Zum Bericht „Zeiten des Aufruhrs – wie Bayern zum Freistaat wurde“ (Bayernteil):
Je länger der Erste Weltkrieg sich hinzog, desto größer wurde der Wunsch nach Frieden. Das Ergebnis einer großen Demonstration am 7. November in München hatte nicht nur den Sturz der Monarchie zur Folge, sondern vor allem die Gründung eines Arbeiter- und Soldatenrates. An die Stelle des Untertanenstaates trat in Bayern unter Kurt Eisner als neuem Ministerpräsidenten eine basisdemokratisch orientierte Regierung. Mit dem Begriff „Freistaat“ meinte Eisner ein politisch emanzipiertes, von preußischer Bevormundung freies Bayern in einem demokratischen dezentralisierten Staat. Überall im Land wurden Räte gewählt, von denen es bald an die 7000 gab. Sie sollten als Bindeglieder zwischen Volk, Parlament und Regierung fungieren. Aber die Zeit für gesellschaftliche Veränderungen sollte nicht lange währen, und die Gegenrevolution machte bald mobil. Der Versuch, am 7. April 1919 eine Räterepublik in Bayern zu etablieren, also ein System, bei dem alle Macht bei den Räten liegt, wurde schon nach drei Wochen in einem Blutbad erstickt. Der MSPD-Ministerpräsident Hoffmann hatte die Reichstruppen zu Hilfe gerufen, und gegen diese im Verbund mit den ultrareaktionären Freikorps hatte die Rote Armee bei der Verteidigung Münchens keine Chance. Hunderte kamen bei willkürlichen Erschießungen ums Leben, so auch Gustav Landauer, der Freund und Ratgeber Eisners. Was bleibt? Das Wahlrecht auch für Frauen und der Achtstundentag wurden eingeführt. Die kirchliche Schulaufsicht wurde beseitigt und Kulturleben und Medien weitgehend von staatlicher Zensur befreit. Die Prügelstrafe an Schulen wurde verboten und der Zölibat für Lehrerinnen aufgehoben und vieles Fortschrittliche mehr. Die Zerschlagung der Räterepublik führte aber zu einer Erstarkung der reaktionären Kräfte sowie dazu, dass der spätere Weg in den Nationalsozialismus vorbereitet wurde.
Andreas Salomon
Rosenheim