Zur Berichterstattung über das Volksbegehren zur Erhaltung der Artenvielfalt (Bayernteil) und zu Leserbriefen:
Mit viel Herzblut ist der vornehm zurückhaltende und jeglicher Polemik, Oberflächlichkeit oder Besserwisserei entsagende Leserbrief von Frau Seisenberger geschrieben. Selbst kein Landwirt, habe ich nach meiner Pensionierung meinem Landwirtssohn zwei Jahre lang auf einem Hof nicht unweit von St. Wolfgang zur Seite stehen können. Auf einem Hof mit vielen Tieren. Respekt vor der Natur und vor den Tieren, die allesamt „tiergerecht“ mit viel Auslauf gehalten wurden, habe ich schnell gelernt, sonst wären Mensch und Tier nicht so gut miteinander ausgekommen. Eines weiß ich aber jetzt auch: „Es ist „Knochenarbeit“. Zu Bürozeiten konnte ich nach Dienstschluss die Türe schließen – auf dem Hof lebte ich 24 Stunden inmitten der Lebewesen, die alle Ansprache oder Futter und Ausmisten ihrer Ställe wollten. Gegen Populismus anzugehen, da sehe ich keine Chance, auch gegen Verbraucherverhalten anzugehen nicht. Deshalb: Danke der Frau Seisenberger für ihren Leserbrief, den bestimmt viele, wie ich auch, nachdenklich gelesen haben. Das sollte etwas im Sinne von Frau Seisenberger bewirken.
Claus Ullrich
Bernau
Zu seinem (Ulrich Niederschweiberer, Obmann des Kreisbauernverbandes, Anm. d. Redaktion), mit spöttischen Bemerkungen gespickten Kommentar, über das aus seiner Sicht, weitaus schädlichere Verhalten von Nichtlandwirten für die Insektenwelt, kann man nur den Kopf schütteln. Statt auf die Mitbürger, die durch ihre Steuern die Umweltprogramme des Staates finanzieren, mit dem Finger zu zeigen, sollte er die Mitverantwortung der industriellen Landwirtschaft für das Insektensterben nicht kleinreden. Er sollte sich stattdessen mal gründlich und unvoreingenommen über die Zusammenhänge in der Natur und den Nutzen der Insektenwelt gerade für die Landwirtschaft informieren. Vielleicht hat er auch schon mal was über die Nahrungskette gehört, will aber wohl wegen der allgemein angestrebten Gewinnoptimierung nicht wahrhaben, dass beim Zusammenbrechen derselben durch Aussterben der Arten, diese unumkehrbar verloren sind. Weiß er nicht, dass in China die Obstbäume schon per Hand bestäubt werden, weil es keine Bienen mehr gibt? Kann er sich vorstellen, dass Rapsfelder ebenso bestäubt werden müssen? Und zum leidigen Verweis auf den geizigen Konsumenten, möchte ich sagen: Er sollte mal über eine Erkenntnis der Marktwirtschaft nachdenken, in der gesagt wird, dass Überproduktion zum Preisverfall führt. Er sollte deshalb die Schuld für die Niedrigpreise der landwirtschaftlichen Produkte nicht den Verbrauchern zuschieben. Die eingesetzten Pestizide töten nicht nur Schädlinge, sondern auch die für einen ertragreichen Boden wichtigen Mikroorganismen und werden noch dazu folgenden Generationen über das Trinkwasser verabreicht.
Josef Hierlwimmer
Niedertaufkirchen
„Rettet die Bienen“ – das ist für viele Insekten und das gesamte Ökosystem bestimmt sehr wichtig, da der Artenbestand seit Jahren um 50 Prozent zurückgegangen ist. Aber es soll nicht per Gesetz geregelt werden, sondern es muss auf freiwilliger Basis geschehen! Die Landwirte haben heutzutage schon sehr viele Gesetze mit hohen Auflagen zu erfüllen. Früher hatte die Vielfalt der Blumen und Wildkräuterarten einfach mehr Zeit, da wurden die Wiesen erst später und auch nur dreimal gemäht und gedüngt. Heute werden sie mit schweren Maschinen zum Teil siebenmal gemäht und achtmal gedüngt – da haben die Blumensamen keine Chance! Landwirte, die solche „Bienenrettungsprojekte“ freiwillig mit weniger Mahd, Dünger und dem Anbauen von solchen sogenannten „Wildblühstreifen“ unterstützen, sollen auch staatlich gefördert werden, da sie weniger Ertrag haben und auf andere Futter- und Energiepflanzen verzichten! Auch in Privatgärten kann man auf „dauerhaft“ betriebene Mähroboter verzichten und auf mehr Blumenwiesen statt nur auf grüne Fußballrasen setzen, „wäre a gute Sach!“
Peter Moosmüller
Bad Endorf
Du kannst den Wind nicht ändern, aber Du kannst Deine Segel richtig setzen! Das möchte man derzeit unseren Bauern und ihren Verbänden zurufen. Unverdrossen, ja fast unverbesserlich, stellen sie sich selbst in die Ecke derer, die das Artensterben einfach relativieren. Dann wird auch ein Umweltpräsident herbeigezogen, von dem die Öffentlichkeit nichts gehört oder gesehen hat und dieser gibt dann uns allen die Schuld. Natürlich ist da auch ein Stück Wahrheit drin, aber es liegt in der Natur der Sache, dass unsere Bauern am stärksten davon betroffen sind, oder andersherum: Sie ein großes Stück Verantwortung tragen. Wie wäre es denn, wenn die Bauern mit ihren Verbänden die Speerspitze des Schutzes der Artenvielfalt wären, die allesamt, besonders aber uns Verbraucher, mit hinein in ihre Verantwortung nehmen? Wenn sie sich hervortun, als die wichtigsten Akteure in Sachen Artenschutz (was sie zweifelsohne auch sind!)? Wenn die Bauern mittendrin statt nur dabei in diesem Prozess wären und immer wieder die durchaus berechtige Frage einbringen: Wie sollen wir das wirtschaftlich umsetzten? Wie hoch müssen die Ausgleichszahlungen für reduzierte Bodenbewirtschaftung sein? Wie können wir nicht ganz billige, aber ökologisch wertvolle Lebensmittel verkaufen? Bist Du, lieber Verbraucher, bereit, mit uns Bauern in Sachen Naturschutz solidarisch zu sein?
Nicht der Bauer wäre dann der Buhmann, sondern derjenige, der sich mit Ökologie brüstet, aber dann nicht heimisch einkauft. Und da könnten wir gemeinsam richtig Fahrt aufnehmen – Bauern und Verbraucher miteinander.
Fritz Langstein
Unterreit
An Gewässerverschmutzung, Klimawandel, Insektensterben und vielen anderen Probleme ist die Landwirtschaft schuld! Nur, langsam kommen mir Zweifel. Wie kann es sein, dass zwei Prozent der Bevölkerung für die Taten von 100 Prozent der Bevölkerung alleine verantwortlich gemacht werden? Mein Vorschlag: Packen wir es gemeinsam mit einem Volksbegehren an! Darin steht unter anderem: Jeder darf sein Auto nur an zwei Tagen in der Woche fahren. Krankenwagen und Ähnliches, Feuerwehr und Polizei sind davon nicht betroffen. Flugverkehr wird drastisch reduziert – Kurzstreckenflug pro Person alle fünf Jahre, Langstrecke alle zehn Jahre pro Person. Reisen mit Kreuzfahrtschiffen werden komplett verboten. Jeder muss Kästen an Fenstern/Balkon anbringen, mit Pflanzen für Insekten. Im Garten muss die Hälfte der Fläche den Insekten vorbehalten sein. Gemäht wird erst, wenn die letzte Blume verblüht ist. Haustiere darf nur jemand halten, der den Tieren eine artgerechte Haltung ermöglicht. Wer sich schriftlich bereit erklärt, zu 30 Prozent biologische Landwirtschaft zu betreiben, wird registriert. Beim Einkauf im Supermarkt wird geprüft, ob Bio-Nahrungsmittel aus der Region gekauft werden. Wenn nicht, muss die Ware zwar bezahlt werden, aber wird dann der Tafel gespendet. Schließlich muss jeder seinen Worten und Unterschriften Taten folgen lassen! Wetten, dass niemand unterschreibt. Wir müssten zugeben, dass wir alle zu den Verursachern gehören. Also bitte, nicht übertreiben! Dann doch lieber den Landwirten etwas in die Schuhe schieben!
Stefanie Kirmair
Feldkirchen
Ausgerechnet die Städter wollen uns Bauern vorschreiben, wie wir in Zukunft unser Eigentum, unseren Grund und Boden bewirtschaften sollen. Wir sollen schuld sein an einem Artensterben, wo wir doch täglich mit unzähligen Arten – von Insekten bis Vögel und Pflanzen – zu tun haben. Einen Rückgang kann ich in meinem Bereich nicht beobachten. Wir müssen seit Jahren immer mehr Auflagen einhalten und das Volksbegehren wird das noch verschärfen. Wenn wir die neuen Auflagen erfüllen, kommen wieder weitere strengere Auflagen. Das wird nicht enden, bis die Nahrungsmittelerzeugung in Deutschland unbedeutend geworden ist. Denn die Industriekonzerne wollen exportieren und dafür Nahrungsmittel einführen, so lässt sich viel Geld verdienen. Auch Baugrund ist leichter zu bekommen, wenn viele Landwirte aufhören. Die diversen Umwelt- und Tierschutzorganisationen werden von den Konzernen dahingehend unterstützt und beeinflusst. „Die Landwirtschaft ist der größte Hemmschuh, für die Ausweitung unserer Exportwirtschaft“, so ähnlich klang ein Satz von Andreas Stihl, Präsident der IHK, schon in den 80er-Jahren. Seitdem lassen die Bestrebungen, diesen Hemmschuh zu entfernen, nicht mehr nach.
Sepp Niederlechner
Eiselfing
Liebe Landwirte, ihr werdet nicht in die Sündenbockrolle gedrängt, sondern ihr stellt euch selbst in die Schmollecke. Maiswüsten und blumenlose Wiesen verringern Jahr für Jahr die Artenvielfalt. Es wirkt absurd, wenn Landwirte Plakate gegen das Volksbegehren „Artenvielfalt“ hochhalten. Landwirte sind Schützer und Bewahrer unserer Tier- und Pflanzenwelt. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um Verantwortung. Alle uns bekannten Fachleute von Naturschutzverbänden bieten einen konstruktiven Dialog an, um den Bienen, Insekten und Vögeln wieder einen Lebensraum bei uns zu geben. Das Volksbegehren ist kein Teufelszeug, sondern ein Anfang, den wir und unsere Kinder dringend brauchen.
Hanna und Uli Warkentin
Vogtareuth
Sie (Heidi Gruber, Anm. d. Red.) haben mir mit Ihrem Artikel aus der Seele gesprochen, nur eine Sache haben Sie nicht angesprochen. Es handelt sich um die heutzutage so beliebten meterhohen Steinmauern zwischen Nachbarschaftsgärten. Es fehlt nur noch der Stacheldraht obendrauf. Bedenken diese Leute nicht, dass sie sich damit selbst einsperren. Außerdem ist mir unverständlich, dass man auf dem Land keine Blumen oder Sträucher direkt in die Erde pflanzen kann. Nein, es muss alles in möglichst klobige Beton- oder Plastikkübel gepflanzt werden. Warum ziehen diese Menschen nicht in ein gemauertes möglichst schalldichtes Haus. Da wären dann alle Wünsche erfüllt. Keiner hört sie, keiner sieht sie und keiner spricht mit ihnen.
Margot Senese
Raubling
Immer wieder heißt es, die Unterstützer des Volksbegehrens wären gegen die Bauern. Das ist eine Erfindung des Bayerischen Bauernverbandes. Das Volksbegehren kämpft dafür, das Artensterben zu stoppen und dafür die gesetzlichen Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft zu verbessern. Es ist nicht zu leugnen, dass die konventionelle Landwirtschaft eine Menge Umweltprobleme verursacht. Das Volksbegehren greift aber nicht die Landwirte an. Die Landwirte sind Opfer des Systems, das einseitig auf maximale Erträge setzt. Der Bauernverband unterstützt dieses System, statt mit den Umweltverbänden auf eine Agrarwende zu setzen, und schadet damit den Landwirten. Am Rückgang der Arten sind viele Ursachen schuld, nicht nur die Landwirtschaft! Aber der Artenrückgang ist in der offenen Landschaft am dramatischsten. Das liegt an der intensiven landwirtschaftlichen Nutzung. Außerdem bewirtschaften Landwirte fast die Hälfte der Fläche Bayerns. Darum lässt sich, wenn man bei der Landwirtschaft ansetzt, am schnellsten viel ändern. Das Volksbegehren führt angeblich dazu, dass viele Kleinbetriebe aufhören müssen. Das Gegenteil ist der Fall. Für viele kleine landwirtschaftliche und Nebenerwerbsbetriebe stellen das Vertragsnaturschutzprogramm und das Kulturlandschaftsprogramm wichtige Einnahmequellen dar. Diese Programme müssen durch das Volksbegehren ausgebaut und mit noch mehr Finanzmitteln ausgestattet werden. Das Volksbegehren bietet eine Alternative zum „Wachsen oder Weichen“. Das Volksbegehren schafft einen gesetzlichen Rahmen, der zu einem Investitionsprogramm für die Landwirtschaft führen wird. Damit werden Landwirte, die Leistungen für das Gemeinwohl bringen, in Zukunft noch stärker gefördert und die Umstellung auf ökologischen Landbau noch intensiver unterstützt.
Martin Walter
Bad Aibling
Die Äußerungen der Bauernfunktionäre auf dem Kreisbauerntag können nicht unwidersprochen bleiben. So viel Unsinn und abstruse Behauptungen findet man sonst selten in einem Artikel, denn die Tatsachen sprechen unwiderlegbar gegen diese Propaganda. Die Bauern werden durch das Volksbegehren nicht enteignet, sondern eher von ihren eigenen Funktionären. Die moderne industrielle Landwirtschaft, wie sie von der Mehrzahl der Betriebe auch in Bayern praktiziert wird, zerstört nachweislich die eigene Lebensgrundlage. Das fängt beim Boden an, der immer stärker verarmt. Durch den massiven Maisanbau mit Tiefpflügen, Gülle- und Gifteinsatz verdichten die Böden. Das Bodenleben wird unter anderem durch Antibiotika und Hormone massiv gestört und es verschwinden unzählige Pflanzenarten. Auch das häufige Odeln der Wiesen wirkt so und belastet nicht mehr nur das Oberflächenwasser, sondern inzwischen auch das Grundwasser. All das zeigen Studien der letzten Jahre aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die mir vorliegen. Die Verarmung der Artenvielfalt durch eine im Voralpenraum fast nur auf Massenproduktion von Milch und Fleisch ausgerichtete industrielle Landwirtschaft ist der Hauptgrund für das Insektensterben und damit auch das Vogelsterben. Und beim Artensterben versteigt sich dann der „Umweltpräsident“ der Bauern zu der völlig aus der Luft gegriffenen Behauptung, die Elstern seien schuld am Sterben der Singvögel. Ein Vogel, dessen Bestand nach den Zählungen bei der Stunde der Wintervögel um acht Prozent abgenommen hat. Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die aktuell praktizierte „konventionelle“ Landwirtschaft zur Degradation der Böden führt, die auf Dauer durch zusätzliche Düngergaben nicht auszugleichen ist.
Bodo Frommelt
Kolbermoor
Die Forderung der Initiatoren des Volksbegehrens nach 20 bis 30 Prozent Bioanteil an Lebensmittel ist reine Utopie. Da laut neuesten Befragungen die Verbraucher nicht bereit sind mehr für diese Produkte zu bezahlen. Bio ist und wird immer ein Nischenprodukt bleiben. Deshalb wird die konventionelle Landwirtschaft für die Ernährung der Menschen in Deutschland unverzichtbar sein. Man muss bedenken, dass die Landwirtschaft zwölf Prozent des Stromverbrauchs, sieben Prozent Biokraftstoffe, Landschaftspflege, viele Arbeitsplätze bietet, Landschaftspflege betreibt und auch noch 80 Millionen Menschen in Deutschland ernährt. Die Ernährung der Bürger kann man nicht mit Streichelzoos und Blühwiesen sichern.
Sebastian Brunnthaler
Rott
Wer die Reaktionen unserer Bauern in den Leserbriefen zum Thema Volksbegehren verfolgt, kann einiges feststellen: Die Kritik der Bauern richtet sich weniger gegen die Anforderungen des Volksbegehrens, vieles ist alles andere als dramatisch. Da wird gefordert, einen Teil des Grünlandes erst ab dem 15. Juni zu mähen. Dies ist keine neue Erfindung, diese Regelung gab es schon längst im bayerischen Kulap-Programm und wurde von den Bauern sehr gut angenommen. Da steht etwas von Umbruchverbot bei Wiesen und Rodungsverbot bei Feldgehölzen. Diese Verbote sind längst Realität. Dass die Zahl der Biobetriebe nicht der Gesetzgeber, sondern allein der Verbraucher festlegt, haben inzwischen schon die allermeisten begriffen. Unsere Bauern werden immer so viel Bio erzeugen, wie der Verbraucher kauft. Nein, nicht die Forderungen des Volksbegehrens sind es, die für Aufregung sorgen, es ist die Grundaussage des Volksbegehrens: Ihr Bauern alleine seid schuld an den ganzen Problemen. Genau das hat dazu geführt, dass viele Bauern verärgert, ja sogar wütend sind. Von dem Volksbegehren ist ausschließlich die Landwirtschaft betroffen. Dieser grobe Fehler hat dazu geführt, dass ein riesen Keil zwischen Bauern und Städtern getrieben wurde. Die ÖDP und andere Initiatoren des Volksbegehrens wären gut beraten, wenn sie sich bei den Bauern für diesen Fehler entschuldigen würden.
Sepp Strasser
Niederbergkirchen