Bad Feilnbach/Amerang – Der Wunsch nach Autonomie ist einer, der uns Menschen wohl unser gesamtes Leben lang begleitet. Viele Menschen fragen nicht gerne nach Hilfe. Lieber wollen sie die Dinge selbst in die Hand nehmen, um zu verhindern, Schwäche zu zeigen. Eine neue Studie der Simon Fraser University belegt außerdem: Menschen, die das Gefühl haben, ihr Leben und alle wichtigen Lebensentscheidungen selbstständig treffen zu können, glücklicher sind als diejenigen, die hier auf Unterstützung angewiesen sind.
Selbstständigkeit
sensibles Thema
Für Menschen, die in höherem Alter mit mancher Einschränkung zu kämpfen haben, ist diese Selbstständigkeit ein sensibles Thema: Gelenke werden müde und auch die Muskelkraft lässt irgendwann nach. Am Innovationszentrum für altersgerechtes Wohnen des Medical Parks in Amerang können Besucher verschiedene kleine oder größere Alltagshelfer testen, die ihnen ein selbstständiges Leben zu Hause erleichtern sollen.
Zwei Wohnungen haben die Mitarbeiter des Medical Parks hier mit Hilfsmitteln ausgestattet: Es handelt sich dabei sowohl um Produkte, die von der Pflegekasse übernommen werden, als auch um günstige Alternativen aus Baumarkt, Möbelgeschäft oder Supermarkt.
„Uns war es wichtig, keine idealen, barrierefreien Wohnungen nachzubauen, denn so sieht die Realität für unsere Patienten nicht aus“, weiß Pressesprecher Michael Reindl. Stattdessen sollen die Besucher sich hier ansehen, wie sie ihre eigene Wohnung barrierefrei nachrüsten können, um bestehende Stolperfallen zu umgehen.
Tobias Fröhling, der Leiter des Innovationszentrums, kommt zweimal pro Woche mit Rehapatienten des Medical Parks hierher. Als Ergotherapeut ist er außerdem am Bad Feilnbacher Standort Blumenhof tätig.
Wichtig ist für Fröhling, dass die Patienten nicht denken, sie müssten sich jetzt jedes einzelne der über 100 Hilfsmittel besorgen, mit denen die Modellwohnungen ausgestattet sind. Stattdessen wollen er und seine Kollegen hier so viele Alternativen wie möglich aufzeigen, aus denen jeder eine passende für sich und seine individuelle Wohnsituation findet.
„Wir wollen Fehlausgaben vorbeugen und unsere Patienten gezielt beraten und außerdem eine Versorgungslücke schließen“, erklärt auch Sylvia Wunderlich, Therapieleiterin am Standort Blumenhof in Bad Feilnbach.
Häufig kommen Patienten nach einigen Wochen Krankenhaus- und Reha-Aufenthalt zurück nach Hause – ohne Gelegenheit, sich mit den neuen, oft erschwerten Lebensumständen vertraut zu machen: Wie komme ich in Zukunft die Treppe hoch? Wie kann ich mich weiterhin ohne fremde Hilfe waschen? Wie rufe ich nach Hilfe, wenn ich in meiner Wohnung stürze? Hierauf sollen die Patienten nun gezielter vorbereitet werden.
Dafür läuft aktuell außerdem eine Studie, an der insgesamt 65 Reha-Patienten aus unterschiedlichen Bereichen teilnehmen: Ziel ist es, zu messen, wie effektiv die Hilfe ist, die das Innovationszentrum bietet.
„Die Pflege ist etwas sehr Lebendiges und Dynamisches“, weiß Wunderlich. Was vor drei Jahren noch als höchst innovativ galt, ist heute möglicherweise längst veraltet. Deshalb recherchieren die Mitarbeitenden stetig, um in Sachen Pflege und Assistenzsysteme immer up to date zu sein. Dafür arbeiten sie zudem mit Forschern der LMU zusammen.
Die Patienten kommen in der Regel mit konkreten Ideen, wobei sie sich im Alltag, mit Blick auf ihre weitere Selbstständigkeit, Hilfestellung wünschen:
So verschlug es auch Reha-Patient Luitpold Siess im Zuge einer Knie-OP zur Reha in den Medical Park. „Ich habe mir vor allem angesehen, wie ich mein Badezimmer zu Hause nachrüsten kann“, erzählte Siess bei seinem Besuch im Innovationszentrum.
Schließlich will er sich auch nach dem Reha-Aufenthalt ohne fremde Hilfe waschen können. Ein Sitz in der Badewanne oder eine Stütze vor dem Waschbecken können den Patienten das Leben hier sehr erleichtern, weiß Ergotherapeut Fröhling.
Wichtig ist außerdem, „dass sich die subjektive Lebensqualität des Einzelnen durch das jeweilige Hilfsmittel verbessert“, so Fröhling weiter. „Nicht jeder fühlt sich in gleicher Weise und Intensität eingeschränkt, wenn er beispielsweise länger braucht, um vom Sofa aufzustehen.“ Je nach persönlichem Empfinden ist eine Aufstehhilfe dann mehr oder weniger sinnvoll. In einem Beratungsgespräch erarbeiten Therapeut und Patient darum vorab: Wie sieht der Alltag des Patienten aus? Wie gut kann er bestimmte Tätigkeiten selbstständig ausführen? Wie zufrieden ist er damit? Bevor die Besucher das Innovationszentrum betreten und die Alltagshelfer dort testen, führen Fröhling und seine Kollegen einige Tests und Befragungen mit Ihnen durch: Darunter etwa der Timed up and go Test oder der Dash Disability for Shoulders and Arms Fragebogen. Beide Tests sollen Rückschlüsse auf Mobilitätseinschränkungen des Patienten zulassen.
Vier bis sechs Wochen nach der Reha findet ein weiteres Gespräch mit den Therapeuten statt. Festgestellt werden soll dann, welche Hilfsmittel sich tatsächlich als hilfreich erwiesen haben und wie die Patienten ihre eigene Lebensqualität nach der Reha einschätzen. Aufmerksamkeit zieht außerdem vor allem ein Mitarbeiter des Innovationszentrums auf sich. Iwa heißt der kleine, menschenähnliche Roboter in orangem Kittel und mit blauer Strickmütze auf dem Kopf. Er versorgt die Besucher mit Informationen zu sämtlichen Assistenzsystemen, die sich im Zentrum befinden.
Die Idee aus der Pflegeforschung ist, humanoide Roboter mehr in die Pflege zu integrieren: Sie sollen nicht die Aufgaben von Pflegern übernehmen, sondern sie entlasten: indem sie beispielsweise die Freizeit der Patienten gestalten – mit einem kleinen Plausch oder als Spielkameraden. 2020 hat sich auch der deutsche Ethikrat für das Potenzial von Robotern in der Pflege ausgesprochen, warnt jedoch auch davor, die technischen Helfer als Ersatz für das zwischenmenschliche Miteinander zu sehen.
Einsamkeit kein
seltenes Problem
Obwohl es sich um keine echten Menschen handelt, kann der Einsatz derartiger Systeme wertvoll sein: Schließlich kommt die soziale Interaktion einerseits wegen des Fachkräftemangels in der Pflege zu kurz und andererseits ist Einsamkeit kein seltenes Problem im Alter, wissen Fröhling und Wunderlich: Das soziale Umfeld an Gleichaltrigen schrumpft immer mehr. Auch wenn ältere Menschen Familie haben, so teilen die jüngeren Verwandten nicht ihre Erfahrungen und Lebenserinnerungen.
Dass es vielen alten Menschen wegen dieser lähmenden Einsamkeit zunehmend schwerfällt, den Alltag zu bewältigen und darin Erfüllung zu finden, sehen die beiden häufig. Altersdepression ist ein großes Problem unserer Gesellschaft, „doch wird viel zu wenig darüber gesprochen und nicht ausreichend dagegen unternommen“, findet Therapieleiterin Wunderlich. Am Innovationszentrum in Amerang will man dem entgegenwirken.
Alle Interessierten können sich außerdem am 20. Juni selbst ein Bild von der Einrichtung machen: Denn an diesem Tag öffnet das Innovationszentrum von 9 bis 15 Uhr für einen Tag der offenen Tür.