Chieming – Im Alter von 13 Jahren erhielt Etienne Lehner die Diagnose, an Knochenkrebs zu leiden. 15 Jahre lang durchlebte er alle Höhen und Tiefen des Krankheitsverlaufes, bis er sich nach einem Jahr Chemotherapie und Klinikaufenthalt mit den behandelnden Ärzten dazu entschloss, seinen linken Unterschenkel in der Heidelberger Universitätsklinik amputieren zu lassen. Dies war vor zehn Jahren.
Grunddisziplin
ist der Kampfsport
Seitdem hält sich der 38-jährige, unterschenkelamputierte Rosenheimer mit viel Sport fit. Seine Grunddisziplin ist der Kampfsport, jetzt suchte er sich eine besondere Herausforderung, die er mit einer besonderen Leistung verband.
Er durchschwamm am Samstag (15. August) von Bernau nach Chieming den gesamten Chiemsee und stellte diese sportliche Herausforderung unter das Motto „Charity Swim“, um durch die Aktion Spendengelder für die Kinderkrebshilfe und den Verein „Mission Erde“ zu sammeln. Beides liegt Etienne Lehner am Herzen, wie er nach seiner Ankunft nach über sechs Stunden Dauerschwimmen im 23 Grad warmen Chiemsee erzählte. Um 7.02 Uhr war er in Bernau mit Begleitbooten der Chieminger Wasserwacht und seiner Unterstützer gestartet, um kurz vor 13.30 Uhr empfing ihn seine Familie – allen voran seine Lebensgefährtin Nadine Wolfram – Unterstützer, Freunde und Fans am Chieminger Strand am Schlossplatz.
Dort war seit dem späten Vormittag eine Verpflegungsstation des Hofladens und -cafés „Dahoam bei Leo“ aus Bad Aibling aufgestellt, um Gäste zu bewirten. Den Erlös erhielten die beiden gemeinnützigen Organisationen, die für Lehner zur Lebensbestimmung geworden sind.
Der gelernte Mediengestalter arbeitet jetzt für die Firma Orthopädietechnik Radspieler in Neubeuern als Prothesentester. Die Firma gehört zu den Sponsoren seines Projekts „Natur Athlet“, das er sich als Marke festschreiben ließ. Es geht dem gehandicapten Sportler darum, für naturbelassenen Sport zu stehen. Deshalb habe er für seine lange Schwimmdistanz absichtlich den Chiemsee und kein Schwimmbad genutzt.
Die Schwimmstrecke betrug etwas mehr als die gerade Linie von 13,13 Kilometern. Da man mehrmals vom Kurs abwich, betrug die zurückgelegte Schwimmdistanz letztendlich rund 15 Kilometer. Er habe die gesamte Strecke kraulend zurückgelegt und nur wenige Trinkpausen eingelegt, mit einer Getränkemischung aus Wasser, Salz, Honig und Magnesium, ohne sich am Boot festzuhalten. „Vielleicht kann so noch ein Rekord erreicht werden“, erklärte Nadine Wolfram. Dies müsse erst noch geprüft werden.
Seine Naturverbundenheit gehe mittlerweile so weit, dass er ganzjährig einbeinig barfuß unterwegs sei. „Barfußgehen drückt Erdverbundenheit aus“, so Lehner. Am linken Unterschenkel trägt er eine Prothese, die er aber beim Schwimmen abnahm. Das fehlende Beinteil habe er mit dem Kopf und Gegenbewegungen ausgleichen können.
Einen größeren psychischen Durchhänger habe er nicht gehabt. „Als es sich wirklich zog im letzten Drittel, kam das Chieminger Ufer schon in Sicht und die Besatzung der Begleitboote hat mich gepusht.“ Begonnen hat Lehner sein Schwimmtraining am Floriansee im Süden von Rosenheim, der etwa 500 Meter lang ist, Ende Mai mit einem Kilometer, also zwei Bahnen.
Jede Woche hat er die Distanz um einen Kilometer erhöht, bis er bei zehn Kilometern war. Danach traute er sich den weiten Weg über den Chiemsee zu.
Großen Dank sprach Lehner seinen Unterstützern und Förderern aus. Allen voran der Chieminger Wasserwacht, die ihn mit dem Rettungsboot und zwei Stand-up-Paddle-Boards (SUPs) die volle Strecke über begleitet habe. In einem weiteren Boot saßen weitere Sponsoren, die hinter dem Handicap-Sportler und seiner Wohltätigkeitsaktion stehen: Franz Stettner von der Edelobstbrennerei in Kolbermoor, Marcus Wöls von der Generali-Versicherung in Schliersee sowie die Brüder Philip und Dominik Schuster von der Kfz-Werkstatt Novum in Rosenheim und Musiker Martin Staller. Dank galt auch den beiden DJs „Comode“ und „Padawan“, die den ganzen Tag über mit Oldies, Disco, Funk und Techno für Stimmung am Schlossplatz sorgten. Für seine großartige Schwimmleistung überreichten ihm seine Wegbegleiter unter Applaus einen Oscar mit Widmung zum Tageserfolg.
Seine beiden Hilfsprojekte hat sich Etienne Lehner bewusst ausgesucht. Zur Spende für die Kinderkrebshilfe sagt er aus eigener Erfahrung: „Nach der Station beginnt die eigentliche Heilung. Familien, die alles gegeben haben, brauchen Zeit zum Durchatmen – fernab von Klinik und Alltag. Deine Spende schenkt genau diesen Raum: zur Ruhe kommen, als Familie zusammenheilen.“
Die Natur ist der
Raum der Heilung
Und zum Spendenanlass für den Verein „Mission Erde“ sagt der Weitschwimmer: „Die Natur ist der wichtigste Raum zur Heilung – das Nervensystem findet nur dort wirklich zur Ruhe. Deshalb muss sie geschützt werden. Deine Spende schützt diesen Raum.“ Auch in Zukunft hat der „Natur-Athlet“ weitere spektakuläre Aktionen vor. „In Planung ist eine längere Sechs-Tages-Bergtour in Thüringen in Rekordzeit“, verrät Nadine Wolfram.