Kontroverser Autor und sein Erbe

von Redaktion

Zum Leserbrief „Komplizierter Umgang mit Historie“ (Leserbriefseite) und zum Bericht „Als Ludwig Thoma zum Antisemiten wurde“ (Bayernteil):

Neben Oskar Maria Graf und Lena Christ gehört Ludwig Thoma zu den bedeutendsten bayerischen Schriftstellern. In periodischen Abständen werden die 173 hetzerischen, demokratiefeindlichen und radikal antisemitischen Artikel im Miesbacher Anzeiger aus den Jahren 1920/21 in den Medien thematisiert. Besonders dann, wenn es darum geht, Schulen oder Straßen, die den Namen „Ludwig Thoma“ tragen, umzubenennen. Dem Leserbriefschreiber Richard Bücker kann ich in seiner Analyse der Hintergründe, wie es zum Wandel Ludwig Thomas vom linksliberalen Redakteur des „Simplicissimus“ zum rassistischen Radikalantisemiten kam, weitgehend zustimmen. Der Historiker Michael Brenner sah in seinem Buch „Der lange Schatten der Revolution“ auch die Geschehnisse rund um die beiden Räterepubliken, die maßgeblich von jüdischen Politikern mitbeeinflusst wurden, als Mitursache für Thomas Antisemitismus. Seine Demokratiefeindlichkeit und seine Hetze gegen die Politiker der Weimarer Republik und die Sozialdemokratie wurde wohl maßgeblich von seinem Tarockfreund Dietrich Eckart, dem späteren Chefredakteur des „Völkischen Beobachter“, am Stammtisch im Miesbacher Bräustüberl gefördert.

Trotz meiner Sympathie zur Pflege einer aufklärerischen „Erinnerungskultur“ plädiere ich dafür, Schulen und Straßen, die den Namen „Ludwig Thoma“ tragen, nicht umzubenennen. Man sollte doch Werk und Person trennen. Meine literarische Achtung vor dem Roman „Der Ruepp“ als herausragendes Werk möchte ich mir nicht nehmen lassen. Mein Vorschlag: Im Sinne einer Kontextualisierung könnte man Erläuterungen auf Zusatzschildern oder Texttafeln zu dem Zwiespalt „Werk und Autor“ im Fall Ludwig Thoma andenken. In Schulen wäre das kein Problem, bei Straßenschildern gestaltet sich die Umsetzung schwieriger.

Gert Hilger

Waldkraiburg

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