Zu „Watschen waren üblich“ (Leserbrief):
Mein erster Gedanke war, ob es wohl dem Verfasser – auf gut Bairisch gesagt – etwas zu gut geht. Wir sind vier erwachsene Kinder, wohl gleicher Generation, und nicht immer die bravsten gewesen. Jedoch frage ich mich, wo der Verfasser zur Schule gegangen ist. Wir jedenfalls haben, Gott sei Dank, weder in der Schule noch von unseren Eltern den sogenannten Watschenbaum erlebt. Auch ohne Hiebe und Tatzen ist aus uns vieren allen etwas geworden. Der Verfasser will sich vielleicht einschmeicheln bei Fürstin von Regensburg, die kürzlich Ähnliches vom Fürstenhaus erzählte.
Helmut Materna
Dorfen
Wieder einmal musste ich über den unausrottbaren Mythos der „guten“ Erziehung von früher lesen. Als Internatszögling in den 60er-Jahren zu Regensburg darf ich vielleicht etwas differenzieren. Es war in der zivilisierten Nachkriegsgesellschaft eben nicht mehr üblich. Ich wurde weder von meinen Eltern noch von Lehrern jemals ins Gesicht geschlagen. Diese fortwährenden Demütigungen blieben den hochwürdigen Leitern der katholisch geführten Internate vorbehalten. Und neben den Domspatzen gab es noch ganz viele Internate, wo es genauso gehandhabt wurde. Was Georg Ratzinger unter ein paar Watschen verstanden hat, lässt sich auf der Homepage des Bistums Regensburg in dem 440-seitigen Missbrauchsbericht nachlesen. (Achtung: Das ist nichts für empfindsame Naturen). Interessant ist auch noch die Auswahl der Opfer. Wer aus einer spendablen Brauerei stammte, hatte nichts zu befürchten. Wehe den Alleingelassenen, wenn sie von der liebenden Mutter Kirche in den Arm genommen wurden. Eine Entschuldigung von Chorleiter Ratzinger für ein paar Watschen ist aber schon einer der härtesten Euphemismen, die ich kenne. Nun wurde wenigstens ein Fall aufgeklärt. Die damalige Grausamkeit, Falschheit und Korruption in der Institution Kirche hat sich jedenfalls nicht geändert – es wurde allenfalls einen Maskenwechsel vorgenommen.
Georg Igl
Gars
Wen interessieren noch die Rechte der Kinder? Sind Kinder denn Menschen zweiter Wahl? Im Grundgesetz ist doch alles geregelt. Im Lebensalltag scheint dies allerdings nicht zu gelten. Nicht die Eltern stellen sich auf die Kinder ein, sondern die Kinder müssen sich auf den Rhythmus der Eltern einstellen und funktionieren. Andernfalls wird schon mal Gewalt angewendet, wie in alten Zeiten. Eine Ohrfeige habe noch nie geschadet! An die Erniedrigung und das Gefühl des Ausgeliefertseins, an den seelischen Schaden wird nicht gedacht. Jeder noch so kleine körperliche Übergriff ist eine massive Erniedrigung. Was tun wir unseren Kindern alles an? Sie werden beschnitten aus anachronistischen Gründen, sie werden gekauft wie Waren. Wer es sich leisten kann, nimmt sich eine Leihmutter oder geht zu einer Samenbank. Kinder haben ein Recht zu wissen, wo ihre Wurzeln sind. Kinder haben ein Recht auf die Unversehrtheit ihres Körpers. Kinder haben das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Ich fordere dieses Recht ein für alle Kinder dieser Welt.
Angelika Schyrzisko
Stephanskirchen
Immer wieder erschrecken mich Meinungen wie die von Herrn Weber, wenn es um Gewalt gegen Kinder geht. Denn nichts anderes ist eine Watschen. Es handelt sich um ein gewaltsames Durchsetzen von Interessen eines Stärkeren, hier eines Erwachsenen, gegenüber einem Schwächeren, hier eines Kindes. Wieso wird das in der Retrospektive immer wieder verharmlost? Wo sind denn in Ihren Augen die Grenzen des Erlaubten? Eine Watschen ist erlaubt, ein Fausthieb nicht mehr? Wir vertrauen unsere Kinder in öffentlichen Einrichtungen Pädagogen an und können heutzutage froh sein, dass sie keinerlei körperlicher Gewalt mehr ausgesetzt sind. Dafür gibt es ausreichend Gesetze und einen gesellschaftlichen Konsens. Ganz davon abgesehen, auch ältere Menschen wurden und werden leider Gottes manchmal Opfer körperlicher Gewalt durch Stärkere, in diesen Fällen meistens jüngeren Menschen. Ist das für Sie auch in Ordnung? Oder vielleicht doch nicht, weil Sie an der Altersstufe näher dran sind? Ich bin von Lehrern geprägt worden, deren Erziehungsstil Sie wahrscheinlich als Laisser-faire bezeichnen würden. Trotzdem, Sie würden sich wundern, ist aus mir eine „rechtschaffene“ Bürgerin geworden, die allerdings nicht verlernt hat, kritisch zu denken und vor allem Gewalt gegenüber Schutzbefohlenen grundsätzlich abzulehnen.
Silke Rönnberg
Bruckmühl