Grassau – „Das sind Scheinwerfergehäuse der ersten VW-Käfer“, sagt Franz Schaffner und zeigt auf einen Haufen runder Blechhülsen auf dem Arbeitstisch seiner Werkzeughütte. Wofür sie allerdings im Jahr 1950 zweckentfremdet wurden, mutet abenteuerlich an: Sein 1981 verstorbener Großvater gleichen Namens war Schreiner in Höslwang im Landkreis Rosenheim. Er sammelte die Blechteile mit Freunden auf Schrottplätzen und in den Lagern von Autowerkstätten, um daraus die Lampenfassungen für das Chiemgaukreuz auf der Kampenwand herzustellen. Seit 1951 tun sie ihren Dienst. Jetzt hat sein Enkel Franz Schaffner mit dem Wartungsteam und Helfern aus Höslwang sie abmontiert, daheim in Grassau entrostet, neu gestrichen und mit zusätzlichen Teilen versehen.
Silhouette
weithin sichtbar
Im Juli wird der Freundeskreis Kampenwandkreuz sie wieder auf den Berg tragen und an ihrem angestammten Platz am größten Gipfelkreuz der Bayerischen Alpen installieren. Zum 75. Jubiläum der Kreuzweihe werden sie dann am Sonntag, 30. August, das zwölf Meter hohe und 54 Zentner schwere Monument erleuchten, und man wird die Silhouette weit hinaus in den Chiemgau sehen.
Die OVB-Heimatzeitungen besuchten Franz Schaffner, der sich seit vielen Jahren um den Erhalt des Kreuzes kümmert. Schon vor einigen Jahrzehnten ist er in die Fußstapfen seines Vaters und seines Großvaters getreten, denen das monumentale Gipfelkreuz in 1.664 Meter Höhe auf der Kampenwand ein Herzensanliegen war. Opa Schaffner hatte nach seiner Heimkehr aus Kriegsgefangenschaft in Jugoslawien die Idee, ein neues Gipfelkreuz zu errichten, weil das alte durch einen Blitzeinschlag zerstört worden war. Zusammen mit seinem Spezi, dem Schmied-Sepp, verwirklichte er das Vorhaben. Später kümmerten sich Hermann Hell und Schaffners Sohn, der im Jahr 2014 verstorben ist, um das Kreuz.
Schon zu dessen Lebzeiten machte sich der jetzige Franz Schaffner (67) den Erhalt des Denkmals zu seiner Herzensangelegenheit. Er scharte eine Gruppe Gleichgesinnter um sich, die sich seit Jahrzehnten um Erhalt, Pflege und Instandsetzung des Kreuzes kümmern.
Dutzende Male steigen sie jedes Jahr den Berg hinauf, um nach dem Rechten zu sehen und die nötigen Arbeiten zu verrichten. Heuer stand eine größere Aktion an: Im Mai montierten sie die 13 Lampen ab, die zu kirchlichen Festen und anderen besonderen Anlässen das Kreuz erleuchten. Als man sie 1950 in Betrieb genommen hatte, wurde der Strom für die Glühbirnen noch mit einem Generator erzeugt.
Im Jahr 2003 installierte die Firma Hinterholzer mit Manfred Haider von der Firma EMV Solarzellen in der Nähe des Kreuzes, und das Wartungsteam schleppte etliche Batteriespeicher den Berg hinauf. Die Anlage funktionierte fast 20 Jahre klaglos. 2022 musste man die Batteriespeicher allerdings ersetzen. Und nun werden die Scheinwerfer restauriert.
Die Metallhülsen waren 75 Jahre Wind und Wetter ausgesetzt. Das hat Spuren hinterlassen. Die Farbe war großteils ab und der Rost hatte sich ins Metall gefressen. Franz Schaffner hat die Hülsen entrostet und mit einer Spezialfarbe so behandelt, dass sie wieder ein paar Jahrzehnte auf dem Berg überstehen werden. Eines war allerdings nicht mehr zu retten: die Fassungsringe an den Hülsen. Einen Teil hatten Stürme abgerissen und verweht, andere sind durchgerostet. An Stellen, an denen der Lack abgeblättert ist, kommt blitzender Chrom zum Vorschein. Das liegt daran, dass die Scheinwerfer und die Fassungsringe ursprünglich eine ganz andere Funktion hatten: Es waren die Scheinwerferhülsen der ersten VW-Käfer. „Mein Vater hat mir erzählt, für was die Hülsen vorher verwendet wurden“, sagt Schaffner.
Der Käfer war bis 2003 mit rund 21,5 Millionen produzierten Fahrzeugen das meistgebaute Auto der Welt. Weil die Produktion nach dem Zweiten Weltkrieg bereits 1945 wieder begann, gab es Ende der 1940er-Jahre, als Josef Hell und Franz Schaffner senior in Höslwang mit dem Bau des Chiemgaukreuzes begannen, bereits eine ganze Menge Schrottautos dieses Typs. Im März 1950 lief bereits der 100.000. Käfer in Wolfsburg vom Band. Und obwohl der Konzern für den Käfer mit dem Slogan warb „er läuft, und läuft, und läuft…“, gab es schon damals genügend alte und schrottreife Käfer, wie Franz Schaffner II. seinem Sohn einmal erzählte.
Ein schickes Zubehör, auf das die Autokäufer in der damaligen Zeit großen Wert legten, waren Bauteile aus Chrom. Von den Stoßstangen und Radkappen über den Außenspiegel bis zu den Türgriffen war das chromblitzende Zubehör eine Zier für das Auto und ein Statussymbol für seinen Besitzer. Die Frontscheinwerfer waren ebenfalls von chromblitzenden Zierringen umkränzt. Und genau diese Ringe werden jetzt nach 75 Jahren von den Lampen des Kampenwandkreuzes verschwinden.
Neue Fassung
aus Edelstahl
Franz Schaffner und seine Freunde haben dafür von einem Spengler in Eggstätt 13 neue Metallringe aus Edelstahl anfertigen lassen. Im Juli wollen die Freiwilligen die Lampenhülsen auf den Berg tragen, die Leuchtkörper einfügen und die Lampen wieder am Kreuz anbringen. Am Sonntag, 30. August ist dann das große Jubiläum zum 75-jährigen Bestehen des Kreuzes. Ausrichter dieses Gedenkens an die Gefallenen des Chiemgaues sind wie immer bei großen Jubiläen gemeinsam die Krieger- und Soldatenkameradschaften von Höslwang und Aschau. Den Festgottesdienst werde voraussichtlich Erzbischof Kardinal Reinhard Marx zelebrieren. Franz Schaffner und seine Helfertruppe werden sicher auch mit von der Partie sein – und ein bisschen stolz darauf, dass sie es in all den Jahrzehnten geschafft haben, das Kreuz so gut in Schuss zu halten.