Aus dem Leben einer Kuh

von Redaktion

Zum Bericht „Tiertransporte werden eingeschränkt“ (Bayernteil):

Aus dem Leben einer Kuh in Deutschland: Es ist noch keine 100 Jahre her, da wurde ich gebraucht in diesem Land. Ja, einige meiner Artgenossen durften sogar noch richtig arbeiten. Doch heutzutage bin ich fast an allem schuld. Es wäre vielleicht am besten, ich wäre nie geschaffen worden. Meine „Pfleger“ (Landwirte) werden zwar gezwungen, mir schöne, artgerechte und teure Ställe zu bauen, doch in diesen werde ich bald nicht mehr scheißen, bieseln und rülpsen dürfen. Auf die Alm lassen sie mich dann auch nicht mehr, weil ich mich nicht rücksichtsvoll benommen habe. Außerdem machen meine Glocken zu viel Lärm. Neuerdings lieben meine „Aufseher“ („die Gesellschaft“) sogar die Fliegen, Stechmücken, Pferdebremsen und Zecken, die sich bei mir niederlassen. Sogar den bösen Wolf lassen sie auf unsere Kälber los. Ja, man wird in Zukunft auch bei uns die Abtreibung einführen, damit wir nicht so sehr das Klima und das Wasser belasten, und auch wir in ungeahntem Tierwohlstand leben können. Da ich aber sonst in diesem Land nicht mehr gebraucht und geliebt werde, wollte ich, wie meine „Aufseher“, mal in fernen Ländern Urlaub machen. Wegen der Gefahr einer „Inhaftierung“ oder späteren „Ermordung“ und der langen Reise verweigert mir mein Land aber seit Neuestem die Ausstellung der Reisepapiere. Meine Aufseher dagegen dürfen – trotz so mancher Risiken – ungehindert in diese Länder reisen und meine Artgenossen ohne schlechtes Gewissen verspeisen. Jetzt brauchen meine Aufseher noch die neue Seidenstraße, um sich noch mehr Wohlstand ins Land zu holen. Doch was passiert mit mir nun? Ich bin in froher Erwartung auf eine angenehme Schlachtung in meinen Jugendjahren hier in Deutschland, ohne dass ich ein Kalb zur Welt bringen durfte. Noch dazu raten meine Aufseher in den letzten Jahrzehnten vom Verzehr meines Fleisches immer mehr ab. Am Ende muss ich leider feststellen: Am besten wären ich und meine Pfleger in Deutschland schon längst ausgestorben – oder als Hund geboren.

Johannes Stimmer

Tuntenhausen

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