Bad Aibling – Mit einer Tasse Kaffee in der Hand und Blick auf Hochries, Heuberg und die weißen Gipfel des Kaisergebirges dahinter beginnen die meisten meiner Tage: Seit einigen Monaten arbeite ich nun als Redakteurin in Bad Aibling und bin der Arbeit – aber auch der Berge wegen – Richtung Rosenheim gezogen. Wenn ich mich morgens mit dem Auto auf den Weg in die Bad Aiblinger Redaktion mache, schweift mein Blick durch die Windschutzscheibe weiter über Wendelstein und Co. Ich kann mein Glück oft kaum fassen, diese Gegend jetzt mein Zuhause nennen zu dürfen.
Denn wann immer es Beruf, Freizeit und Wetter zulassen, bin ich am Berg: meistens zum Wandern – egal ob im Sommer oder im Winter – mit Gamaschen und Grödel, Stirnlampe und hohen Wanderstiefeln, manchmal mit 60-Liter-Tourenrucksack, manch anderes Mal mit leichtem Gepäck und Trailrunning-Schuhen. Manchmal nur für eine kurze Feierabend-Tour oder um den Sonnenaufgang von oben zu sehen – manchmal auch gleich für mehrere Tage.
Zwischen Lombok und
den bayerischen Alpen
Auch der Berge wegen verschlug es mich in der Vergangenheit ins kirgisische Pamir-Gebirge zum Peak Lenin Basecamp oder Richtung Alatoo, zu den Ausläufern des Thian-Shan nach Kasachstan. Ich habe den Sonnenuntergang über dem Mount Everest vom Gokyo-Ri gesehen, die hohen Teeplantagen im südindischen Munnar oder manchen Vulkan auf Lombok von oben. Der höchste Gipfel, auf dem ich bisher war, war der 5.644 Meter hohe Khala Pattar kurz vor dem Everest Base Camp in Nepal – ohne Sherpa, der mir den Rucksack trägt, und ohne Guide, der mir den Weg hätte angeben können. Aber am Ende ist es egal, wie hoch mich meine Füße zum Gipfel tragen. Ich bin jedes Mal wieder unglaublich stolz und mindestens genauso erstaunt darüber, was mein Körper alles alleine schafft und wie viel er so hoch oben leistet, wo die Luft dünner und dünner wird. Bei meinen Gipfeltouren habe ich Begegnungen gemacht, die hätte ich in der Intensität wohl nie anderswo gemacht: Die Höhe, das gemeinsame Ziel, das alle Menschen hier oben teilen, und der Ehrgeiz, den Gipfel zu erreichen, all diese Dinge schweißen die Menschen am Berg zusammen. Aus diesem Grund gibt es hier oben auch keine Hierarchien: Wir Bergsteiger sind am Ende alle gleich. Wir sind der Natur ausgesetzt und helfen einander, den Weg nach oben – und danach wieder sicher nach unten zu finden. Darum kennt man hier auch nur das freundschaftliche „Du“, welches mir an den Bergen ganz besonders gefällt.
In Kirgistan habe ich mit einer Nomadenfamilie die Jurten ihres Sommerlagers auf 3.500 Metern abgebaut und am Spitzingsee einer Gruppe Fremder beim Almauftrieb auf eine kleine Senneralm mithelfen dürfen: In den Bergen, wo das Leben einerseits so viel einfacher ist als im Tal, andererseits aber auch so viel härter – angesichts der vielen Wetter- und Naturstrapazen –, packt man einfach an, ohne lange zu überlegen. Die Hemmschwellen sind niedrig, andere um Hilfe zu bitten, und jeder greift beherzt zu. Die Gemeinschaft, die dadurch so schnell entsteht, zaubert mir immer wieder ein seliges Lächeln ins Gesicht.
Berge üben eine Faszination auf mich aus, die ich schwer in Worte fassen kann. Ich liebe die Ruhe, die die Natur dort oben ausstrahlt, die Stille und das Gefühl, ganz klein zu sein – angesichts der unendlich hohen und massiven Felswände vor mir. Und die Wildnis, die im für uns Menschen so unwegsamen Gelände, unbeirrt ihrem eigenen Rhythmus folgt.
Gleichzeitig erfüllt mich die Tatsache, dass wir Wanderer die Berge – und damit ein unglaublich sensibles Ökosystem – mit unseren Besteigungen zu erobern versuchen und jeder erreichte Gipfel als Trophäe betrachtet wird, mit Unbehagen: Lange Jahre leiden Gebiete wie die Everest-Region unter dem extremen und unkontrolliert wachsenden Bergtourismus in der Höhe und auch im bayerischen Alpenvorland verstecken sich viele gefährdete Arten zwischen Latschenkiefern und Geröll über der Baumgrenze. Aus diesem Grund stelle ich mir oft die Frage: Wie können wir Achtsamkeit, Respekt vor Höhe und Natur und Bergsport verträglich miteinander verbinden?
So entstand die Idee, meine Berg-Begeisterung mit meiner redaktionellen Arbeit zu verbinden. Unter dem Motto „Gratwandern – zwischen Abenteuer und Achtsamkeit“ erscheint deshalb nun alle zwei Wochen ein neuer Artikel in dieser Serie. Die Reihe bietet eine Plattform für Menschen, die sich beruflich, ehrenamtlich oder – wie ich – in ihrer Freizeit den Bergen, dem Alpinsport oder der Natur dort oben verschrieben haben: Dafür spreche ich unter anderem mit ehrenamtlichen Bergrettern, erfahrenen Bergsteigern, Hüttenwirten oder Sennern aus der Region über ihre Arbeit und ihre Leidenschaft für die Berge.
Geschichten
aus den Bergen
Wir gehen gemeinsam wandern, sie verraten mir ihre heimischen Lieblingsgipfel und teilen mit mir manche spannende Geschichte, die sich auf dem ein oder anderen hiesigen Berg zugetragen hat.
Gerne dürfen auch Sie sich per Mail bei mir unter katharina.roehrl@ovbmedia.de melden, wenn Sie Ihre Berggeschichte mit uns teilen möchten.