Landwirte fühlen sich als Sündenböcke

von Redaktion

Zum Bericht „Heidls Appell“ (Bayernteil):

Gegen das Motto „Rettet die Bienen“ des Volksbegehrens Artenvielfalt wird sich wohl kaum ein Gegner finden. Doch das Kleingedruckte entlarvt die Initiative der selbsternannten Artenschützer als Mogelpackung: So sollen über die Köpfe der Eigentümer hinweg und gegen eine natürliche Entwicklung des Marktes beispielsweise bis 2030 per Dekret 30 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch bewirtschaftet werden. Im Wesentlichen wälzt das Volksbegehren darüber hinaus alle Maßnahmen zum Insektenschutz auf die Landwirtschaft ab und klammert deren bereits bestehendes Engagement für den Umwelt- und Naturschutz völlig aus. Ist es wirklich nur Aufgabe der zwei Prozent Landwirte, sich um den Insektenschutz zu bemühen, und die restlichen 98 Prozent der Bevölkerung beruhigen ihr Gewissen mit einer Unterschrift für das Volksbegehren? Ist es nicht zumutbar, dass etwa die Straßenbeleuchtung reduziert wird oder auf dem Rasen auch Blumen und Wildkräuter wachsen dürfen? Das Bemühen um unsere Natur und insbesondere um den Erhalt der Bienen muss ein wichtiges Anliegen der bayerischen Landespolitik bleiben; doch dieses Volksbegehren ist dabei der falsche Weg.

Wolfgang Maier

Obing

Im Gesetzentwurf hat man leider vergessen, die Hausgärten einzubeziehen. Das wären in Bayern 3,5 Prozent der Fläche. Einige sind sicher vorbildlich, aber bei vielen anderen werden immer noch Nadelgehölze gepflanzt, welche leider wertlos für Bienen sind. Außerdem läuft von April bis November der Mähroboter. Vorschlag: Wenigstes die Hälfte des Rasens als Blühfläche stehenlassen und Obstbäume, Linden und Staudenblumen pflanzen. Die vorhandenen Flächen der Kommunen sind rund vier Prozent. Hier währen vernünftige Ansaaten und Bepflanzungen möglich. Außerdem gibt es vier Prozent Naturschutzflächen in Bayern. Die Forderung nach wesentlich mehr Bio-Betrieben geht ins Leere, wenn die Erzeugnisse vom Verbraucher zu wenig gekauft werden. Wiesen dürften ab dem 15. März nicht mehr gewalzt werden. Dies ist jedoch notwendig, wenn durch Tritt- und Wildschweinschäden oder durch das Entfernen von Ampfer oder Kreuzkraut eine Nachsaat mit Grassamen erfolgen muss. Auch Bio-Betriebe müssen ihre Wiesen rechtzeitig nutzen, um Qualitätsfutter zu ernten. Die Milch soll ja aus eigenem Grundfutter produziert werden, um wenig Kraftfutter einsetzen zu müssen. Auf Wiesen, die nur zweimal gemäht werden, kann man höchstens Futter für Pferde produzieren. In Bayern werden durch freiwillige Programme 200000 Hektar Grünland extensiv bewirtschaftet, 15000 Hektar mit Blühpflanzen bestellt und 6100 Hektar als Schutzstreifen entlang von Gewässern gepflegt. Es ist sehr schade, dass immer einseitig auf die Bauern gezeigt wird und vor der eigenen Haustür auch noch der Klee aus dem Rasen gestochen wird, damit ja keine Biene draufsitzt. Wenn wir alle nachdenken und jeder seinen Teil dazu beiträgt, dann können wir möglicherweise Insekten und vor allem die Bienen retten. Denn auch wir Bauern wissen, dass die Bienen sehr wertvoll und wichtig sind.

Hans Maier

Übersee

Mir fehlen bis jetzt nähere Informationen, was da den Landwirten aufgezwängt werden soll. Was ich bis jetzt in Erfahrung gebracht habe, sind Blühstreifen an Feldrändern, die es schon gibt, dann Grünstreifen an Gewässern, die es schon gibt und den massiven Ausbau ökologischer Landwirtschaft. Eine echte Chance für die Bauern? Da sollten aber alle, die dieses Volksbegehren unterschreiben, auch bereit sein, biologische Nahrungsmittel zum angemessenen Preis einzukaufen. Die Produktion von Bio- Produkten muss mit der Nachfrage wachsen, bei Überproduktion werden Bioprodukte billiger.

Josef Kirschner

Reichertsheim

Wäre mit der Unterschrift beim Artenvielfalt-Volksbegehren auch eine Verpflichtung verbunden, 30 Prozent Bio-Erzeugnisse einzukaufen, Handy und Mähroboter im Sommer auszuschalten, auf unnötige Flüge zu verzichten und im Garten auch einen Blühstreifen anzulegen, dann sollen gerne auch 100 Prozent unterschreiben!

Christine Kuchler

Brannenburg

Der Bauernverbandspräsident beklagt sich darüber, dass die Bauern wegen des Artensterbens schon wieder am Pranger stünden. Wir Landwirte sollten aber schleunigst aus der bequemen Opferrolle herausfinden und uns den wirklich wichtigen Fragen stellen: Gibt es ein Problem? Die Antwort ist eindeutig: Ja, der Rückgang der Artenvielfalt ist erwiesen und für uns alle augenscheinlich. Wer kann es lösen? Wir Bauern pflegen und bewirtschaften die Umwelt, in der wir alle leben. Wir sind hier als Allererstes gefragt, den Bienen, Käfern, Vögeln, Pflanzen eine Zukunft zu ermöglichen. Das Ökosystem ist unsere Geschäftsgrundlage, aber auch das wertvollste Kulturgut, das wir haben. Das Volksbegehren Artenvielfalt wäre eine richtige und gute Grundlage für die Staatsregierung, uns endlich angemessen dabei zu unterstützen, diesen Dienst für die Gemeinschaft zu leisten.

Alfons Linner

Kirchdorf

Der offene Brief des BBV-Präsidenten Walter Heidl zeigt, dass die wortmächtige Standesvertretung der Landwirte nicht verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat: Es ist ein Artensterben im Gange, das das verletzliche ökologische Gleichgewicht in ernste Gefahr bringt. Die Gattung Mensch ist Teil dieses Gesamtsystems. Wir können uns und insbesondere unseren Kindern ein gutes Leben nur mit und in diesem System erhalten. Zu diesem System gehört ein intakter, von Mikroorganismen und Kleinstlebewesen durchsetzter Boden, sauberes Wasser und schnaufbare Luft. Insekten, auch und besonders die Bienen, sind die Grundlage für eine blühende Natur, die unsere Nahrungsmittel hervorbringt. Dieses ökologische System ist aber auch die Basis für eine gesunde Landwirtschaft und das sichere Auskommen aller darin beschäftigten Familien. Die AbL (Arbeitsgemeinschaft bäuerlicher Landwirtschaft) hat offenbar verstanden und unterstützt das Bestreben des breiten Bündnisses für das Volksbegehren. Es zielt darauf ab, von den Landwirten per Gesetz Leistungen zu fordern, die nötig sind, um eine breite Vielfalt von Tier- und Pflanzenarten zu unser aller Wohl zu erhalten. Das bisher verfolgte Prinzip der Freiwilligkeit bringt uns nicht weiter. Letztlich dient das Volksbegehren aber auch dem Wohl der Berufsgruppe, deren Existenz unmittelbar an der Natur hängt: den Landwirten selbst. Der Gesetzentwurf des Volksbegehrens selbst darf keine finanziellen Vorgaben enthalten, weil sie in das Budgetrecht des Gesetzgebers eingreifen würden. Um solche Leistungen – die übrigens viele Landwirte derzeit schon unentgeltlich erbringen – fordern zu können, muss sie der Staat endlich auch gerecht honorieren.

Reinhard Retzer

Lohkirchen

Dieses Statement habe ich von einem Bekannten zum Lesen bekommen: „Da jetzt alle zu den großen Bienenrettern werden: Würdet ihr auch eure Unterschrift hergeben, wenn ein Volksbegehren eure Annehmlichkeiten beschneiden würde? Beispielsweise darf jeder nur noch alle zwei Jahre in Urlaub fahren/fliegen, um Emissionen zu verringern; wenn es eine freie Wohnfläche im (Schwieger-)Elternhaus gibt, dürft ihr kein Haus bauen und müsst euch mit der älteren Generation arrangieren, um weitere Flächenversiegelung zu verhindern; ihr dürft euch keinen Mähroboter anschaffen, der euch Arbeit erspart und verhindert, dass auch im Garten kein Gräslein blüht; ihr dürft auch keinen stylischen Steingarten anlegen, sondern müsst Blühflächen anlegen; ihr müsst nachts ohne Straßenbeleuchtung nach Hause gehen, um die Lichtverschmutzung zu reduzieren. Und hier gäbe es noch viel mehr Beispiele, den Bienen zu helfen. Würdet ihr noch unterschreiben?“ Aber es ist ja viel einfacher, mit einer Unterschrift die Verantwortung auf einen Berufsstand abzuwälzen, der viel mehr Naturverstand hat, als so mancher Bürger glaubt zu haben! Also kehrt erst einmal vor eurer eigenen Haustür, dann könnt ihr unterschreiben gehen!

Hedi Gruber

Albaching

Das Bürgerbegehren ist ein Frontalangriff auf die bayerische Landwirtschaft. In der Werbung und in der Berichterstattung werden Details einseitig und falsch dargestellt. Es sind die Völker der Honigbiene mehr geworden, die Landwirtschaft ist über das Kulturlandschaftsprogramm und über den Vertragsnaturschutz stark im Artenschutz vertreten. Ich habe auch nichts davon gehört, dass im Steingarten, der momentan immer beliebter wird, nichts zum Blühen kommt, oder der Mähroboter, der für einen englischen Rasen sorgt, mit Sicherheit kein Gras zum Blühen kommen lässt. Es gäbe noch viel Positives über die Landwirtschaft und viel Negatives über unsere Wohlstandsgesellschaft zu sagen. Das Bürgerbegehren verlangt einseitig von der Landwirtschaft Leistungen, die schon lange erbracht werden. Die Initiatoren sollten sich sachlich mit der Angelegenheit auseinandersetzen und nicht populistisch Ängste in der Bevölkerung hervorrufen.

Adolf Maderlechner

Mühldorf

Die letzten Tage und Wochen haben mich und viele meiner Berufskolleginnen und Kollegen nachdenklich gestimmt. Die Landwirtschaft ist plötzlich für zahlreiche Umweltvergehen verantwortlich. Angefangen beim Bienensterben über Feinstaubbelastung und Methanausstoß. Der Bauer ist der Schuldige, in zu vielen Augen der breiten Bevölkerung. Würde man ordentlich recherchieren und sich an der eigenen Nase packen, dürften viele ihre Meinung schnell ändern. Es macht den Eindruck, als springen hier viele Mitläufer in das Boot der Umweltschützer, um ihr eigenes schlechtes Gewissen gegenüber der Natur zu verbessern. Bäuerin zu sein und eine Landwirtschaft zu führen war immer ein Traum von mir. Ich liebe die Arbeit mit unseren Tieren, mit der Natur und in der Natur. Die wenigsten der Kritiker werden so viel Zeit, Herzblut und Freude in die Natur investieren als wir Bauern. Auch sollte man nicht vergessen, dass wir diejenigen sind, die für die Produktion der hochwertigen Lebensmittel verantwortlich sind. Was wollt ihr denn alle essen, wenn ein Landwirt nach dem anderen seinen Betrieb aufgibt, weil er nur noch kritisiert wird? Auch wir konventionellen Landwirte halten uns streng an Regeln, was den Schutz der Umwelt angeht. Wissen wir das denn von den Produkten aus dem Ausland? Was mir sehr am Herzen liegt, wäre, dass wir genauer hinsehen, was wir einkaufen. Wenn wir mit der Natur in unseren Breiten leben würden, wären Sommerfrüchte im Winter nicht auf dem Speisenplan. Auch nicht, wenn sie biologisch sind und aus dem Ausland kommen. Regionales und saisonales Einkaufen würde sehr viel für eine Verbesserung des ökologischen Fußabdruckes tun.

Juliane Seisenberger

St. Wolfgang

Wie wäre es, wenn jeder, der unterschreibt, sagen wir mal zehn Euro je Monat einer Organisation, die dem Volksbegehren nahesteht, zu überweisen. Das wäre doch nicht zu viel verlangt (und vielleicht auf einen Urlaubsflug verzichten). Da käme bei einer Million „Weltrettern“ eine Summe von 120 Millionen Euro pro Jahr zusammen. Diese 120 Millionen Euro könnte man dann nehmen, um den Landwirten ihre Flächen zu einem guten Preis abzupachten, sagen wir mal 2000 Euro je Hektar. Bei diesem Pachtzins würde sicher so manches Stück Land frei. Das entspräche einer Fläche von 50000 Hektar, plus Saatgutkosten. Aus 50000 Hektar könnte man schon was machen. Die Spender sollten sich auch bei der Aussaat und Pflege der Flächen engagieren. Unsere demonstrierenden Schüler wären natürlich auch willkommen, sich zu beweisen. So könnte man auf schwere Maschinen verzichten, die den Boden zusätzlich beanspruchen würden. Zugegeben, dieses Szenario ist eher unrealistisch – aber man wird ja wohl noch träumen dürfen! Ja, eine Million Menschen könnten wirklich viel bewegen, aber ich befürchte, sie werden mit dem Auto zum Rathaus fahren, unterschreiben und sich dann ein Stückchen besser fühlen. Gutmensch sein mit wenig Aufwand – was will man mehr! Ausbaden dürfen es letztendlich wieder die Landwirte, der Sündenbock schlechthin!

Michael Schwenk

Schwindegg

Die Aktion „Rettet die Artenvielfalt“ („Rettet die Bienen“) als „politische Süppchenkocherei“ oder gar als „lächerlich“ zu bezeichnen wie Leserbriefschreiber Manfred Czermak, zeugt von Ignoranz, zumal, wenn sich der Leserbriefschreiber auch noch als Imker mit 35-jähriger Erfahrung brüstet. Richtig ist, dass uns die Varroamilbe viel Arbeit kostet, doch inzwischen, nach 40-jähriger Imkererfahrung, trau ich mich zu sagen, dass wir den Umgang mit dieser Milbe gelernt haben und sie effektiv bekämpfen können. Was wir jedoch nicht können, ist, der Biene zu sagen, wo sie ihren Nektar holen soll. Hier kommt unsere moderne Landwirtschaft ins Spiel. Der Aufruf fordert die konventionelle Landwirtschaft auf, weniger Gift zu verwenden und mehr Natur zuzulassen. Die Bereitschaft der Bauern ist durchaus gegeben, aber der Druck der Agrarriesen ist gewaltig. Sie bestimmen und treiben Landwirte in eine Abhängigkeit, aus der sie schlecht aussteigen können. Dieses Volksbegehren soll Druck auf diese Großkonzerne ausüben und den Bauern helfen, selbstbestimmender zu werden, ohne ihre Existenz zu gefährden. Inzwischen haben aber selbst Großkonzerne wie Bayer erkannt: „Die Landwirtschaft arbeitet nicht ressourcenschonend genug.“ Der Aufruf betrifft jedoch nicht nur die Landwirtschaft. Jeder Einzelne soll sich fragen, ob sein persönliches Verhalten im Umgang mit Umweltgiften verantwortbar ist. Es geht nicht nur um Bienen. Dies ist nur der plakative Aufhänger, sondern es geht um das große Ganze. Und dem Leserbriefschreiber sei auch gesagt: Nicht nur „unbedeutende politische Parteien und zwei nahestehende Umweltorganisationen“ unterstützen den Aufruf, sondern es gibt eine Zustimmung (und Förderung) auf breiter Front durch etablierte Parteien sowie Einrichtungen und Organisationen.

Günther und Barbara Manz Aschau/Inn

Ich frage mich als aktiver Landwirt (Ausbildungszeit bis zum Erreichen des Landwirtschaftsmeisters und Agrarbetriebswirtes sieben Jahre) schon, ob ich nicht den falschen Beruf gewählt habe. Die im vorgeschlagenen Gesetzestext zum Volksbegehren aufgeführten Punkte betreffen zum allergrößten Teil die landwirtschaftliche Produktion. Kein Wort von Luftverschmutzung durch Flugzeug- und Autoverkehr, keinerlei Hinweis auf Flächenverbrauch durch Siedlungsprojekte und Gewerbebau, nicht einmal der Eintrag in Luft und Wasser von verschiedensten Stoffen durch die Industrie wird nur ansatzweise erwähnt! Aber die Bauern, welche Jahr für Jahr mit Herzblut und in den allermeisten Fällen mit Rücksicht auf Flora und Fauna die Nahrung für jeden einzelnen Bürger erzeugen, sollen für Artenvielfalt sorgen. Forderungen wie einen künstlich erzwungenen Anteil ökologisch bewirtschafteter Fläche ist angesichts eines Aufnahmestopps für weitere Milcherzeuger bei allen bekannten Bio-Molkereien sowie Absatzschwierigkeiten im Fleisch- und Getreidesektor ein Schlag ins Gesicht für alle Ökolandwirte, welche schon seit Jahren aus Überzeugung im Biolandbau tätig sind. Der blanke Hohn ist allerdings die Aussage, kleine landwirtschaftliche Betriebe könnten sich in Zukunft ihr Geld zusätzlich in der Landschaftspflege verdienen! Neben Hauptberuf und Stallarbeit? Oder nachdem die hofeigenen Flächen im Biotopverbund aufgegangen sind? Ich frage mich, ist Landwirtschaft zur Lebensmittelerzeugung noch erwünscht oder sollen wir reine Landschaftspfleger werden?

Christian Senftl

Egglkofen

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