Hanna lebt die Passion ihres verstorbenen Vaters weiter

von Redaktion

Der Unfalltod von Trecker-Treck-Legende Hans Wichtlhuber hat im April die Szene erschüttert. In der heimischen Werkstatt will seine Tochter Hanna nun den Unfalltraktor wieder zum Laufen bringen und das Erbe ihres Vaters antreten. Ein Vorhaben, das mit vielen Erinnerungen verbunden ist.

Palling/Chiemgau – Das Rolltor öffnet sich und der Blick bleibt direkt am ersten Bulldog auf der rechten Seite kleben: Es ist der Unfalltraktor von Hans Wichtlhuber, der im April bei einer Testfahrt verunglückte. Die Garage, keine drei Kilometer von Wichtlhubers Zuhause in Palling entfernt, steht voller Bulldogs. Bis auf einen sind es orangefarbene Fiats, das Markenzeichen der verstorbenen Trecker-Treck-Legende in der Region. „Wir haben nicht viel verändert. Er hat ein Bild bekommen, wir haben etwas Platz geschaffen, mehr nicht“, sagt Hanna Wichtlhuber bei einem Treffen in der zur Werkstatt umfunktionierten Garage.

Schon als kleines
Mädchen mitgearbeitet

Von Anfang an sei sie hier mit ihrem Vater dabei gewesen und habe mit ihm an den Traktoren geschraubt. „Am Anfang waren kleine Hände praktisch und ich habe Schrauben aufgemacht oder stand daneben und habe meinen Vater genervt und dumme Fragen gestellt“, sagt sie lachend. Das war zu Grundschulzeiten, Hanna Wichtlhuber ist inzwischen eine junge Frau Anfang 20. „Ich habe immer mehr gemacht. Mein Vater hat mir viel gezeigt und gesagt, was ich machen kann. So wurde ich auch eigenständiger. Die letzten Jahre waren wir sehr, sehr eng und sehr viel hier.“

Ein Hobby, das viel Zeit einnimmt. Dazu hat Hanna Wichtlhuber eine Anekdote: „Der große Traktor hatte einen größeren Motor bekommen. Wir haben im Winter angefangen, den alten Motor zu zerlegen.“ Zu der Zeit absolvierte sie ihre Ausbildung, kam von dort quasi täglich direkt in die Werkstatt. „Wir haben zwei Monate gebraucht, um den alten und neuen Motor nebeneinander zu haben. Dann kamen Probleme auf und mein Vater meinte: ‚Nee, wir müssen jetzt den alten wieder einbauen.‘ Daraufhin habe ich ihn nur angeschaut und gesagt: ‚Dann bau ihn alleine wieder ein. Ich stehe doch nicht zwei Monate lang hier in der Werkstatt, um am Ende das gleiche Ergebnis zu haben.‘“

Hans Wichtlhuber habe daraufhin weiter über das Problem nachgedacht: „Er konnte damals drei, vier Nächte nicht schlafen, weil er eine Lösung dafür finden musste.“ Er hatte eine Idee und es habe „noch mal zwei, drei Monate gedauert, bis der neue Motor eingebaut war und der Große wieder lief“, erinnert sich Hanna Wichtlhuber an die fünf Monate. „Also sehr zeitintensiv, aber sehr, sehr lustig“. Bei den Tätigkeiten in der Werkstatt gebe es einige Momente, bei denen Hanna ihren Vater vermisse: „Sei es, wenn ich eine Schraube nicht aufbekomme, weil er sie so verdammt fest angezogen hat“. Sie mache manche Dinge anders als ihr Vater. „Wenn mir Leute zuschauen, merke ich, wie sie den Kopf schieflegen, nach dem Motto: ‚Aber der Hans hätt’s anders gemacht.‘ Und ich so: ‚Ja, aber ich kann’s nur so – also ist es jetzt so.‘“ Ihr Vater hätte den Unfalltraktor zum Beispiel in einer anderen Reihenfolge zerlegt. Den orangenfarbenen Bulldog richtet Hanna aktuell wieder her. Ihr Ziel: Damit beim Pulling in Otting Ende Juli teilzunehmen. „Als der Bulldog nach dem Unfall auf diesen Abschleppwagen verladen wurde, habe ich erst verstanden: Okay, das war’s jetzt“, erinnert sie sich. Das Zurückkriegen des Traktors sei nicht so schlimm gewesen. „Beim Zerlegen stolpere ich manchmal über Sachen, die ich alleine nicht hinbekomme oder wo ich mir wahnsinnig schwer tue. Das ist dann der Moment: Jetzt hätte ich den Papa gefragt. Und das ist hart. Das Härteste wird, wenn er das erste Mal wieder läuft“, sagt Hanna. Ihre jüngere Schwester Vroni, die beim Besuch in der Werkstatt dabei ist, ergänzt: „Ich glaube, das Härteste wird das nächste Traktorpulling, weil er da einfach sehr fehlt.“ Und Hanna nickt zustimmend. Vroni interessierte sich weniger für die Traktoren, dafür fürs Motorcross, Hans Wichtlhubers andere große Leidenschaft. „Motorradfahren interessiert mich mehr als Bulldogs. Wenn es laut Brum-Brum macht und gut aussieht, dann interessiere ich mich dafür“, sagt sie, ihrer Schwester steht sie aber tatkräftig zur Seite. „Vroni ist mehr der kreative Mensch, erstellt Sticker und T-Shirts für uns und bemalt aktuell das Garagentor“, ergänzt Hanna. „Technisch bin ich weniger gewandt, ich designe gern. Und ich konnte auch teilweise mit der Art meines Vaters nicht so gut umgehen, weil er doch sehr impulsiv war. In der Werkstatt auch ein wenig cholerisch“, so Vroni Wichtlhuber. Schwester Hanna fügt hinzu: „Wenn etwas nach dem zweiten oder dritten Versuch nicht so funktioniert hat, wie er wollte, dann ist schon mal der Schraubenschlüssel durch die Gegend geflogen und man hat sich geduckt, in der Hoffnung, dass der Gegenstand an einem vorbeifliegt.“ Viele Trecker-Trecks haben die Wichtlhubers abgesagt, in Otting, dem Quasi-Heimspiel, wollen sie aber mitmachen. Geplant war, dass Vroni erstmals teilnimmt. Vater Hans wollte ihr mit dem Führerschein auch das Traktorfahren und Bremswagenziehen beibringen. „Jetzt muss ich’s mir selbst beibringen.“ Wobei Hanna anmerkt: „Eigentlich kann sie es, nur die ganzen Erfahrungswerte von Papa fehlen“. Hans Wichtlhuber wird auch fehlen, wenn es darum geht, die orangefarbenen Fiats nach Otting zu bringen. „Jetzt benötigen wir fünf oder sechs Leute, was früher er allein gemacht hat, allein durch die ganzen Führerscheine für Lkws“, so Hanna, die über sich sagt, dass sie sehr viel vom Ehrgeiz ihres Vaters hat, „leider“. „Ich bin allgemein sehr nervös und vor den Pullings auch angespannt und weiß manchmal nicht, wohin damit“, erzählt sie. Vater Hans war scharf auf große Pokale, auch Tochter Hanna liebäugelt damit: „Viele unserer Traktoren haben eine Leistung, da kommen andere nicht hin. Und ich weiß, dass mein Vater damit gewonnen hat, also würde es an mir liegen, wenn ich nicht weit oben lande.“

Bisher habe sie es so erlebt, dass sie in der Szene nicht so wahrgenommen wurde. Die Leute haben sich sehr für Vater Hans interessiert. Hanna hat ihrem Vater bei den Pullings viel den Rücken freigehalten und Organisatorisches erledigt. „Die Leute sind immer zu ihm – und er hat es geliebt. Bevor er dran war, musste ich ihn oft suchen, weil er in Gespräche vertieft war.“ Vroni ergänzt: „Hanna wird in der Szene auch weniger wahrgenommen, weil sie eine Frau ist.“ Und Hanna erzählt von einigen Erfahrungen: „In Fachgesprächen kommt oft: ‚Du kennst dich nicht aus, du bist eine Frau‘. Dabei hat es nichts damit zu tun, ob ich eine Frau oder ein Mann bin.“

Sie lösche und blockiere die Nachrichten und Accounts, wobei manche selbst das nicht als klares Nein verstehen würden. Aktuell seien die Männer zwar rücksichtsvoll, aber im Winter kam es vor, dass bis zu vier übergriffige Nachrichten pro Woche kamen.

Durch den Unfall habe sich bei den Wichtlhuber-Schwestern an sich nichts an der Herangehensweise im Umgang mit den Traktoren geändert. „Mir war schon immer klar, dass etwas Dummes passieren kann. Wir hatten schon die ein oder andere Situation, die hätte richtig schiefgehen können“, berichtet Hanna. Ihr Vater habe ihr stets vermittelt: „Du musst Respekt vor den Dingern haben und du musst wissen, wie du damit umgehst. Man muss lernen, wie man sie fährt, und sich an alles herantasten.“ Durch die vielen Stunden in der Werkstatt hat sie großes Vertrauen in das, was ihr Vater fabriziert hat. „Ich weiß, dass er keinen Scheiß gebaut hat. Ich habe relativ viel Vertrauen in das, was er gemacht hat.“

Wahnsinnig große
Fußstapfen hinterlassen

Dadurch, dass Hans Wichtlhuber an seinen Bulldogs so viel herum schraubte, sei er immer noch ein riesengroßer Teil des Teams Wichtlhuber. „Er hat wahnsinnig große Fußstapfen hinterlassen“, merkt Hanna an. Sie denkt schon darüber nach, ob sie die großen Erwartungen erfüllen kann. „Gerade beim Zieleinlauf, wenn der aufgestanden ist und die Hände in die Höhe gerissen hat, da gibt‘s coole Videos. Er hat eine Show daraus gemacht und er hatte Spaß daran. Das so hinzubekommen, wäre schon cool. Aber keine Ahnung, ich will herausfinden, ob ich das kann und will.“

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