Zum Bericht „Ein denkwürdiger Trauerzug“ (Bayernteil):
Zum 100. Jahrestag der Ermordung Kurt Eisners, des ersten Ministerpräsidenten des Freistaats nach dem Ende der Monarchie, wird viel Wohlwollendes über ihn geschrieben. So schreibt der Mangfall-Bote von einem „pompösen Trauerzug“, den wohl „über Hunderttausend Menschen säumten“ und folgert daraus „einige Popularität“ Eisners. Dieser schön klingenden Popularität steht das Wahlergebnis der Landtagswahl vom 12. Januar 1919 entgegen, bei der Eisners USPD gerade einmal 2,5 Prozent der Stimmen und drei Abgeordnetenmandate erhielt. Seine Beliebtheit begrenzte sich vermutlich auf progressive Kreise Münchens. Nirgends erwähnt wird aber, dass es auch eine dunkle Seite von Kurt Eisner gibt: Er war durchaus auch kriegstreibender Russland-Hasser. So verlangte er am 27. Juli 1914 — wenige Tage vor Kriegsausbruch — auf einer sozialdemokratischen Kundgebung im Münchner-Kindl-Keller „die Kriegsfurie“ zu „erwürgen“. Er benannte dabei das „zaristische Russland“ als größte Gefahr für den Frieden in Europa. Laut Wikipedia war er von einer „russischen Aggression“ überzeugt. Eisner war aber nicht jemand, der es halt nicht besser wissen konnte. Er war jahrzehntelang Journalist und von 1907 an sogar Chefredakteur der Fränkischen Tagespost. Er kannte sich also aus in der europäischen Politik. Eisner hat sich 1915 dann, als die Saat auch seiner Kriegshetze schon aufgegangen gewesen war, von ebendieser distanziert. Er ließ wissen, es habe einen „Umdenkprozess“ bei ihm gegeben, als er zur Kenntnis nehmen musste, dass sich der russische Zar vor Kriegsausbruch intensiv um eine friedliche Lösung des Serbien-Konflikts bemüht hatte. Könnte es sein, dass sich so etwas auch im Hier und Jetzt wiederholen wird, dass der „Umdenkprozess“ der Russland-bashenden Chefredakteure und Politiker nicht vor, sondern nach einem neuen Kriegsausbruch einsetzt? Wie vor 100 Jahren lautet die Devise also: Glaubt denen nicht, die den Krieg predigen!
Dr. Andreas Strasser
Bruckmühl