Wissenschaftsfreiheit braucht Meinungsfreiheit

von Redaktion

Zum Kommentar „Amerikas Elite widersetzt sich“ (Politikteil):

Der Kommentar von Claudia Möllers inszeniert Harvard als Leuchtturm der Wissenschaftsfreiheit, bedrängt von einem US-Präsidenten, der offenbar nur seine eigene Wahrheit gelten lassen will. Diese Sorge ist berechtigt, doch das Bild bleibt einseitig. Denn Freiheit, gerade an Universitäten, wird nicht nur durch staatliche Eingriffe bedroht, sondern zunehmend auch von innen heraus.

Nicht nur in den USA, auch hier bei uns in Deutschland beobachten wir: Wer sich zu gesellschaftspolitischen Themen äußert und von der vorherrschenden Meinung abweicht, riskiert Ausgrenzung oder Rufschädigung. Gerade an Hochschulen, die eigentlich Orte der Offenheit sein sollten, wird das Meinungsklima enger. Gewisse Positionen gelten als „nicht sagbar“, Debatten werden zunehmend moralisch geführt, statt argumentativ. Das ist ein schleichender Verlust intellektueller Freiheit. Natürlich ist Antisemitismus kein Mittel der Kritik – weder auf dem Campus noch anderswo. Aber wer pauschal politische Äußerungen zu Israel oder Palästina als extremistisch einordnet, macht sich der gleichen Undifferenziertheit schuldig, die er vorgibt zu bekämpfen. Harvard steht unter Druck – das verdient Solidarität.

Doch eine Uni verteidigt die Wissenschaft nicht allein durch Widerstand gegen politische Einflussnahme, sondern durch echte Debattenkultur, durch Toleranz gegenüber Meinungsvielfalt und den Mut, Ambivalenzen auszuhalten. Diese Haltung braucht jede freie Gesellschaft – auch unsere.

Andreas Einsele

Sauerlach

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