Den Schülern vor allem das Staunen beigebracht

von Redaktion

55 Jahre lang war Franziska Mühlthaler Grundschullehrerin im Chiemgau – zu einer Zeit, als es noch Schiefertafeln statt Tablets gab. Heute ist sie 99, das Berufsleben liegt lange hinter ihr. Aber hin und wieder holt es sie doch ein.

Wildenwart – Zeitreisen sind ein Leichtes für Franziska Mühlthaler. Nicht nur, weil im Regal in ihrem Arbeitszimmer dutzende Alben stehen, in denen sie alle Fotos aus ihrem langen Leben beschriftet hat. Wenn sie darin blättert, werden die Bilder in ihrem Kopf sofort lebendig. Dann hört sie wieder das Lachen der Kinder, die sie für ein paar Jahre auf ihrem Weg begleiten durfte. Aber noch leichter macht es ihr manchmal der Zufall, in die Vergangenheit zurückzukehren. Erst neulich sprach sie auf der Straße eine ältere Dame an – sie war in den 50er-Jahren Mühlthalers Schülerin gewesen. „Sie haben mir beigebracht, was die Herbstzeitlose ist“, sagte sie. Als Franziska Mühlthaler den Namen der Frau hörte, konnte sie sich sofort erinnern. So viele Jahrzehnte, so viele Mädchen und Buben – und keines ihrer Kinder ist ihrem Gedächtnis abhanden gekommen.

Schmunzelnder Blick
auf die Vergangenheit

Aber bevor Franziska Mühlthaler mit ganzem Herzen Lehrerin werden konnte, war sie selbst Schülerin. Sie hält ein altes Klassenfoto in der Hand. 1934 in Wildenwart im Chiemgau. Schmunzelnd betrachtet sie das Mädchen mit den wilden blonden Locken, das die Schule so geliebt hat und nicht ahnte, welche Rolle sie in ihrem Leben noch spielen sollte. Über 40 Kinder waren sie in der Klasse. Mit ihren 99 Jahren ist Franziska Mühlthaler wohl die Letzte, die noch lebt. „Ein paar der Buben sind später nicht mehr aus dem Krieg heimgekehrt“, sagt sie nachdenklich. Sie war 18, als Deutschland kapitulierte. Als fünftes von 13 Geschwistern musste sie sich um die Kleineren kümmern. Sie hatte gerade die mittlere Reife, Arbeitsstellen gab es kaum, es war ja alles zerstört. Doch das änderte sich schnell. „1946 wurden dringend Lehrer gesucht“, erzählt sie. So dringend, dass die Ausbildung auf zweieinhalb Jahre verkürzt wurde. Für Franziska Mühlthaler wurde ein Traum wahr. Mit Anfang 20 stand sie in der Grundschule in Prien das erste Mal vor einer Klasse. Aber nur acht Tage lang. Dann meldete sich der Schulrat. In ihrer Heimatgemeinde Wildenwart sei ein Lehrer erkrankt, sie müsse die Vertretung übernehmen. Plötzlich war sie Lehrerin von einigen ihrer jüngeren Geschwister. Auch die anderen Kinder kannte sie alle. Franziska Mühlthaler lächelt, wenn sie sich heute erinnert, wie sie sich der Klasse vorgestellt hat: „Ihr könnt du zu mir sagen, wir kennen uns ja. Und ich glaube, wir werden uns gut vertragen.“ Rückblickend eine gewaltige Untertreibung.

Es folgten 55 Jahre, in denen Franziska Mühlthaler in ihrem Beruf voll aufging. Das war zu einer Zeit, in der die Schüler Schiefertafeln statt Tablets in ihren Ranzen hatten. „Es gab so wenig Ablenkung damals“, sagt sie. Und doch so vieles in der Heimat zu entdecken. Das Fräulein Lehrerin und ihre Kinder zogen viel durch die Natur. Im Frühjahr beobachteten sie, wie die Pflanzen erwachten, im Herbst studierten sie die Ernte. Sie besuchten Leonhardiritte und Fronleichnamsprozessionen und machten sich auf Spurensuche der Irschenberg-Heiligen. Wenn Franziska Mühlthaler erst mal in ihrem Element war, wurde hemmungslos drauflos gestaunt. Und zwischendrin viel gesungen. Neulich entdeckte Mühlthaler im Briefkasten ihrer Rosenheimer Wohnung eine Postkarte. „Froh zu sein, bedarf es wenig“, stand darauf. Und hinten ein Gruß einer ehemaligen Schülerin. „Erinnern Sie sich noch, das Lied haben Sie uns beigebracht.“ Jetzt singt es die Frau mit ihren Enkeln. Immer noch wird Franziska Mühlthaler zu Klassentreffen ihrer ehemaligen Schüler eingeladen. Das lässt sie sich natürlich nicht entgehen. Dann dauert es meistens nicht lange, bis eine der älteren Damen sagt: „Was singen wir?“ Franziska Mühlthaler hat Spuren im Leben ihrer Schüler hinterlassen. Mehr als im Lehrplan stand. Aber sie hat auch viel zurückbekommen. Die glücklichsten Jahrzehnte ihres Lebens. Ihr Beruf war es ihr wert, immer „Fräulein“ zu bleiben. Es war damals nicht gern gesehen, wenn Lehrerinnen heirateten – weil sie ausfielen, wenn sie Mutter wurden. Franziska Mühlthaler hat sich für ihre Kinder entschieden und es nie bereut. Eine riesengroße Familie mit etlichen Nichten und Neffen hat sie ja schließlich.

Wenn sie heute Grundschulklassen beobachtet, wird sie nachdenklich. Der Druck für die Kinder ist heute so viel größer, glaubt sie.

„Leider fehlt es
oft an Disziplin“

Und leider fehle es oft an Disziplin. „Ich glaube nicht, dass ich in der heutigen Welt gerne Lehrerin wäre.“ Umso dankbarer ist sie für die Vergangenheit, die immer wieder in ihre Gegenwart schwappt. Zu jedem Geburtstag und Namenstag kommen Glückwünsche ehemaliger Schüler. Neulich sogar ein langer Brief. Als Franziska Mühlthaler den Namen las, sah sie sofort eine Schülerin aus den 50ern vor sich und lächelte, als sie zu lesen begann. „Sie schreibt noch genau wie früher!“

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