Ruhpolding/Landkreis Traunstein – Es ist ein Zusammenspiel aus Mensch und Tier, das viele Mühen abverlangt, aber seit Jahrhunderten funktioniert und die Landschaft im ganzen Alpenraum prägt – die Almwirtschaft in den Bergen hat jetzt eine ehrenvolle Auszeichnung erhalten. Sie ist ins Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf Landesebene eingetragen worden, auf Basis der Kriterien des Unesco-Übereinkommens. Möglich gemacht haben es Birgit Löffler, Sachgebietsleiterin für Kultur- und Heimatpflege am Landratsamt Traunstein, sowie Maria Stöberl vom Verband der Forstberechtigten im Chiemgau.
Weil die Flächen im Tal
knapp sind, bringen Bauern die Tiere in die Berge
„Wir haben die ersten Schritte dafür schon vor der Corona-Pandemie gesetzt und mussten wirklich viel dafür abarbeiten“, schaut Maria Stöberl beim Treffen auf der Schwarzachenalm bei Ruhpolding zurück: von der Bautechnik für Hütten oder Tränken, übers almerische Volkslied oder Bräuche wie dem Almauf- und Abtrieb über die Zeit im Nationalsozialismus oder die eigenen Lockrufe für die Tiere im Gebirge. Im März hat der bayerische Ministerrat entschieden, die Almwirtschaft auf die Traunsteiner Initiative hin auszuzeichnen. Die feierliche Übergabe der Aufnahmeurkunde erfolgt am 24. Juni in München. Die Flächen in den Tälern des Alpenraums sind knapp und werden im Sommer für den Anbau oder die Heuernte gebraucht – das ist der eigentliche Hintergrund, warum Landwirte ihren Tieren den Almsommer „gönnen“. „Wir wissen, dass schon ab dem siebten Jahrhundert in den Bergen gerodet wurde und Tiere zusätzlich in den Bergwald getrieben wurden“, so Birgit Löffler. Um 1.700 wurden die Flächen auch kartiert und festgelegt – und so auch immer weiter gepflegt. 170 Almen gibt es momentan allein im Landkreis Traunstein. Welch ein Kraftakt es ist, die Almen überhaupt zu erhalten, unterstrich Maria Stöberl vom Verband der Forstberechtigten: „Die Tiere allein schaffen es nicht, die Flächen freizuhalten. Die Almbauern müssen mit dem Schwenden genauso dahinter sein.“ Denn sind die Almwiesen einmal zu hoch gewachsen, meiden die Tiere das Gras. Werden kleine Bäume oder Sträucher daraus, müssen sie von Hand umgelegt werden. „Früher waren zusätzlich zu den ‚Koiman‘, den Kalbinnen, auch noch viel mehr Schafe oder Ziegen auf den Almen. Und es gab noch den Beruf des Almputzers, der sich vor allem um die Freihaltung der Flächen kümmerte“, so Stöberl.
Das Wohl und die Zukunft der Almen hängen dabei immer davon ab, wie die Landwirtschaft im Tal funktioniert. „Weil es immer weniger Bauern werden, werden es auch weniger Almen“, fasst Hans Thullner von der Schwarzachenalm zusammen. Großbetriebe im Tal hätten oft auch gar keine geeigneten Tiere. „Sie müssen eine Weide kennen und geländegängig sein.“ In den 1960er- und 1970er-Jahren hätten viele Bauern wegen der Mechanisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft gleich ganz darauf verzichtet, ihre Tiere im Sommer in die Berge zu bringen. Viele der Hütten seien damals verkauft worden. „Die Almwirtschaft galt unter den Bauern damals als rückständig“, so Thullner.
Landrat Danzer:
„Diese Arbeit ist nicht selbstverständlich“
Inzwischen ist der Stellenwert der Almwirtschaft längst wieder gestiegen. Die Politik hat festgestellt, dass die Kulturpflege auch in den Bergen wichtig ist, und förderte Almbauern auch mit Zuschüssen. Schließlich profitieren so auch Tierwohl, Milchqualität und nicht zuletzt der Tourismus. Denn das, was viele mit einer Alm verbinden – eine stärkende Brotzeit mit selbst gemachtem Käse oder Buttermilch – ist schließlich nur das „Nebenprodukt“ der Tierhaltung auf den Bergen. „Die Arbeit ist mühsam und nicht selbstverständlich. Die Almbauern verdienen unseren höchsten Respekt“, so Landrat Andreas Danzer auf der Schwarzachenalm.
„Dass die Almwirtschaft jetzt immaterielles Kulturerbe ist, bedeutet aber nicht, dass die Almbauern irgendein Reglement einhalten müssten“, betont Maria Stöberl. Aber wenn es künftig darum geht, Interessen von Almbauern gegenüber Politik oder Behörden zu vertreten, hätte man mit der Auszeichnung jetzt „ein richtig gutes Pfund namens Kultur“, so Stöberl. Durch die Anerkennung auf Landesebene wird die Almwirtschaft im zweiten Schritt jetzt auch vorgeschlagen, ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen zu werden. Die Kulturministerkonferenz und Wolfram Weimer, der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, werden im Februar oder März kommenden Jahres darüber entscheiden.