Tägliche Abenteuer im Zug

von Redaktion

Zum Bericht „München – die Hauptstadt der Pendler“ (Politikteil):

Pendeln mit dem öffentlichen Personennahverkehr soll gesund sein? Als eifrige Zugfahrerin erzähle ich gerne, wie das auf der Strecke München-Salzburg so ausschaut – seit der Umstellung von DB-Zügen (Doppelstöcker) auf Meridian (keine Doppelstöcker, also Reduzierung der Plätze um die Hälfte bei jährlich wachsendem Fahrgastaufkommen). Zunächst Ausrüsten mit Kälteschutz wegen stramm eingestellter Klimaanlage (Jacke mitschleppen), Verspätung abwarten, Entern des Zuges, in der Regel kein Sitzplatz, zwischen zwei Kinderwagen und drei Fahrrädern einen kleinen Notsitz – allerdings von einem Rucksack belegt – erspähen, wobei der Rucksack nur widerwillig weggeräumt wird. Musik mit Ohrstöpseln zu hören ist leider nicht möglich, dann kriegt man die Verspätungsansagen nicht mit. Lesen geht auch nicht, man muss ständig wie ein büffeljagender Indianer spähen, ob sich jemand zum Aussteigen rüstet, um sofort seinen Platz zu erobern. Alten Leuten den Platz anzubieten ist eher eine Sache von Frauen in den mittleren Jahren, jüngere Männer stecken gleich nach dem Hinsetzen die Ohrstöpsel ein, klappen das Notebook auf und verfallen sofort in tiefes Koma, Mädels üben sich mit der Freundin im symbiotischen Langstreckenkichern und kriegen eh nix mit. So balanciert man mit schmerzendem Hinterteil, auf der jetzt doch nicht überflüssigen Jacke sitzend seinem Ziel entgegen und mutiert zum Misanthropen. Das ganze dann für 41 Euro für 180 Kilometer, trotz Bahncard First. Die erste Klasse ist aber immer gerade da, wo man auf dem Bahnsteig bei Zugeinfahrt nicht steht; das bedeutet 150 Meter im Schweinsgalopp mit Gepäck, um zu entdecken, dass die insgesamt 16 Plätze belegt sind: siehe oben. Hinterher Erkältung auskurieren und Jacke zur Reinigung bringen.

Ursula Mayr

Übersee

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