Das Energie-Bündel vom Chiemsee

von Redaktion

Franz Kirchmaier hat in Schützing am Chiemsee ein Fünf-Sterne-Urlaubsparadies geschaffen. Mit seinem hofeigenen „Kuh-Kraftwerk“ versorgt der Landwirt einen ganzen Ortsteil mit Strom und Wärme. Für sein innovatives Konzept ist er nun als Deutschlands Landwirt des Jahres nominiert.

Chieming – Es ist kein Tesla, der sich da auf einem der reservierten Stromladeplätze aufplustert. Sondern ein stolzer, lebendiger Gockel. Er holt sich die neue Energie offenbar direkt von den warmen Sonnenstrahlen, die hier in Schützing direkt im Chiemsee vom blauen Himmel scheinen. Dicht hinter dem Parkplatz-Schild für die Stromer beobachtet ein weißes Alpaka neugierig die ungewöhnliche Szene. Eine Szene, die diesen ungewöhnlichen Ort zwischen Fünf-Sterne-Urlaubsglück und Energie-Wunder perfekt beschreibt.

Wird Kirchmaier
Landwirt des Jahres?

„Ich bin ein Landwirt mit Kraftwerk – das wäre vielleicht eine gute Überschrift“, sagt Franz Kirchmaier lächelnd. Aber diese Headline wäre gewaltig untertrieben. Der Mann, der beim Arbeiten ein einfaches Karo-Hemd trägt, hat hier in einem Ortsteil von Chieming wahre (Energie)Wunder bewirkt. Aus dem 225-Hektar-Bauernhof seiner Eltern mit einst 50 Kühen plus Bootsanlegestelle und Zimmervermietung hat er eine Fünf-Sterne-Urlaubs-Location entwickelt. Seine inzwischen 190 Kühe geben täglich bis zu 4.500 Liter Milch und aus ihren Gülle-Hinterlassenschaften entsteht im hauseigenen Kraftwerk Strom. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs, was inzwischen weit über die Region hinaus anerkannt ist.

„Die 75-kW-Biogasanlage nutzt Gülle aus der Milchviehhaltung, der Holzvergaser arbeitet mit Holz aus dem eigenen Forst und eine große Photovoltaikanlage erzeugt Strom aus Sonnenenergie. Zugleich bleibt die Landwirtschaft mit 190 Milchkühen, Hofladen, Hofcafé und Urlaubsgästen ein sichtbarer Teil des Betriebskonzepts. Kirchmaier zeigt damit, wie traditionelle Landwirtschaft, regionale Wertschöpfung und moderne Energieproduktion zusammenpassen können. Auf seinem Betrieb verbindet der 40-Jährige Landwirtschaft und erneuerbare Energien zu einem konsequenten Kreislauf“, heißt es in einer Laudatio.

Geschrieben haben sie die Experten von agrarheute, dem führenden Fachmedium der deutschen Landwirtschaft aus dem dlv Deutscher Landwirtschaftsverlag. Sie haben Kirchmaier zu einem der deutschlandweit 21 Bauern ernannt, die im Finale um den CERES Award samt des mit 20.000 Euro dotierten Titels Deutschlands Landwirt des Jahres 2026 kämpfen. Der Innovator vom Chiemsee gehört zu den Top 3 in der Sparte Energie. Insgesamt gibt es sieben Kategorien in dem Wettbewerb.

„Wir haben uns schon gscheit gefreut, als wir das erfahren haben. Zumal wir ja auch zur Preisverleihung am 21. Oktober nach Berlin fahren dürfen“, erzählt Veronika Kirchmaier. Sie ist die Ehefrau des Mannes, der mit jeder Menge spektakulärer Ideen ein nicht nur für die Region beispielhaftes Bauernhof-Imperium geschaffen hat. Woher Franz Kirchmaier den Mut für die Millionen-Investitionen genommen hat? „Meine Eltern haben mir schon als Kind immer viele Freiheiten gelassen. Und sie standen immer hinter mir, als ich den Betrieb übernommen und einiges verändert habe.“

Eine Zimmervermietung gab es hier auf diesem zauberhaft ruhigen, abseits großer Straßen in der Natur gelegenen Bauernhof schon seit 1932. Aber früher befand sich am schönsten Fleck des Hofs auf dem Weg zum Chiemsee noch der Stall samt Misthaufen – und der Standard der Zimmer war recht einfach. Jetzt genießen die Urlauber im Urlaubshof Kirchmaier in den 13 Ferienwohnungen (zwischen 200 und 420 Euro) und sechs Doppelzimmern mit Frühstück (ab 120 Euro) nicht nur einen freien Blick auf das Bayerische Meer. Sie können sich auch über einen wahren Luxus-Wellness-Bereich mit Sauna und Outdoor-Pool freuen. „Der hat 365 Tage im Jahr 30 Grad warmes Wasser“, berichtet Franz Kirchmaier stolz.

Der Clou daran: Die Wärme für Schwimmbecken und alle Gebäude erzeugt der Landwirt – aus Abwärme seines hofeigenen Kraftwerks – genau wie die komplette Energie selbst. „Mit dem Strom nur aus Biogas kann man etwa 750 private Haushalte ein Jahr lang versorgen“, berichtet der Hausherr. Er versorgt also nicht nur den gesamten Ortsteil Schützing, sondern auch noch das Umland in Chieming mit. „Energie ist ein kleines Hobby von mir“, sagt Kirchmaier bei der Hofführung ganz bescheiden: „Dafür nutze ich bestimmt jeden Tag die Hälfte meiner Arbeitszeit.“

Acht-Stunden-Tage gibt es bei ihm natürlich nicht, aber das stört ihn nicht, weil „der Hof meine große Leidenschaft ist“. Die Eheleute haben sich auf eine praktische Arbeitsteilung geeinigt: Franz kümmert sich um Energie und Hof, Veronika um die Urlauber. Jeden Tag gibt es auf dem Hof spannende Angebote wie Traktor-Rundfahrten oder Alpaka-Wanderungen für die Gäste.

Für das leibliche Wohl inklusive Frühstück wird im Hofcafé gesorgt, das Kirchmaiers Bruder betreibt. Insgesamt arbeiten inzwischen 20 Teil- und Vollzeitkräfte bei den Kirchmaiers. Dazu gehört auch eine Expertin für die über 18.000 Follower im Social-Media-Kanal des Hofs.

Die außergewöhnliche Entwicklung des Hofs hat in der Szene schon vor der Nominierung für das Finale des CERES-Awards für Aufsehen gesorgt. „Wir haben inzwischen bestimmt 1.500 Menschen über den Hof geführt – ob nun Landwirte oder Energieexperten“, erzählt Franz Kirchmaier. Als Vorbild sieht er sich ganz bescheiden trotzdem nicht. Stattdessen denkt der ausgebildete Agrar-Betriebswirt und Landwirtschaftsmeister schon an die nächsten Veränderungen. Er möchte den landwirtschaftlichen Fuhrpark in seinem Hof am liebsten komplett elektrifizieren, weil Diesel teuer und Strom in rauen Mengen vorhanden ist.

Zudem könnten irgendwann eine eigene Molkerei und Fleischerei ein Thema werden, erzählen die Kirchmaiers. Aber das ist noch Zukunftsmusik. „Das Wichtigste ist, dass man immer am Ball bleiben, modernisieren und investieren muss“, erzählt Franz Kirchmaier, als er nach seinen Erfolgsgeheimnissen gefragt wird. Alle Investitionen haben die Eheleute miteinander besprochen und vorher geprüft, ob sie sich auch wirklich rechnen: „Zudem muss man Mut und Konsequenz haben. Und man braucht die Unterstützung von Frau und Familie.“

Hahn, Alpaka
und Ladestation

Franz und Victoria wollen diese Einstellung auch an ihre beiden Kinder Sophie (6) und Franz (8) weitergeben: „Es gibt doch nichts Schöneres auf der Welt, als auf einem Hof aufzuwachsen.“ Hahn und Alpaka auf dem Strom-Parkplatz inklusive …

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