Automobile Zweiklassengesellschaft

von Redaktion

Zum Bericht „Das Rennen um die Elektrifizierung“ im Wirtschaftsteil:

Bei der Elektrifizierungsdebatte kommt die Problematik „Ladeinfrastruktur“ zu kurz, denn selbst bei einer großen Zahl von Ladesäulen ergäben sich Probleme: Nimmt man an, dass mit dem Ferienverkehr eine Reisewelle in den Süden rollt, und dass an den Autobahnen in Oberbayern 1000 Schnellladestationen vorhanden sind, so könnten nur etwa 20000 Autos pro Tag geladen werden. Dazu müssten allerdings die lokalen Stromnetze in der Lage sein, eine zusätzliche Leistung in der Größenordnung von 100 Megawatt zu erbringen. Für den Autofahrer kommt noch hinzu, dass er seinen Pkw in mehr oder weniger kurzen Etappen aufladen muss, was seine Reisezeit erheblich erhöht. In Städten werden zurzeit rund 80 Prozent der Pkw auf der Straße geparkt; dies dürfte sich für die Bereitstellung der Ladeinfrastruktur als schwierig erweisen. Daher erscheint der E-Pkw in erster Linie nur als Zweitwagen von Benutzern von Garagen und Stellplätzen mit Elektroanschluss, die ihr Auto dort laden können und es für kurze Strecken benutzen, sinnvoll. Es könnte eine automobile Zweiklassengesellschaft entstehen: Familien, die sich nur einen Pkw leisten können, dürften noch einige Zeit nicht auf das E-Auto umsteigen, da dieses für längere Fahrten problematisch und zudem zu teuer ist. Diese Gruppe würde finanziell zusätzlich belastet werden, während sich die Gruppe der Zweitwagenbesitzer dagegen über Privilegien wie Steuerrabatte oder kostenfreie Parkplätze erfreuen könnte. Verbannt die Politik den Verbrennungsmotor gänzlich, so benötigt man allein für die E-Pkw eine Leistung von größenordnungsmäßig zehn Gigawatt, wobei hohe Spitzen auftreten dürften. Will man zudem die gesamte Stromerzeugung auf erneuerbare Energien umrüsten, so müsste deren Kapazität fast vervierfacht werden.

Dr. Walter Schicketanz

Rosenheim

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