Zum Interview „„Was bringen eigentlich Lawinen Airbags“ (Weltspiegel-Seite):
Christoph Hummel vom Deutschen Alpenverein vergleicht doch tatsächlich das Risiko, in einer Lawine zu sterben mit dem Risiko eines Unfalltodes bei einer Autofahrt. Wie viele Menschen fahren in einen Lawinenhang und wie viele fahren Auto, bis es zu einem tödlichen Unfall kommt? Diese beiden Risiken gleich zu setzen, zeugt von der unglaublichen Arroganz und Selbstüberschätzung dieser Tourengeher, von denen prozentual unvergleichlich mehr zu Tode kommen als es Tote im Straßenverkehr gibt. Die Abfahrt „Langer Zug“ war wegen Lawinengefahr gesperrt, sie trotzdem zu befahren entspricht dem Risiko von russischem Roulette. Schon wer sich einen Lawinenairbag kauft, legt damit symbolisch den Finger an den Revolverabzug. Damit auf dem Rücken auch noch ein Gebiet zu begehen oder zu befahren in dem Bewusstsein, dass er zum Einsatz kommen könnte, ist schlicht ein vorsätzlich eingegangenes Roulette mit dem Tod.
Frank Lischka
Neubeuern
Mit Erstaunen und großem Unverständnis las ich Teile des Interviews mit Christoph Hummel. Die Entwicklung der Lawinenausrüstung ist ein gewaltiger Fortschritt und sollte bei der überwiegenden Mehrzahl der Touren verwendet werden. Sie ist aber kein Freibrief, alles was möglich ist, zu unternehmen. Wenn ich lese, dass es „mutig“ ist, in eine gesperrte, stark lawinengefährdete Skipiste einzufahren, dann heißt es im Umkehrschluss, dass alle anderen nur zu wenig Mut haben. Warum sperrt man dann eigentlich Skipisten und rät ab von riskanten Skitouren? Nach der Meinung von Herrn Hummel könnte man künftig schreiben: Heute große Lawinengefahr (Stufe 5) nur für Mutige mit guter Ausrüstung – die Retter der Bergwacht sind gut ausgebildet und werden Sie auf freiwilliger Basis selbstverständlich in diesem gefährlichen Gebiet retten! Ich bin seit 63 Jahren Mitglied des Alpenvereins und habe vor 60 Jahren meinen ersten Tourenkurs gemacht. Damals hieß es, dass man bei hoher Lawinengefahr keine Touren und Abfahrten machen darf, weil es unverantwortlich ist. Aber vielleicht war diese Aufforderung damals nur der schlechteren Ausrüstung geschuldet.
Ludwig Oswald
Bruckmühl
Die Ausführungen Herrn Christoph Hummels zu dem Verhalten der verunglückten Skitourengeher dürfen nicht unkommentiert bleiben. Herr Hummel hat schon recht, „es steht einem doch frei, Dinge zu tun“. Wenn aber dabei die eigene Gesundheit, das eigene Leben oder das Leben anderer gefährdet wird, darf dieses Verhalten nicht „mutig“, sondern muss unvernünftig, hochriskant, fahrlässig und ignorant genannt werden. Seine Behauptung, jeder akzeptiere, „wenn bei einem Autounfall mit 200 km/h vier Menschen verunglücken“, ist mir absolut unverständlich. Das Gegenteil ist richtig oder weiß Herr Hummel nicht, dass die Verursacher eines solchen Unfalls sogar strafrechtlich (beispielsweise wegen fahrlässiger Körperverletzung) belangt werden können, wenn ihre Geschwindigkeit, auch ohne Tempolimit, nicht der Situation angemessen war? Sein letzter Satz zeigt eine ausgesprochen rücksichtslose und zynische Denkweise der Bergwacht gegenüber: Meint Herr Hummel wirklich aus der Tatsache, dass Bergretter ihren Job „freiwillig und aus Leidenschaft“ machen, könne man leichtsinnigen Bergsteigern nicht vorwerfen, deren Leben in Gefahr zu bringen? Es ist eine Tatsache, dass immer wieder Rettungsmannschaften bei ihrem Einsatz selbst verunglücken, da von ihnen oft ein höheres Risiko in Kauf genommen wird, wenn möglicherweise Menschenleben zu retten sind. Es würde mich sehr wundern, wenn Herr Hummel mit seinen Aussagen die Meinung des Alpenvereins wiedergäbe.
Dr. Norbert Filous
Prien
Es ist für mich unglaublich, dass Herr Hummel, ein Vertreter des DAV, nicht eindeutig davor warnt, bei diesen Neuschneemassen und den höchsten Lawinenwarnstufen Skitouren zu unternehmen und abseits von Pisten zu fahren. Anders Felix Neureuther, der öffentlich Skifahrer davor warnt, abseits von Pisten zu fahren. Statt dessen sagte Herr Hummel: „Es steht jedem frei, Dinge zu tun.“ Dass die Skifahrer nicht nur sich selbst, sondern auch die Retter in Gefahren bringen, kein Ton. Statt dessen vergleicht er dies mit einer Autofahrt von 200 km/h. Statt auf unverantwortliche Skifahrer hinzuweisen, wird wieder auf die Autofahrer geschimpft. Wenn ein Autofahrer bei Schnee und Eis sehr schnell fährt, ist es unverantwortlich, aber so nicht. Leider zeigt dies wieder einmal, dass der DAV ein Sammelbecken der Grünen und des BUND geworden ist. Dies bestätigt auch wieder meine Entscheidung, als der DAV gegen die Modernisierung des Sudelfelds Klage einreichte und ich nach Jahrzehnten der Mitgliedschaft ausgetreten bin. Ich bin wirklich schockiert über diese Äußerungen von Herrn Hummel, der ja auch noch ausführt, dass die Bergretter dies ja „freiwillig“ (sich in Gefahr bringen wegen Dritter) tun. Wir versuchen, unseren Kindern und jungen Skifahrern auch im Verein bewusstes Skifahren beizubringen und dann kommt einer vom DAV und meint „macht nur“.
Wolfgang Riedel
Bruckmühl
Stellungnahme von Christoph Hummel zu seinen Aussagen im Interview: „Ich sage nicht, dass das Verhalten der Skifahrer „nicht fahrlässig“ war. Ich sage lediglich, dass es mir nicht zusteht, ihr Verhalten als „völlig fahrlässig“ zu verurteilen, weil mir dazu das nötige Hintergrundwissen fehlt. Dass meine Aussage „Bei so großen Neuschneemengen in einen so großen Hang zu fahren, der von links und rechts von noch steilerem Gelände umgeben ist, ist schon mutig“ missverstanden wurde, tut mir leid. „Schon mutig“ verwendete ich in dem Zusammenhang (vier Tote!) nicht als positiv, sondern als Metapher für „ganz schön risikobereit“. Zum lawinenkundlichen Hintergrund: Für die Region Vorarlberg war am Unglückstag Warnstufe drei (erheblich) ausgegeben. Im Lagebericht steht, dass die Gefahr unter 2000 Meter mäßig war (Warnstufe 2) und dass die Gefahrenstellen oberhalb 2000 Meter mit der Höhe zunahmen. Die Einfahrt des Langen Zugs befindet sich auf 2040 Meter. Die Abfahrt kann man so wählen, dass man nie steiler als 35 Grad Steilheit fährt. Eine Entscheidung, den Hang zu fahren oder nicht, kann man nur vor Ort fällen. Laut Snowcard oder GRM – zwei anerkannte Hilfsmittel für Lawinenentscheidungen – war die Abfahrt im niedrigen bis mittleren Risiko. Im Lawinenlagebericht des Unfalltags steht: „Unerfahrene in der Lawinen- und Geländebeurteilung sollten daher gesicherte Pisten nicht verlassen.“ Wissen wir, wie erfahren die Verunfallten waren? Liftbetreiber „sperren“ oft Pistenbereiche, für welche sie keine Verantwortung übernehmen wollen/können. Dies ist aber rein rechtlich kein Betretungsverbot. Es bedeutet: „Hinter dieser Sperrung ist die Piste nicht mehr gesichert. Jeder Skifahrer ist für sich selbst verantwortlich.“ Grundsätzlich empfehlen wir, ausgewiesene Sperrungen im Pistenbereich zu akzeptieren. In vielen Medien wurden die Verunfallten als „Wahnsinnige“, als „lebensmüde“ bezeichnet. Nach Betrachtung der Fakten, die mir bis heute bekannt sind, erscheint mir dies nicht richtig. Eine vorschnelle Verurteilung auf der Basis falscher Fakten ist jedenfalls nicht gerecht.“
Christoph Hummel
DAV Sicherheitsforschung