„Tanzen bedeutet Leben“ – mit 90 an der Stange

von Redaktion

Mit 90 und 87 Jahren sind Ingrid Jaeschke und Katrin Schwarzer die ältesten Schülerinnen der Ballettschule Bartosch-Linke in Rosenheim. Zweimal pro Woche gehen die beiden Frauen dort ihrer Leidenschaft nach und beweisen, dass es nie zu spät ist, den eigenen Träumen zu folgen.

Rosenheim – Die Ballettschule ist noch fast leer. Nur im Hintergrund hört man leise Klaviermusik aus einem der beiden Ballettsäle. Katrin Schwarzer (87) und Ingrid Jaeschke (90) müssen erst in einer Stunde an der Stange stehen. Sie sind derzeit die beiden ältesten Ballettschülerinnen der Ballettschule Bartosch-Linke in Rosenheim. Beide kommen zweimal die Woche ins Training. Das allein ist schon beeindruckend – die Biografien, die hinter den zwei Tänzerinnen stecken, sind es aber mindestens genauso.

Eleganz und
Körperhaltung

Beide Frauen stammen nicht aus Rosenheim und hatten ihr ganzes Leben schon Kontakt mit Sport und Tanz: Katrin Schwarzer machte im Rahmen ihrer Arbeit im Hospiz und der Palliativstation eine Ausbildung zur Tanztherapeutin. Der Traum vom Tanzen habe aber schon weit vorher begonnen: „Ich hatte als Kind die Idee, Tänzerin zu werden“, erzählt sie. Ihre Mutter war dagegen. Deshalb habe es bis in ihr Erwachsenenalter gedauert, um ihren Weg zum Tanz zu finden.

Sie habe lange mit ihrem Mann gemeinsam lateinamerikanische und Standard-Tänze getanzt, ehe sie mit Ballett begann. Nachdem sie mit ihrem Mann und ihrem ersten Sohn von Augsburg nach Rosenheim gezogen war, kam sie auf die Ballettschule: „Ich bin mit einem Kind auf dem Arm dort aufgetaucht und meinte, ich würde hier gerne tanzen.“ Ein Beweis dafür, dass es niemals zu spät ist, nach den eigenen Träumen zu streben.

Man sieht ihr die Eleganz und Körperhaltung, die vom Balletttraining kommen, an: Mit geradem Rücken sitzt sie auf ihrem Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen. Katrin Schwarzer erzählt, dass sie, bis sie 79 Jahre alt war, gearbeitet hat.

Eine lange Zeit, und das auch noch in einer Branche, in der die Arbeit nicht immer leicht ist. Die regelmäßige Bewegung im Ballettunterricht habe laut Schwarzer einen großen Beitrag dazu geleistet, dass ihr das so lange möglich war.

Ingrid Jaeschke arbeitete viele Jahre als Turnlehrerin in Berlin, wo sie geboren und aufgewachsen ist. Wenn sie spricht, hört man durch kleine Wörter wie „icke“ auch noch, dass sie „berlinert“. Was hat sie dann nach Bayern verschlagen? Sie erzählt, wie sie sich nach der Trennung von ihrem Mann erst um ihre Mutter und ihre Kinder kümmern musste und in einem Bürojob arbeitete – keine leichte Zeit für sie, wie sie erzählt.

Nachdem ihre Kinder erwachsen waren und sie in Rente ging, beschloss Jaeschke: „Jetzt gehe ich nach Bayern. Ich kann jetzt machen, was ich will.“ Sie sei im Laufe der Jahre oft im Süden Deutschlands im Urlaub gewesen und die Berge hätten es ihr sehr angetan. Deshalb zog sie kurzerhand allein nach Rosenheim, meldete sich in der Ballettschule und der Kunstakademie Hohenaschau an, um ab da viermal die Woche zu tanzen und zu malen. Mittlerweile tanzen beide Frauen „nur noch“ zweimal die Woche und auch mit dem Spitzentanz haben beide vor einigen Jahren aufhören müssen. Man müsse sich dann doch an das Alter anpassen, so Katrin Schwarzer. Gerade bei den Proben für die Aufführung zum 70. Jubiläum der Ballettschule im Mai seien sie an ihre Grenzen gekommen.

Eine Ballettstunde zu schwänzen, käme für beide aber niemals infrage. „Das sind fixe Termine. Ich denke überhaupt nicht darüber nach, nicht zu kommen“, erklärt Schwarzer. Selbst wenn einmal die Motivation fehle, müsse man „den eigenen Schweinehund einfach überwinden“. Am Ende lohne es sich immer wieder aufs Neue, zu kommen. „Die Knochen tun vielleicht weh, aber man merkt, dass man lebt“, sagt die gebürtige Berlinerin. Man merkt auch im Gespräch, dass sie nur ungern stillsitzt und fast ein wenig jugendhaft mit dem Stuhl kippelt.

Wie Kathrin Schwarzer erklärt, sei Ballett dabei nicht nur gut für die körperliche Fitness, sondern auch für den Kopf: Die immer wieder wechselnden Choreografien und die Bewegung im richtigen Rhythmus zur Musik beanspruchen Körper und Geist gleichermaßen. „Nur ins Fitnessstudio zu gehen und immer die gleichen Bewegungen zu machen, wäre nichts für mich“, sagt sie. Auch Ingrid Jaeschke liebt es, sich zur Musik zu bewegen – das mache sie gerne auch öfter mal zu Hause im Wohnzimmer.

Ein weiterer wichtiger Punkt seien die sozialen Kontakte, die mit dem regelmäßigen Training automatisch einhergehen. Man müsse irgendwann schauen, dass man nicht vereinsamt. Dieses Problem scheinen die beiden Damen nicht zu haben.

Katrin Schwarzer erzählt von ihren drei Enkelkindern und ihrem Alltag, der immer gut gefüllt ist. Mit ihren Mittänzerinnen verstehe sie sich sehr gut, außerhalb der Ballettschule habe sie kaum Kontakt zu ihnen. „Ich habe schon so viel anderes zu tun.“

Auch Ingrid Jaeschke ist glücklich und erklärt: „Ich habe jetzt alles machen können, was ich in meiner Jugend nicht machen konnte und durfte.“

Auf die Frage hin, ob sich die Ballettschule in den vielen Jahren verändert hätte, schütteln beide den Kopf. Die Atmosphäre sei schon immer sehr achtsam und respektvoll gewesen. Und wenn man sich so lange kennt, könne man auch gut gemeinsam lachen. Es herrsche kein Leistungsdruck, vielmehr gehe es allen um den eigenen inneren Antrieb.

Liebevoller und
vertrauter Umgang

Als Roman Linke, der Leiter der Ballettschule, in diesem Moment um die Ecke kommt, legt er Ingrid Jaeschke die Hand auf die Schulter: „Jeder, wie er kann.“

Der Umgang ist liebevoll und vertraut. Es ist eindeutig, dass die beiden Damen ein fester und geschätzter Teil der Ballettschule sind. Mittlerweile füllen sich die Räume langsam und die Ballettschläppchen werden angezogen: In zehn Minuten beginnt der Unterricht.

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