Mutiges Jonglieren durch den digitalen Wald

von Redaktion

Rosenheim – Immer wieder kommt es zu sogenannten Schockanrufen bei alleinstehenden älteren Damen. Auf dem Display des Telefons wird eine Nummer angezeigt, und die Angerufene nimmt vertrauensvoll ab. Es meldet sich ein angeblicher Polizist, während im Hintergrund eine bekannte Stimme verzweifelt ruft: „Mama, bitte hilf mir.“ Es sollte Geld überwiesen oder übergeben werden, da eine nahe Verwandte, vielleicht die Tochter, in einer Notsituation sei und einen Unfall verursacht habe. Dahinter steckten organisierte Banden, die schon mehr über das Opfer wussten, als ihm lieb war. Sie wussten, dass die ältere Dame alleine lebte, und eine Tochter oder einen Sohn hatte, und es gelang ihnen sogar, die Stimme im Hintergrund so täuschend echt nachzumachen, dass der Vorfall glaubwürdig erschien. Immer wieder kam es in der Folge tatsächlich zu Geldübergaben oder -überweisungen, oft in beträchtlicher Höhe.

„Auflegen und
110 anrufen“

„Auflegen und 110 anrufen“, rät Kriminalhauptmeister Dominik Röber, der beim „Digitaltag“ im Mehrgenerationenhaus des Kreisverbandes der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Rede und Antwort zum Thema digitale Sicherheit stand. Hier können sich Ältere und Menschen mit Handicap für das Thema „Digitales Leben“ fit machen und Rat holen, denn ohne geht es nicht mehr. „Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss mich damit beschäftigen und komme regelmäßig hierher“, sagte eine Dame aus Neubeuern, die ihren Namen nicht nennen wollte. Die 70-Jährige hat ein neues Handy, das sie zum Bezahlen nutzen will. „Mia san oide Leit, mia müssn uns informieren.“ Die Papierform sollte ihrer Meinung nach nicht abgeschafft werden.

Lilo Schmidt ist eine der Ehrenamtlichen im Mehrgenerationenhaus der Awo. Sie war früher bei einer Bank und möchte am Ball bleiben. Dieses Ehrenamt biete ihr die passende Gelegenheit dazu. „Das größte digitale Problem ist die Angst, etwas falsch zu machen“, sagte sie. „Als Anwender sieht man immer noch die Schuld bei sich, wenn etwas nicht funktioniert.“ Mit ihrer einfühlsamen Art gelingt es ihr, älteren Menschen, die nicht mit dem Handy in der Hosentasche aufgewachsen sind, diese Angst zu nehmen. Sie vergleicht das kleine Gerät mit einer Küchenmaschine, einem Mixer. Da mache man sich ja auch keine Gedanken, wie er funktioniere; man schmeißt die Zutaten hinein, drückt auf den Knopf und am Ende kommt der fertige Teig heraus. Das Handy mit all seinen Funktionen sei ein Gebrauchsgegenstand, ähnlich einem Mixer oder einer Bohrmaschine. Und auch in solchen Geräten gebe es mehr Digitalisierung, als man auf den ersten Blick wahrnehme.

Doch es gebe auch Gefahren, und die müsse man erkennen. Am Computer von Kriminalhauptmeister Röber konnte man bei einem Quiz mitmachen, bei dem es darum ging, Fälschungen und Fakes zu erkennen. „Eigentlich kann alles gefälscht sein, nicht nur der Anruf von einem sogenannten Polizisten mit der um Hilfe rufenden Tochter im Hintergrund.“ Begriffe wie „Phishing“ und „Vishing“ wurden erläutert. Gefälschte E-Mails oder Anrufe, bei denen persönliche Daten abverlangt werden, oft mit Druck oder unter Androhungen wie: „Sonst werden Ihre Bankdaten sofort gelöscht.“ Nie sollten geheime Daten wie Passwörter herausgegeben werden. „Was geheim ist, bleibt geheim!“ Präventionsarbeit sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, so Dominik Röber, kriminalpolizeilicher Fachberater. Gerade die „digitalen Senioren“ würden oft Opfer der Betrugsmaschinerien. Die Täter säßen im Ausland mit Komplizen vor Ort. Es sei ein Leichtes, mit einer gefälschten Nummer anzurufen, auch mit der 110, dem Notruf der Polizei. „Die 110 würde niemals anrufen.“ Ein weiteres Thema war das Erzeugen von sicheren Passwörtern. Davor graust es den meisten, denn für alles und jedes brauche man eines. Zum Einkaufen und Verkaufen, vielleicht zur Partnersuche, aber an erster Stelle zum Online-Banking. Schon für die Reservierung einer Kinokarte oder eines Bahntickets gehe ohne nichts mehr. Da passiere es oft, dass man das Passwort nicht mehr wisse, es zurücksetze, ein neues anfordere und sich auf die Schnelle mit dem Namen des Kindes und dem Geburtsdatum behelfe. „Ganz schlecht“, meinte Dominik Röber von der Polizei. Er empfahl dringend, ein Passwort-Merkblatt anzulegen, auf dem man alle Accounts im Blick hat. Zur Übung konnte man an seinem Computer schon einmal ein sicheres Passwort erzeugen. Eine Teilnehmerin versuchte es und hatte Erfolg. Das Knacken des Passwortes würde mehrere Generationen dauern. Ob sie es verraten könne? Sie wisse es schon selbst nicht mehr. Also sollte man unbedingt ein Verzeichnis anlegen, an einem sicheren Ort aufbewahren und vielleicht eine vertraute Person einweihen. Gerade bei älteren Personen könne dies im Fall von Krankheit oder Tod extrem wichtig sein.

Den „Digitaltag“ im Mehrgenerationenhaus gibt es seit 2020, und er wird von zahlreichen Kooperationspartnern und Ehrenamtlichen unterstützt. Doch ein Tag im Jahr reicht nicht aus, um die digitale Lücke bei der älteren Generation oder Menschen mit Seh-, Hör- oder Mobilitätseinschränkungen zu schließen. Deshalb gibt es die digitale Mediensprechstunde, eins zu eins, ein Angebot, das gerne angenommen wird. Außerdem gibt es eine digitale Lerngruppe an jedem zweiten Freitag im Monat. „Wenn ich Zeit habe, komme ich her“, sagte die 70-jährige Neubeurerin. Beim offenen Digi-Café beraten Schüler, ein generationenübergreifendes Lernen. Besonders bei Themen wie künstlicher Intelligenz (KI), ChatGPT oder anderen Hilfsmitteln können sie die Angst nehmen, denn sie sind damit aufgewachsen – die sogenannte Generation Z. „KI ist keine Zauberei, sondern ein Hilfsmittel.“ ChatGPT kann formulieren, antworten oder übersetzen und mache das Leben einfach leichter.

KI ist keine
Zauberei

Doch auch eine KI könne sich irren, was an einem Beispiel erläutert wurde. Dieses Jonglieren durch den digitalen Wald, den man oft vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, sei wahrscheinlich die Kunst für diese Generation der älteren Menschen. Doch es gibt Anlaufstellen mit einem niedrigschwelligen Angebot, die dabei helfen, die Angst davor, etwas falsch zu machen, zu verlieren.

So kommt man zur Sprechstunde

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