, regelmäßig zu Besuch in Mühldorf ist. Langstein erzählt auch vom Sohn eines ehemaligen Häftlings, der den Leidensort seines Vaters besucht habe. Zusammen hätten sie auf einem der leicht erhöhten Wege gestanden. „Wir haben dann zusammen gebetet und geweint“, sagt Langstein.