Mühldorf/Altötting/Dorfen – Das Sauberhalten unbewirtschafteter Rastplätze ist ein knochenharter Job. Wohl kaum einer könnte sich vorstellen, diesen Job zu übernehmen. Verstopfte Klos, Fäkalien im Waschbecken und Camper, die ihre Reisetoilette im Bodenschacht entsorgen. All das schreckt jedoch eine Frau aus Waldkraiburg nicht ab: Burgunde Buchholzer ist die Reinigungskraft entlang der A94. Zweimal täglich, sieben Tage die Woche, ist sie im Einsatz und kämpft gegen die willkürlichen Hinterlassenschaften der Rastsuchenden. Lediglich einmal im Jahr macht sie Urlaub, sonst findet man Buchholzer, die sich mit ihrer Reinigungsfirma selbstständig gemacht hat, entlang der A94.
Einblicke hinter
die Kulissen
Der Rastplatz Fürthholz-Süd liegt direkt an der A94, an der Grenze des Landkreises Mühldorf. Eine wichtige Anlaufstelle, denn im Landkreis selbst gibt es sonst nur noch den Autohof bei Töging.
Wer hinter die Kulissen der Anlage blicken will, muss Burgunde Buchholzer in den schmalen Technikraum begleiten, der direkt hinter den WC-Kabinen liegt. Von hier aus füllt sie das Toilettenpapier nach und wendet einen cleveren Kniff an: Sie versteckt kleine Duftsteine direkt in den Papprollen.
„Alles, was sichtbar ist, wird geklaut“, erklärt sie energisch. Seifenspender gebe es deshalb schon lange nicht mehr und selbst die Waschbecken und Spülungen seien tief in der Wand verankert, um Vandalismus zu verhindern. Dominik Back, Geschäftsführer der Isentalautobahn Services GmbH nickt wissend: „Besonders wenn Auswärtsfans nach Fußballspielen in Bussen anreisen, kommt es häufig zu Vandalismus. Vor allem mit Stickern und Graffitis. Hin und wieder wird dabei aber auch gegen Waschbecken und Spülung getreten.“
Wie tief die Abgründe mancher Besucher tatsächlich sind, zeigt sich hinter einer der Klotüren. Das WC ist komplett verstopft, Fäkalien und Brühe laufen über den Rand, eine chaotische Überschwemmung breitet sich auf dem Boden aus. Niemand würde diesen Raum freiwillig betreten. Doch bevor man den Anblick verarbeiten kann, ist die Waldkraiburgerin schon zur Putzkammer geflitzt und mit ihrer ganz persönlichen Superwaffe zurück: dem Hochdruckreiniger. „Ich hab da so meine Tricks!“, ruft sie gut gelaunt, stapft mit ihren Gummistiefeln mitten in das Chaos, spült zweimal durch und schießt mit dem Wasserstrahl gegen den Dreck. Nach wenigen Augenblicken ist das halbe Chaos beseitigt. Wie man so einen extremen Job über Jahre hinweg überhaupt durchsteht? Für Burgunde Buchholzer ist das reine Einstellungssache. „Ich bin gegen alles immun!“, sagt die ehemalige Wirtin und Altenheim-Servicekraft herzlich lachend. „Im Pflegeheim arbeiten war einfach nicht meins. Aber hier bin ich an der frischen Luft.“
Täglich wirft sie ihre Arbeitskleidung zu Hause sofort in die Wäsche, streift die Gummistiefel ab und holt sich nachmittags beim Schwimmen im Natursee ihren Ausgleich. Sie bleibt durch und durch Optimistin: „Ich bin ein positiver Mensch. Ich scheue mich nicht vor der Arbeit, ich stehe morgens auf und habe gute Laune.“ Wer kurz nach Buchholzers Arbeit die Toilettenanlage betritt, erlebt die Raststätte von einer ganz anderen Seite: Es riecht angenehm nach Putzmittel, die Türen lassen sich problemlos verschließen und sämtliche Kabinen sind voll nutzbar. Dass es hier so blitzsauber ist, ist kein Zufall, sondern das Werk einer Frau, die seit 14 Jahren das ungesehene Herz dieser Autobahnstrecke ist.
Für Geschäftsführer Dominik Back ist sie ein absoluter Glücksfall. Denn das Team vor Ort kämpft tägliche Schlachten gegen Unsitte, Vandalismus und eine „Nach-mir-die-Sintflut“-Einstellung vieler Verkehrsteilnehmer.
Ein Vor-Ort-Besuch zeigt schnell, welcher Aufwand nötig ist, um die unbewirtschafteten Rastanlagen in Schuss zu halten. Burgunde Buchholzer ist für vier Rastplätze verantwortlich. Sie fährt jeden Tag rund 200 Kilometer hin und zurück, um an sieben Tagen der Woche jeweils zweimal täglich ihre Runde zu machen. Ob bei drückenden 38 Grad im Sommer oder eisigen Minusgraden im Winter – Aufgeben kommt für sie nicht infrage.
Dass ihre Arbeit kein gewöhnlicher Job ist, wird klar, wenn man hört, womit sie täglich konfrontiert ist. Lkw-Fahrer entsorgen ihren Müll überall, Urinflaschen werden stehen gelassen, und Toiletten oft in einem Zustand hinterlassen, der sprichwörtlich zum Himmel stinkt.
Von zugeschmierten Wänden ganz zu schweigen. Hinzu kommt die Angst vor den Vandalen: Ihre eigene Tochter, die ihr manchmal hilft, musste sich einst aus Furcht vor randalierenden Männern im Technikraum einsperren und die Polizei rufen. Geschäftsführer Dominik Back erzählt, dass ein einziges WC-Häuschen pro Monat rund 3.000 bis 4.000 Euro Reinigungskosten verschlinge. Dazu kämen noch einmal etwa 5.000 bis 10.000 Euro pro Jahr für die Beseitigung von Vandalismusschäden. Damit Laternen und Schilder nicht permanent mit Aufklebern und Graffitis übersät werden, investiert die Isentalautobahn beträchtliche Summen. Allein das Spezialmittel zur Anti-Haft-Imprägnierung kostet rund 2.000 Euro.
Kameraüberwachungen würden am strengen Datenschutz scheitern, sagt Back. Und so bleibt nur die ständige Instandhaltung durch die Autobahnmeisterei von Josef Wimmer und das unermüdliche Reinigen von Burgunde Buchholzer.
Doch Buchholzers Einsatz bleibt nicht immer unbemerkt. Vor Ort hält ein Reisender an, schüttelt zwar über den generellen Zustand mancher Rastplätze den Kopf und meint, dass es oft kein Vergnügen sei – doch dann wendet er sich direkt an die Reinigungskraft und bedankt sich herzlich für ihre harte Arbeit.
Auch Geschäftsführer Back ist sichtlich dankbar für die Arbeit seiner Angestellten, wünscht sich aber auch von den Besuchern mehr Respekt: „Einfach, dass jeder ein bisschen überlegt: Wie mache ich das bei mir zu Hause? Und die Toilette dann in diesem Zustand hinterlässt.“ Bei so viel Schrubben und Säubern auf der Autobahn drängt sich eine Frage geradezu auf: Wer kümmert sich eigentlich bei Buchholzer zu Hause um den Haushalt, wenn sie nach Feierabend die Gummistiefel an den Nagel hängt? „Mein Mann sagt immer: ‚Du hast einen Putzfimmel!‘“, erzählt sie schmunzelnd. Denn auch nach Feierabend greift sie daheim ohne zu zögern selbst zum Putzlappen. Von ihrem Mann würde sie aber sowohl bei der Arbeit als auch daheim viel Unterstützung bekommen, erzählt Buchholzer im Interview.
„Du hast einen
Putzfimmel!“
Zum Schluss zückt sie stolz ihr Smartphone und spielt eine Sprachnachricht ab. Ein Lkw-Fahrer, der regelmäßig auf der A94 unterwegs ist, hat ihrem Chef eine Audionachricht hinterlassen. Er sagt: „Großes Lob an Frau Buchholzer. Ich steuere gezielt nur noch die Rastplätze an, die sie sauber gemacht hat.“ Er bedankt sich herzlich für ihr Engagement und betont: Wenn es eklig wird, liege das nicht am Putzdienst – sondern am unmöglichen Benehmen mancher Besucher. Burgunde Buchholzer lächelt gerührt. Für die A94 ist sie weit mehr als eine Reinigungskraft, sie ist die gute Seele, die den Laden zusammenhält.