Tauglichkeitsprüfung für Verkehrsexperten?

von Redaktion

Zum Interview „Null Verkehrstote sind irreal“ (Reportteil):

Die vom Verkehrsexperten für notwendig erachtete Nachschulung ist tatsächlich erforderlich, allerdings nicht für die von ihm ins Visier genommene Zielgruppe der über 75-Jährigen, sondern meiner Meinung nach für ihn selbst – und zwar in mathematischer Statistik.

Seine Expertise: Senioren ab 75 Lebensjahren hätten unter Berücksichtigung der gefahrenen Kilometer-Leistung das gleiche Unfallrisiko wie die Hochrisikogruppe der 18- bis 21-Jährigen. Recht hat er, statistisch gesehen. Leider sind relative und absolute Häufigkeiten aber nicht dasselbe. Als Schulungsmaterial empfehle ich dem Verkehrsexperten das Buch „Risiko“ von Gerd Gigerenzer. Dummerweise hat sein Fallbeispiel nämlich überhaupt nichts mit dem Unfallrisiko zu tun, das von dieser Gruppe auf die Gesamtheit der Verkehrsteilnehmer ausgeht. Er sagt nämlich nichts anderes, als dass diese Seniorengruppe das gleiche Unfallrisiko hätte wie die 18- bis 21-Jährigen, wenn sie genau so viel fahren würden wie diese. Genau das tun sie aber nicht und deshalb ist ihr Einfluss auf das Unfallgeschehen insgesamt eben gerade nicht so hoch, wie von ihm suggeriert. Im Gegenteil, mit zunehmendem Alter wird die jährlich zurückgelegte Kilometer-Leistung immer geringer. Er müsste also eher die Nachschulung für die 18- bis 21-Jährigen fordern. Wäre der Verkehrsexperte Energieberater, würde er mit seiner Logik einem Hausbesitzer in der Sahara dringend raten, seine moderne Gas-Brennwert-Heizung gegen eine alte Ölheizung auszutauschen, weil sie unter Berücksichtigung der jährlichen Laufzeit sehr viel mehr fossilen Brennstoff verbraucht als die alte Ölheizung eines Hausbesitzers in Sibirien.

Jürgen Keil

Vagen

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