Zum Bericht „Laborfleisch an der Schwelle zum Massenmarkt“ (Weltspiegelteil):
In meiner Doktorarbeit habe ich hunderte Muskelbiopsien von Menschen untersucht, die unter sogenannten neurogenen Muskelatrophien leiden. Den meisten bekannt ist die Krankheit ALS, prominente Patienten sind der Maler Jörg Immendorff oder Physiker Stephen Hawking. Auf den kleinsten und einfachsten Nenner gebracht: Der lädierte Nerv führte zu Muskelschwund.
Am USC Neuromuscular Center LA ist es mir erstmals gelungen, eine funktionsfähige motorische Einheit aus motorischen Nervenzellen des Rattenembryos mit Stammzellen aus der Muskelbiopsie des Menschen zu züchten. Nur so entstehen neue kontrahierende quergestreifte Skelettmuskelfasern. Diese sind morphologisch und biochemisch ausgereift. Ohne diese Nervenverbindung gibt es keine Muskelentwicklung.
Und noch ein weiteres Problem: In der Petrischale oder im Bioreaktor überwuchern Bindegewebszellen alle Muskelstammzellen. Diese Fibroblasten erfordern so etwas wie die Reexplantation der Muskelstückchen und die Chemotherapie in vitro. Von einer Ausbeute an gezüchteter Muskulatur kann man keinesfalls sprechen.
Auch als Mitherausgeber der „Aktuellen Myologie“ habe ich schon viel Zukunftsmusik gehört. Für eine Goldgräberstimmung sehe ich keinen Anlass. Hier möchte ich eindringlich fordern, das Retortenfleisch erst mal gründlich biochemisch und vor allem morphologisch bis zur Elektronenmikroskopie zu analysieren.
Es würde mich nicht wundern, wenn quergestreifte hochkomplexe Skelettmuskelfasern im „echten Muskelfleisch“ fehlen. Eigentlich kann man da gar nicht von Fleisch sprechen.
Dr. Martin Schmidt-Achert
Oberaudorf