Zum Kommentar „Die Volkskrankheit namens Einsamkeit“ (Politikteil):
Wir Deutschen sind zukunftsvergessen, vernachlässigen unser elementares Anliegen, unsere Zukunft in unseren Kindern zu sichern. Wer früher keine Kinder hatte, war im Alter ohne Beistand, arm und hilflos. Heute geht es der Gesellschaft im Ganzen nicht anders: Sie wird arm und hilflos sein, wenn keine Kinder da sind. Diese Selbstverständlichkeit entdecken wir gerade wieder, als wäre es die größte Neuigkeit der Welt. Der Verlust der Unmittelbarkeit ist eine universelle, moderne Lebenserfahrung. Wir bereiten uns nicht in unseren Familien auf unsere Zukunft vor, sondern vertrauen einem Generationenvertrag, ohne den vielleicht noch ungeborenen Schuldner zu kennen. Dialog und Begegnung entschwinden. Die abendliche Unterhaltung und die gemeinsame Lebensplanung weichen dem stummen Blick auf das Fernsehgerät, das informiert, unterhält, aufregt und eine anonyme Gemeinschaft des Wollens und Planens begründet. Die Bindung des Kindes zu Fernsehen und Internet droht stärker zu werden als die zu seinen Eltern. Die gegenwärtige Sicherheit in einer gefestigten Lebenskultur, in einem demokratischen Rechtsstaat, einem sozialen Sicherungssystem, das Krisenvorsorge verspricht, lässt uns eine Scheinsicherheit erfahren, bei der vergessen wird, dass dieses System nicht von Vereinsamung, Armut und Hilflosigkeit schützt, wenn der einzelne Mensch nicht auf helfende Hände zurückgreifen kann. Blicken wir in den Spiegel: Wir werden älter. Doch wenn wir dann das im Hintergrund sichtbare Kind auf den Arm nehmen und mit ihm in den Spiegel schauen, wird unser Gesichtsausdruck im Bann des Kindes freundlicher und hoffnungsvoller.
Wenzel Schuster
Töging