Rosenheim – Eigentlich sollte das Malteser-Zelt zur Versorgung von Patienten im Falle eines Einsatzes in 15 Minuten stehen und eingerichtet sein. An diesem Abend, beim Training der Malteser-Neuzugänge in Rosenheim, dauert es aber etwas länger. Noch greifen nicht alle Rädchen so problemlos ineinander, wie es sich der Leiter der Grundausbildung, Andreas Lukas, vorstellt. Überrascht ist er aber nicht, denn: „Manche hier stellen zum ersten Mal ein Zelt auf“, erzählt er.
Der 50-Jährige hat ein Konzept ins Leben gerufen, das es bei keiner anderen Ortsgruppe der Malteser in Deutschland gibt. Seit 2020 führen die Rosenheimer am Standort neben dem Mangfallpark eine Grundausbildung für alle Malteser-Neuzugänge durch. „In einem halben Jahr bilden wir unsere Leute so aus, dass jeder das Grundwissen aller unserer Einheiten besitzt“, erklärt Lukas. Dazu gehört etwa ein Einblick in die Informations- und Kommunikationsgruppe oder die Dokumentation. Wer zu den Maltesern will, bekommt also erst einmal eine sechsmonatige Grundausbildung, die abends und teils auch am Wochenende stattfindet.
Im Video gibt es einen exklusiven Einblick in die Übung der Malteser-Neuzugänge. Außerdem erzählen einige von ihnen, warum sie zu den Maltesern gegangen sind und warum beim Ehrenamt für jeden etwas dabei ist.
Einsatzzelt für den
Katastrophenfall
An diesem Abend steht der Bereich Behandlung und Transport auf dem Plan. Deshalb versuchen die Neuzugänge nun auch, das aufblasbare Einsatzzelt aufzustellen. Dieses brauchen die Malteser für Großereignisse oder auch für den Katastrophenfall. Dort dient es als Behandlungsplatz, an dem bis zu 25 verletzte Patienten aufgenommen werden können. „Hier wird der Patient so weit versorgt, dass die Transporteinheit ihn übernehmen und in das zugewiesene Krankenhaus verlegen kann“, sagt Lukas.
Insgesamt lassen sich in Rosenheim gerade 14 Freiwillige zum Malteser „ausbilden“. Eine von ihnen ist Heidi Steinlechner. Die 64-Jährige lebt in Griesstätt und möchte gerne im Bereich Verpflegung tatkräftig mithelfen. „Da gebe ich zum Beispiel Kaffee und Butterbrezeln aus und kann mich mit den Leuten unterhalten“, sagt sie. Inzwischen ist sie in der Freistellungsphase der Altersteilzeit, davor war sie als Bezirksrevisorin beim Landgericht München II tätig. „Das war ein Aktenjob“, betont Steinlechner. Das Ehrenamt bei den Maltesern stehe im krassen Gegensatz dazu und mache ihr viel Spaß.
„Es ist wie eine
große Familie“
Für Jessica Meyler ist es sogar das zweite Ehrenamt. Die 22-Jährige ist schon seit acht Jahren bei der Feuerwehr Großkarolinenfeld tätig. Dennoch entschloss sie sich, zusätzlich die Ausbildung bei den Maltesern zu machen. „Die Menschen, mit denen man im Ehrenamt zusammenkommt, sind unglaublich nett“, betont Meyler.
Die Kameradschaft sei hervorragend. Und deswegen mache es ihr auch nichts aus, dass sie kein Geld für die Tätigkeit bekommt. „Es ist wie eine große Familie.“ Meyler würde gerne bei der Motorradstaffel der Malteser mitmischen. Bevor es dazu kommt, muss sie allerdings die Grundausbildung abschließen – mit einem kleinen Abschlusstest. „Der zählt aber nichts“, sagt Andreas Lukas. Das sei eher eine Lernerfolgskontrolle.
Wie es wirklich für die Neuzugänge weitergeht, entscheidet sich danach. Alle müssen eine Art Bewerbungsformular ausfüllen. Darin können sie angeben, in welcher Gruppe der Malteser sie am liebsten tätig werden wollen. Das müssen sie ausreichend begründen. „Die Gruppenführer setzen sich dann zusammen und diskutieren, wie das Ganze am besten passt“, erklärt Lukas. Der Ausbildungsleiter ist hauptberuflich in der Industrie tätig, fühlt sich dem Ehrenamt aber schon immer verbunden. „Bei den Maltesern bin ich seit 17 Jahren, 25 Jahre war ich bei der Wasserwacht und 36 Jahre beim Technischen Hilfswerk“, erzählt er. Beim THW war er unter anderem Ausbildungsbeauftragter. Mit diesem Vorwissen kam er zu den Maltesern, und im Jahr 2020 wollte das Team etwas Neues ausprobieren. Bis dahin gab es in der Ortsgruppe keine richtige Ausbildung für Neuzugänge. „Man wäre als neuer Kollege einfach zum ganz normalen Bereitschaftsabend gekommen“, sagt Lukas.
Das damals entwickelte Ausbildungsmodell hat sich bewährt. Heuer findet es zum sechsten Mal in Folge statt. „Es ist immer schön zu sehen, wie sich das Team festigt und tolle Leute daraus hervorkommen“, betont der Ehrenamtliche. Denn auch während der Ausbildung müssen die Neuen mal ausrücken und lernen dabei dazu. „Am Schluss gehen sie ganz gechillt in den Einsatz“, so Lukas.
Nicht immer kann jeder Ehrenamtliche allerdings jede Aufgabe ausführen. So wie Marco Rathmann. „Ich kann körperlich nicht alles machen“, erklärt der 58-jährige Rosenheimer. Das werde bei der Aufgabenverteilung berücksichtigt. Rathmann ist in dem Unternehmen, in dem er hauptberuflich tätig ist, bereits Ersthelfer – „ausgebildet von den Maltesern“. Auch sein Sohn ist ehrenamtlich bei der Hilfsorganisation tätig.
„Der geht morgens in die Arbeit und dann direkt hierher. Die einzige Chance, ihn zu sehen, ist, hier mitzumachen“, sagt Rathmann und lacht. Sein Sohn John ist 32 Jahre alt und unterstützt Andreas Lukas bei der Ausbildung der Neulinge. Ihn motiviert besonders die Nähe an den Menschen zum Ehrenamt, wie er erzählt. Durch das Wissen könne er auch viel für die eigene Familie mitnehmen. „Ich weiß, dass sie immer abgesichert ist, weil ich auch helfen kann“, betont John Rathmann.
Insgesamt
800 Stunden
Insgesamt 800 Stunden leistete er vergangenes Jahr bei den Rosenheimer Maltesern. An einen Moment erinnert er sich noch heute mit einem Schmunzeln zurück. „Bei einem Eishockeyspiel hat sich ein Schiedsrichter leicht an der Hand geschnitten. Da habe ich ihm einfach ein Kinderpflaster draufgeklebt“, erzählt Rathmann. Das habe der Schiedsrichter erst einmal seinen Kollegen gezeigt. „Da sieht man: Auch Erwachsene sind irgendwo noch Kinder geblieben.“
Klar ist für den 31-Jährigen, dass mehr Menschen ehrenamtlich tätig werden sollten. „Je mehr Leute das machen, umso mehr können wir alle anderen Menschen unterstützen“, betont er. Und umso weniger Arbeit müsse auch das Hauptamt im Katastrophenfall leisten.