Wonneberg – Es sind stramme, hohe Bäume, oft mit ansehnlichen Kronen, die in Stefan Strassers Wald im Landkreis Traunstein stehen. Aber stolz ist er nicht auf die 60 Meter hohen Buchen und Fichten, sondern auf jene Exemplare, die gerade mal so aus dem Laub herausschauen. „Diese Weißtanne ist schon acht Jahre alt“, zeigt Strasser auf einen seiner Zöglinge. Dabei reicht ihm das Bäumchen gerade mal über den Knöchel. Was sich der 38-Jährige vorgenommen hat, ist eine Generationenaufgabe. Er hat sie zwar angestoßen, aber das Endergebnis seines „umgebauten“, verjüngten Waldes wird auch er nicht mehr erleben.
Ein junger Wald, der dem Klimawandel standhält
Buchen und Fichten machen 90 Prozent von Strassers Wald westlich von Wonneberg aus. Das ändert er jetzt. Über 20 verschiedene Baumarten finden sich in der Verjüngung, aus mindestens zehn davon soll der Zukunftswald bestehen. „Buchen und Fichten haben ein Problem mit langen Trockenperioden. Sie wurzeln nicht so tief, außerdem ist die Fichte anfällig für Stürme und den Borkenkäfer.“ Je vielschichtiger ein Wald dagegen ist, umso mehr Wasser hält er, umso stabiler wird der Boden. Durch den Klimawandel werden Starkregenereignisse häufiger, die Trockenperioden länger.
Weißtanne, Bergahorn oder Eiche spielten in dem Wald früher kaum eine Rolle. Gegenüber der dominanten Buche können sie sich schlecht durchsetzen. Aber vor allem sind die Jungbäumchen eine Leibspeise der Rehe. Denn auch das gehört laut Stefan Strasser zur Wahrheit: „Waldverjüngung funktioniert, wenn die Jagd stimmt.“ Und die habe vor 20 Jahren, als er die Verantwortung für den elterlichen Wald übernahm, eben nicht gestimmt. Die früheren Jagdpächter waren nicht zu Veränderungen bereit. Also machte Strasser ebenfalls den Schein und bejagt seinen Wald seit 2010 auf eigene Faust: Die Quote hat sich verdoppelt. „Ohne Jagd geht‘s nicht.“
Freilich, man könne mit der Motorsäge schon für mehr Licht sorgen. „Aber dann lässt das Wild von 20 Baumarten, die sich natürlich verjüngen, trotzdem nur zwei stehen.“ Unterm Strich profitieren auch die Tiere vom besseren Lebensraum, ist sich der 39-Jährige sicher. Die Rehe seien gesünder und kräftiger als früher. Und auf der angrenzenden Staatsstraße zwischen Traunstein und Waging habe es früher zehn bis 15 tote Rehe im Jahr gegeben. „Jetzt vielleicht noch eins.“ Inzwischen gibt Strasser anderen Waldbesitzern auch schon Führungen, wie er bei der Verjüngung vorgeht. Mit dem zwölf Hektar umfassenden „Holz“ gehört er zu den größeren Waldbesitzern im Landkreis Traunstein.
Online-Voting: Wer wird Waldbesitzer des Jahres?
Es ist viel Handarbeit, die der Wonneberger leistet. Das Gelände – trotz der vielen Steilhänge – durchforsten, unerwünschte Arten herausschneiden und den willkommenen „Nachwuchs“ im Auge behalten. Auf zwei Quadratmetern Fläche kommen oft sechs verschiedene junge Arten. Aktiv gepflanzt wird fast nichts. Strasser lässt den Wald selbst arbeiten, lenkt ihn, greift bei der Erneuerung und Verjüngung unter die Arme. Auch die grobe Arbeit, wenn es ans Fällen geht, macht er gerne allein. „Das ist einfach ein richtiges Hobby.“ Denn eigentlich arbeitet Strasser Vollzeit im Vertrieb für einen Forstmaschinenhersteller.
Leben muss Strasser vom Wald also nicht. Die ganze Landwirtschaft – im Sommer hat man Tiere zur Pension – läuft im Nebenerwerb. „Alleine der Fuhrpark war so teuer, das würde der Wald eh nicht hergeben“, lacht er. Auch der ökonomische Ertrag wird bei einem Wald mit einem Dutzend verschiedener Arten, die womöglich langsamer wachsen, geringer sein, als nur mit Buchen und Fichten. „Aber lieber habe ich einen stabilen Wald, und nehme Abstriche bei der Wirtschaftlichkeit in Kauf, bevor er mir zusammenbricht.“
Jetzt steht Stefan Strasser als einer von ursprünglich 20 Bewerbern im Finale des „Deutschen Waldpreises“. Kategorie: Waldbesitzer des Jahres. Bis Freitag, 12. Juni, läuft das Online-Voting, das über den Sieg entscheidet. Mit 1.000 Euro ist der Preis dotiert, verliehen wird er am 9. Juli in Berlin. Prämiert werden Menschen, die ihren Wald so bewirtschaften, dass er für andere ein Vorbild sein kann. Xaver Eichstädter