Mit bis zu zwölf Mass glücklich im Bierkosmos

von Redaktion

Für Melanie Sedlmeier aus Waging beginnt die fünfte Jahreszeit. Fünf Wochen lang bedient die 54-Jährige auf dem Herbstfest in Rosenheim und der Münchner Wiesn. Trotz der harten Arbeit freut sie sich auf den Trubel und verrät, was für sie die Faszination ausmacht.

Waging – Nur noch wenige Tage, dann startet für Melanie Sedlmeier wieder die fünfte Jahreszeit. Für die 54-jährige Wagingerin wird dann für fünf Wochen alles zur Nebensache: Ihre beiden Töchter, ihre drei Enkel, Sonnenbaden am Waginger See mit Freundinnen, ihr Bedienungsjob beim Auwirt in Traunstein und selbst ihr Ehemann Wolfgang müssen hinten anstehen. Denn dann heißt es für sie, eintauchen in einen neuen Kosmos. Erst Herbstfest Rosenheim, dann Oktoberfest München – und die gelernte Friseurin ist mittendrin, erst im Flötzinger-Zelt und danach in der Ochsenbraterei.

„Ich bin kein
Büromensch“

„Ich liebe es, hier zu arbeiten, ich bin kein Büromensch, das Kracherte gehört dazu, der Kontakt zu den Gästen ist genau meines“, sagt sie und ergänzt: „Es kribbelt jetzt schon, ich kann es kaum erwarten, es ist die schönste Zeit des Jahres.“ Dabei spielen die Einnahmen eher eine untergeordnete Rolle, denn für „Meli“ zählt allein die Gaudi. „Die einen machen es aus finanziellen Gründen, die anderen wegen dem Spaß und den habe ich jedes Jahr“, freut sich die Servicekraft. Dabei war der Bazillus schon in jungen Jahren auf sie übergesprungen. Die Mama war 40 Jahre lang Bedienung im Café Oswald in Waging, da war sie mit 16 Jahren schon dabei und hat dazubedient. „So habe ich mir meine Urlaube nach Thailand, Griechenland oder Ägypten finanziert, es war eine wunderschöne Zeit“, erinnert sie sich zurück. Und sie ist dabei geblieben. Als sie von einer Freundin angesprochen wurde, beim Herbstfest mitzuarbeiten, weil eine Kollegin ausgefallen war, sagte sie spontan zu. Das war vor 15 Jahren.

So ist sie eine der 150 Servicekräfte im Flötzinger geworden, arbeitet im größten freistehenden Festzelt seiner Art in Europa. 9.500 Plätze sind es hier unter einem praktischen Cabriodach. Mit bis zu zwölf Mass ist Meli zwischen Schänke und Tischen unterwegs, und wenn am Schlitten Essen serviert wird, ist es etwas leichter, aber ein Zuckerschlecken ist der Job auf der Loretowiese nicht. Zwölf Stunden täglich geht es rund, ebenso wie auf dem Oktoberfest, Pausen sind Pflicht, freie Tage gibt es nicht. Einen festen Bereich hat sie – im Gegensatz zu München – mit ihrem Vierer-Team auch nicht, hier wird Tag für Tag durchgewechselt, wobei der Platz keine Rolle spielt, denn das Geschäft läuft überall fast gleich gut.

Ihre Euphorie für die Festzelte hätte sie gerne an ihre beiden Töchter (33 und 27) weitergegeben, da muss sie sich aber noch etwas gedulden. „Du brauchst die Leidenschaft, sonst wird es nichts“, sagt Meli, und die hat sie bei ihren beiden Schwiegersöhnen Harry und Gabriel gefunden. „Es muss untereinander stimmen, denn wir arbeiten in eine Kasse, da zählt Vertrauen“, verrät sie. Fürs Herbstfest steht das Quartett, eben mit Schwiegersohn Harry, mit Moni Lautenbacher aus Bergen, die sie einst animiert hatte, und mit einem Kollegen aus Siegsdorf, den sie nur „Hivzi“ rufen. Sie kümmern sich um zehn Tische, also bis zu 200 Gäste.

Auch während des Jahres arbeitet Meli in Bierzelten, so auf der Altöttinger Dult, einmal auch beim Gäubodenfest in Straubing oder beim Holzhausener Bierzeltring. Das mit Straubing hat sich aber schnell erledigt – wegen der Kleidung. „Ein blaues Dirndl mit rosaroter Schleife, dazu eine rosarote Schürze, das geht gar nicht. Da hab’ ich ausg’schaut wie ein Pfingstochs’, mein Mann hat mich gefragt, ob ich zur Arbeit geh’ oder in den Fasching“, witzelt sie. 20 Dirndl hängen daheim im Schrank, aber privat zieht sie selten eines an. Die seien einfach für die Arbeit. Natürlich müssen Bedienungen am Herbstfest und am Oktoberfest ihre Dirndl selbst kaufen.

Und ein oder zwei Tage vor Wiesn-Start ist dann Einschreibetag angesagt. „Das ist immer ein großes Hallo, sämtliche Servicekräfte kommen zusammen, in Rosenheim spricht Flötzinger-Chefin Marisa Steegmüller sogar persönlich zu uns“, berichtet die Wagingerin, für die es jetzt richtig dick reingeht. Der Wiesn-Plan sieht nämlich wie folgt aus: von Samstag (29. August) bis Sonntag (13. September), also 16 Tage, Vollgas im Flötzinger-Zelt, dann drei Tage frei, am Donnerstag (17. September) und Freitag (18. September) Einschreibetag am Oktoberfest, von Samstag (19. September) bis Sonntag (4. Oktober) 16 Tage Vollgas in der Ochsenbraterei auf der Theresienwiese. Das sind also 36 Tage am Stück und nur drei freie zwischen Rosenheim und München. Und welche Wiesn ist anstrengender? Es sei das Herbstfest, weil es da bei null losgeht. „In Rosenheim wird Muskelaufbau betrieben, der mir dann am Oktoberfest zugute kommt“, lacht Meli. Und was unterscheidet Rosenheim und München?

„Beim Herbstfest, das sind wir, viele Einheimische vom Burschenverein, von der Feuerwehr, von Schützen- oder Sportvereinen, viele aus der Region“, sagt Meli. In München kämen viele Geschäftsleute, auch feine Herrschaften und eine Menge internationaler Gäste, die es in der Box etwas exklusiver haben wollen. Ab 17 Uhr sei die Box täglich ausreserviert, zur Mittagszeit gebe es aber immer Plätze. Für sie sei München etwas stressfreier, denn sie könne nur zehn Minuten vom Oktoberfest entfernt übernachten, beim Herbstfest fahre sie zwischen Waging und Rosenheim täglich hin und her. Und wie kommt sie als Bedienung mit den doch vielen Betrunkenen zu später Stunde aus? „Empfindlich darf man nicht sein, sonst ist man fehl am Platz, aber ich bin ja nicht auf den Mund gefallen“, sagt sie und nennt drei Beispiele. Einer habe gemeint, ob er ihr das Trinkgeld oben reinstecken darf. Sie habe geantwortet: „Wenn es ein Grüner ist, dann ja!“ Oder: Einer wollte mit ihr in die Berge gehen zum Reden. Antwort: „Geredet hab’ ich heut’ daheim schon, da brauch’ ich dich nicht!“ Oder: Einer wollte nach Dienstschluss auf sie warten und mit ihr was unternehmen. Hier kam die klare Ansage: „Ich habe heute schon eine gute Tat getan, und eine reicht am Tag, ich bin ja nicht bei der Charity!“ Von großer Erleichterung spricht Melanie Sedlmeier an den Schankstellen. Habe man früher Bierzeichen kaufen müssen, um sie dort gegen Flüssiges abzugeben, so laufe heute alles digital, in Rosenheim wie in München. Das heißt, jede Bedienung habe einen Schlüssel, mit dem sie zur Schänke komme und ihn in die Kasse stecke. Die Zeichendame blicke auf den Monitor und die vollen Masskrüge gingen raus. Wichtig, so Meli, sei der Blickkontakt, das erfordere der Respekt. „Beim Weggehen mit dem Bier noch mal kurz zur Dame schauen, kurz nicken, nicht einfach stur weglaufen.“

Eine schweißtreibende
Angelegenheit

Und was zeichnet eine gute Bedienung im Festzelt aus? „Sie sollte ein nettes Auftreten haben, ehrlich muss es wirken, ein freundliches Grüß Gott soll es sein, nicht gekünstelt oder aufgesetzt, das ist wichtig“, sagt die Wagingerin, die aber hofft, dass die Gluthitze der letzten Wochen deutlich nachlässt. Zum Schwitzen sei es schon oftmals gewesen, egal ob in Rosenheim oder in München. Und als sie vor Jahren mal abends zu Dienstschluss nicht aus ihrer Bluse herauskam, musste sie sich regelrecht herausschneiden. Verständlich, dass die Kolleginnen jetzt immer fragen: „Und, musst du dich heuer wieder aus der Bluse schneiden?“ Auf die obligatorische Frage wartet sie schon am Einschreibetag in Rosenheim. Und wie lange will sie den Job noch machen? Da kommt es wie aus der Pistole geschossen: „So lange es so mega Spaß macht und ich den Kollegen nicht zur Last falle.“ Melanie Sedlmeier denkt längst noch nicht ans Aufhören, spricht vom 60. Geburtstag vielleicht.

Na ja, da ist noch lange hin, von Verschleiß also keine Spur. Und wer sie treffen will, tut sich in München viel leichter, denn zusammen mit Schwiegersohn Gabriel und Moni beackert sie in der Ochsenbraterei im Dreier-Team die Box G. Beim Herbstfest ist sie im Flötzinger im Vierer-Team überall unterwegs.

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